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“Jekyll & Hyde“ in Schwerin Todfeind seiner selbst

Von Monika Maria Degner | 18.02.2018, 21:00 Uhr

Mit einer prachtvollen Inszenierung der Musicaltragödie „Jekyll & Hyde“ begeistert Schweriner Staatstheater

Die Grenzen, die uns Menschen gesetzt sind, überschreiten! Goethes Faust ruft zu diesem Zweck die Geisterwelt auf den Plan, Robert Louis Stevensons Erzählfigur Dr. Henry Jekyll die Wissenschaft. Am Beginn des Musicals „Jekyll & Hyde“, das Stevensons Novelle recht frei aufgreift ( Text: Leslie Bricusse), steht die obsessive Überzeugung des Arztes, nichts weniger als eine Menschheitsfrage lösen zu können. Mit der von ihm entwickelten Droge JH7 will er das Schlechte im Menschen abspalten und so dem inneren Kampf Gut gegen Böse ein Ende setzen. Im Selbstversuch spritzt er sich das Mittel und verwandelt sich in ein böses Alter Ego, genannt Edward Hyde. Das alles hat schon etwas von Größenwahn. Jekylls Fallhöhe ist gewaltig. Wir ahnen, dass er auch gewaltig scheitern wird.

„Groß“, aber in ganz anderem Sinne, ist auch die Schweriner Inszenierung. Es hat in der Vergangenheit Versuche gegeben, dieses Musical sparsam mit minimalistischen Mitteln aufzuführen. Aber Regisseur Kay Kuntze hat zur schwelgerischen, effektvollen Musik des Komponisten Frank Wildhorn eine ebenso opulente Inszenierung auf die Bühne gestellt. Einhundert Menschen, darunter Opernchor und Tänzer, sind darstellerisch beteiligt und lassen ein wunderbar suggestives Bildertheater (Ausstatter Duncan Hayler) entstehen.

Einen letzten Anker der Distanz zu diesem Ansturm auf die Sinne böte vielleicht der von Hayler entworfene guckkastengroße Rahmen. In seinen Grenzen nämlich bewegt sich das Spiel. Nur Hyde fällt buchstäblich aus dem Rahmen, stürmt auf einem Mittelsteg wild bis in den Zuschauerraum vor.

Zweiseitigkeit, Zweipoligkeit ist analog zur Story auch ein Prinzip der Ausstattung. Die Kostüme zum Song „Fassade“ zum Beispiel sind genau in der Mitte geteilt. Und auch der Rahmen hat seine zwei Seiten, eine güldene, streng bürgerliche und eine bunt und kalt illuminierte. Von Gegensätzen ist ebenso die Musik bestimmt. Wie anrührend gefühlvoll beginnen die meisten Solosongs. Langsames Tempo, Streicherschmelz, lang ausgesungene Töne auf den Vokalen der bedeutungsstarken Wörter – und dann die Zäsur, Tempuswechsel, ansteigende Lautstärke, E-Bass, Kontrabass, Trommel, Pauke und Kollegen. Stark arbeitet die Staatskapelle unter der Leitung von Michael Ellis Ingram diesen Kontrast heraus, schleudert die poppigen, dunklen Crescendi unter die Leute. Das geht unter die Haut! Gleiches gilt für die „Massenszenen“. Kurze Notenwerte, beschleunigter Rhythmus unterstreichen die öffentliche Aufregung der Straße etwa im Song „Mörder“.

Hat Jekyll alias Hauptdarsteller Marc Clear von JH7 genascht, wird er, wie bereits angedeutet, zu Hyde und lebt das unterdrückte Böse in sich aus. Clears Stimme als Hyde ist dunkel und brüchig. Ab und zu entringt sich der schwarzen Seele ein bestialisches Knurren. Am Ende, kurz bevor er die Prostituierte Lucy, die Jekyll liebt, wie selbstverständlich massakriert, nimmt die Stimme eine widerwärtige Schärfe an, überhaupt wechselt Clear zwischen den beiden Ichs seiner Doppelrolle mit erstaunlicher Präzision und Kraft hin und her.

Lucy und Lisa, letztere eine junge Aristokratin (Marie-Theres Anselm), sind jeweils den beiden Seiten der Hauptfigur zugeordnet. Lucy dem triebhaften Hyde, mit Lisa ist der Doktor verlobt. Lucys Part gilt als Starrolle. Diese füllt die holländische Sängerin Femke Soetenga absolut überzeugend aus. Neben ihrer klangvollen Stimme bringt sie Frische, große Bühnenwirkung und Sexappeal mit. An dieser Stelle können naturgemäß nicht alle Leistungen gewürdigt werden, eine Rolle aber sei zum guten Schluss noch erwähnt, die des John Utterson, Anwalt und Freund Jekylls (Cornelius Lewenberg). In all dem Wahnsinn tritt er mit ruhiger Grazie als Erzähler an die Rampe, wird zum distanzierten Chronisten des Prozesses, in dem ein Dr. Henry Jekyll sich schließlich an das eigene Böse verlieren wird.

Mehr Informationen:

Info

„Jekyll & Hyde“: Bis 28. Mai 2018 12 weitere Vorstellungen des Musicals im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin. Kartentel.: 0385 53 00-123