Ein Angebot des medienhaus nord

Fritz-Reuter-Bühne bringt "Lünkenlarm" ins Staatstheater Uträkent tau Sülwerhochtied

Von Helmut Schultz | 13.10.2011, 12:02 Uhr

Die Stückwahl im Jubiläumsjahr des traditionsreichen Schweriner Theaters ist kein Zufall, stand der Hamburger Schurek (1890 -1966) doch vor fast genau 85 Jahren in Schwerin quasi mit an der Wiege der heutigen Reuter-Bühne.

Die Stückwahl im Jubiläumsjahr des traditionsreichen Schweriner Theaters ist kein Zufall, stand der Hamburger Schurek (1890 -1966) doch vor fast genau 85 Jahren in Schwerin quasi mit an der Wiege der heutigen Reuter-Bühne, die seine Stücke seither immer mal wieder auf den Spielplan setzte. Ditmal nu also de "Lünkenlarm" - een Kummedi.

"Dat is nich ümmer Speuk, wat bi Nacht in Sei ehr Dochter Kamer ümgeiht", das weiß ein altes deutsches Sprichwort schon lange; hier aber wird es zum theatralischen Ereignis - im heimischen Platt genüsslich vom Ensemble der Fritz-Reuter-Bühne auf der Bühne durchbuchstabiert. Ein rätselhafter Unbekannter, der nächtens in die Kammer der blutjungen Alwine eindringt, lässt im ohnehin nicht sonderlich harmonischen Ehealltag von Lisbeth und Eduard Bökel, Inhaber einer Wäscherei, lang zugedeckte Konflikte eskalieren, der Lack blättert ab. In der Wäscherei-Wohnküche der Bökels (Ausstattung Uli Wolf und Gertie Trautvetter) droht ein Scherbenhaufen. Wohin man sieht: Beziehungskrise, Not- und andere Lügen, Seitensprünge und Heuchelei. Un dat uträkent tau de Sülwerhochtied. Woans sall dat utgahn? Regisseur Jörg Schade hat es unternommen, diese fast eher zu einer zeitgenössischen Tragödie reizende Gemengelage mit handfesten Figuren eben doch als die Komödie auf die Bühne zu bringen, die Schurek gemeint hat. Und das ist ihm mit Hilfe seiner sechsköpfigen Darstellerriege gelungen.

Superheuchler von fast tartuffschem Ausmaß

Gerlind Rosenbusch als Lisbeth und Gert Klotzek fetzen sich als silberjubelndes Ehepaar aufs allerfeinste, wobei Klotzek als Superheuchler Eduard von fast tartuffschem Ausmaß den dankbareren Part hat. Wenn er zu Haus den Antialkoholiker und Vegetarier mimt, der sich auswärts besäuft und fleischlichen Genüssen - jeglicher Art - nachjagt, wie er den Unschuldsengel mimt, von einer Lüge in die nächste stolpert, doch immer tiefer in die Bredouille gerät und versucht, sich doch noch irgendwie herauszustrampeln - das hat schon was. Gerlind Rosenbusch überzeugt als die zu lange zu langmütige Ehefrau, die letztendlich Ehe und Ede doch noch in den Griff bekommt. Aber da soll hier noch nicht zu viel verraten werden...


Jens Tramsen ist neuer "Jungkierl von’n Deinst".

Den Kontrast zu den beiden zanksüchtigen Eheveteranen agieren Arja Sharma (Alwine) und Fritz-Reuter-Bühnen-Neuling Jens Tramsen (August). Arja Sharma stellt auch in dieser Komödie wieder einmal ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Das bis über beide Ohren verliebte bebrillte Naivchen, das sich unbedingt verlawen will, gelingt ihr ausgezeichnet. Jens Tramsen hat als schlaksiger August mit Bindungsängsten zu kämpfen, die ihm angesichts des des miserablen Vorbildes von Lisbeth und Eduard auch nicht zu verübeln sind. Er macht das mit viel Sinn fürs Komödiantische richtig gut. Übrigens, Tramsen tritt mit dieser Spielzeit in die Fußstapfen von Sönke Fahl, er ist also in den künftigen Inszenierungen der Fritz-Reuter-Bühne der "Jungkierl vonn Deinst".

Geradezu köstlich die Charakterstudien von Elfie Schrodt und Detlef Heydorn als pucklige Verwandtschaft, die sich selbst zur Silberhochzeitsfeier eingeladen hat und mitten im Schlamassel landet. Heydorns Adalbert ist ein herrlich trotteliger Pantoffelheld, der nur heimlich raucht, sich selbst im Suff nicht traut, seiner Holden mal Kontra zu geben, jedoch deren Abwesenheit sofort nutzt, um mit der niedlichen Plätterin Alwine anzubandeln - allerdings vergeblich. Elfie Schrodt hingegen ist mit fast missmarplehafter Wuseligkeit erfolgreich bemüht, den Eindringling in Alwines Kammer namhaft zu machen. Aber warum ihr das letztendlich überhaupt nichts nützt und ein fragwürdiger Kompromiss die Oberhand gewinnt, muss der geneigte Zuschauer dann schon selbst im Theater sehen.