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Meisterwerk und Virenschleuder zugleich Welttag der Handhygiene: Noch nie war das Waschen so wichtig

Von kna | 05.05.2020, 02:01 Uhr

Hände sind Meisterwerke der Evolution. In Zeiten von Corona sind sie allerdings als Risikofaktoren in Verruf geraten.

"Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten", verkündete Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) 2017 in seinem umstrittenen Zehn-Punkte-Katalog zur deutschen Leitkultur. "Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand."

So schnell kann eine Leitkultur überholt sein. In Zeiten der Corona-Krise sind Hand-Shakes verpönt. Und auch die Hände an sich sind in Verruf geraten: Sie sind nach Auskunft von Medizinern der wichtigste Übertragungsweg für die meisten Infektionskrankheiten. Deshalb hat die Weltgesundheitsorganisation den 5. Mai zum Welttag der Handhygiene ausgerufen. Die Symbolik ist einfach: Der 05.05. erinnert an die zwei Mal fünf Finger der menschlichen Hände.

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Hände sind Virenschleudern

Geschätzte 10 Millionen potenziell krankheitserregende Mikroorganismen finden sich auf den Händen jedes Menschen. Bis zu 80 Prozent aller ansteckenden Krankheiten werden nach Angaben der Bundesagentur für gesundheitliche Aufklärung über die Hände übertragen. Kein Wunder, denn Hände haben permanenten Kontakt zu Türklinken, Haltegriffen in Bussen und Bahnen und Smartphone-Displays. Berührt man mit den Händen dann das Gesicht, können die Erreger über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen. Richtiges Händewaschen unterbricht diesen Übertragungsweg.

Meisterwerk der Evolution

Das alles darf nicht vergessen lassen: Hände sind Meisterwerke der Evolution. Mondbein, Kahnbein, Erbsenbein: Zwischen Daumen und kleinem Finger, Rücken und Teller der menschlichen Hand spannt sich eine verwirrende Landschaft von Muskeln, Sehnen und Bändern. Von den rund 210 Knochen, die den menschlichen Körper stützen, gehören allein 54 zu beiden Händen. Rund 40 Muskeln und an die 20 Scharnier-, Kugel-, Sattel- und Ei-Gelenke treten in Aktion, wenn Babys greifen, Kinder einen Ball fangen, Bäcker Teig kneten oder Autofahrer wütend die Faust ballen. Hände lassen sich entlang von 22 Achsen bewegen.

Hände stellen Kontakt zur Umwelt her

Doch Hände sind nicht nur komplizierte Greif-, sondern auch sensible Sinnesorgane: Sie ertasten Blindenschrift, können streicheln, segnen und sogar heilen. Zehntausende von Tast-, Druck-, Schmerz- und Temperatursensoren – dazu allein 400 Schweißdrüsen pro Quadratzentimeter – stellen den Kontakt zur Umwelt und zum Mitmenschen her. "Wer eine Erdbeere abpflückt, weiß schon vorher instinktiv, wie schwer die Frucht ungefähr sein wird, und ob sie sich hart oder weich anfühlen anfühlt", beschreibt der Münsteraner Orthopäde Hans Henning Wetz das viel beschworene Fingerspitzengefühl. Sonst würde er die sensible Frucht zerquetschen. Zwischen Händen, Augen und Gehirn gibt es also ein in Jahrmillionen entwickeltes intensives Zusammenspiel.

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Hände in der Sprache und Kulturgeschichte

Auch in Sprachen und Kulturgeschichte der Menschheit hat sich die Bedeutung der Hand niedergeschlagen. Mehr als tausend Redensarten zum Thema Hand verzeichnet das fünfbändige Deutsche Sprichwörter-Lexikon aus dem Jahr 1880, wie Rolf-Bernhard Essig in einem jüngst erschienen Bändchen des Duden-Verlags zu "Redensarten von Kopf bis Fuß" schreibt. Wer alle Trümpfe in der Hand hält, kann gut verhandeln. Wer um die Hand eines anderen anhält, wird seine Hände auch für ihn ins Feuer legen. Und wer etwas in die Hand nimmt, hat hoffentlich nicht zwei linke Hände.

Selbst Gott wird in der christlichen Bilderwelt und Sprache immer wieder durch seine Schöpfer-Hände charakterisiert: "Du bist unser Töpfer, und wir alle sind Deiner Hände Werk", lobt der Prophet Jesaja in der Bibel. Und in Psalm 31 heißt es: "Meine Zeit steht in Deinen Händen."Hände haben auch ihre eigene, ursprüngliche Sprache: Wer müde ist, nimmt sie vor's Gesicht; wer mutlos ist, versteckt sie hinter seinem Rücken. Selbst von Geburt an blinde Kinder benutzen gleiche oder ähnliche Gesten wie ihre sehenden Altersgenossen. Man muss die Gesten gar nicht erst lernen. Doch es gibt auch Hand-Zeichen, die von "Vorbildern" übernommen werden: Effenbergs "Stinkefinger", der Tramper-Daumen, Churchills "V" für "Victory" oder der Hitler-Gruß sind allgemein verständliche Zeichen westlicher Gesellschaften geworden.

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