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Auszeichnung Ehrenamt Von Trachten, Tüchern und Tänzen

Von Viviane Offenwanger | 10.12.2016, 05:00 Uhr

75 Ehrenamtliche werden heute im Goldenen Saal zu Schwerin für ihr Engagement ausgezeichnet. Rita Völzer aus Rehna gehört dazu

Rita Völzer hat eine große Leidenschaft. Ganz still und heimlich schlich sie sich in ihr Leben und bereichert es bis heute – die niederdeutsche Sprache. Bereits seit 42 Jahren unterstützt sie inzwischen den „Plattdütschen Verein to Rehna“, veranstaltet niederdeutsche Abende, arbeitet historische Trachten der Gegend wieder auf, studiert Volks- und Bauerntänze ein und begeistert auch junge Menschen für altes Kulturgut. Für ihr Engagement soll sie heute, neben 74 weiteren Ehrenamtlern, von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) geehrt werden.

Für die 77-Jährige fühlt sich das komisch an. „Denn ich mache das alles ja nicht, um einen Preis zu gewinnen, sondern weil es mir so viel Freude bereitet.“ Die Einladung von Herrn Sellering hat sie trotzdem angenommen.

Angefangen hat die Liebe der Rehnaerin zur plattdeutschen Sprache schon in der Kindheit. Obwohl ihre Eltern damals kaum mit ihr „platt snackten“. Damit wollten sie es der Tochter in der Schule leichter machen. „Kinder, die nur plattdeutsch aufgewachsen sind, hatten doch so einige Verständigungsprobleme“, erinnert sie sich. Als Tochter des ehemaligen Bahnhofsvorstehers Paul Buggenthin lebte ihre Familie im großzügigen Bahnhofsgebäude. Ein älterer Mann wohnte mit ihnen dort – der brachte ihr Platt bei. Sein Urenkel ist inzwischen auch dem Rehnaer Verein beigetreten, was Rita Völzer sehr stolz macht. Ihre Liebe zur niederdeutschen Sprache blieb auch in der Familie nicht lange unbemerkt. Ihr erstes plattdeutsches Lesebuch erhielt die heute 77-Jährige von der Oma. Schon ihr Vater hatte daraus in der Schule gelesen. Es folgte „Hanne Nüte un de lütte Pudel“ von Fritz Reuter – nicht das letzte Buch des Dichters, das in ihren Händen landete. Heute sammelt sie sogar seine Werke.

So zog sich sowohl die plattdeutsche Sprache als auch ihre Literatur immer weiter durch Rita Völzers Leben – auch, als gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die Heimatvertriebenen Rehna erreichen und die plattdütsche Sprache „etwas verloren ging“, wie sie sagt. Dank ihres Engagements wird in Rehna jedoch bis heute gesnackt. 1974 – als sie gerade in den Plattdütschen Verein eingetreten war – veranstaltete Rita Völzer den ersten plattdeutschen Abend. „Noch ohne Eintritt, wir wussten ja nicht, ob überhaupt jemand kommt.“ Der Saal wurde rappelvoll und seitdem findet das Ereignis jedes Jahr aufs Neue statt. Im Deutschen Haus in Rehna haben sie sogar eine Ausstellung auf die Beine gestellt. „Es finden sich tatsächlich immer wieder neue Stücke mit langer Geschichte. Ein junges Paar, das in der Nähe ein Haus restauriert hat, fand unter den Dielen zum Beispiel eine sehr alte, wertvolle Weste. Die gehört nun zum Museum“, berichtet Rita Völzer stolz.

Die 77-Jährige kann zu jedem der Stücke eine Geschichte erzählen. Von vielen der ursprünglichen Eigentümer gibt es auch Bildmaterial.

Hintergrund: Trachtenkunde

Bis zum Beginn der 1930er-Jahre trug man in Rehna Trachten. Die kunstvoll verzierten Kleider waren – je nach Gegend – unterschiedlich verziert. So unterscheiden sich selbst Trachten aus Rehna und Schönberg. Rock und Mieder waren bei den Rehnaern im Gegensatz zu den Schönberger Frauen erheblich kürzer. Daher kam auch der spöttische Ausdruck der Schönberger: „In'n Nacken den Dutt, dat Hoor trüchoewer, körte Rock, so äs de Stöwer, wo’s mit de Waden makt Manöwer.“ Die Rehnaer ließen das nicht auf sich sitzen und erwiderten: „Kiek, dor kamens all wedder mit ehr oll Ketteldäuker“. Hiermit waren die mit Pailletten besetzten Brusttücher gemeint.