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Beginn der fünften Jahreszeit Suff, Sexismus, schale Scherze?

Von Jonas-Erik Schmidt | 11.11.2015, 21:00 Uhr

Die Karnevalssession hat begonnen – für die einen die schönste Jahreszeit, für andere der blanke Horror. Auch in MV wurde kräftig gefeiert.

Es gibt wieder diese Bilder, es gibt sie jedes Jahr: Menschen stehen etwas fröstelnd auf irgendeinem Rathausplatz, tragen ein Bienen-, Matrosen- oder Krankenschwesterkostüm und genehmigen sich schon vormittags ein Schlückchen. Mit dem 11. November beginnt die Karnevalssession. Für Karnevalisten ist es eine Art Feiertag, bei anderen reichen die Gefühle von Unverständnis bis Fremdschämen. Hier sind ihre Argumente, formuliert in vier Thesen – und Antworten der Karnevalisten darauf:

5. Jahreszeit in Rostock

Tina und Nico an der Macht

Meinung – anns
Pünktlich um 11.11 Uhr haben gestern Tina I. und Nico I. ihre Regentschaft im Rostocker Rathaus angetreten. Gemeinsam mit 80 Narren der drei Rostocker Karnevalsvereine nahm das Prinzenpaar des Rostocker Karneval Clubs (RKC) den Schlüssel des Amtsgebäudes aus den Händen von Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) entgegen und löste Jubelstürme aus. „RKC olé, Rostock Ahoi und Döschkopp hinei“, hallte es danach in Anlehnung an die drei Rostocker Vereine RKC, Warnow und Markgrafenheide durch die Rathausflure. In der ersten Etage legten die Narren prompt eine flotte Sohle auf das Parkett: Kindergarde, Minis, die Seesterne und die Prinzengarde zeigten vor zahlreichen Schaulustigen ihr Können. Mit großem Applaus bedacht wurden auch die nagelneuen Kostüme, die Schneiderin Katrin Radant in den vergangenen Monaten in mühevoller Arbeit anfertigte. Im Eifer des Gefechts erklärte Methling sich und Bürgerschaftspräsident Wolfgang Nitzsche (Linke) spontan zu den neuen Chefs der Jecken. „Wir führen ja beide quasi schon einen Karnevalsverein an, für den dritten Rostocker Club erklärt sich bestimmt Herr Bockhahn bereit“, so Methling, der das Gelächter der Anwesenden auf seiner Seite hatte. Weniger gut an kam gestern im Rathaus das Fehlen der Rostocker Brauerei, die dem Treiben erstmals seit 25 Jahren fern blieb. „Ich hatte extra mehrfach angerufen“, so RKC-Präsident Sebastian Tippelt. Bei der Improvisation bewies Methling jedoch Geschick und reichte drei Gläser mit trübem Bier. „Die Färbung sehe ich als deutliches Signal in Richtung Brauerei“, erklärte der OB.
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These: Karneval ist vom Kalender verordnete Lustigkeit. Ich lasse mir nicht vorschreiben, wann ich fröhlich sein soll! Hermann Schmitz, der 1993 „Prinz Karneval“ in Düsseldorf war, hält die Gegenrede: „Für mich ist nach Aschermittwoch vor Aschermittwoch. Ich bin überhaupt nicht auf irgendeinen Tag festgelegt.“ Es gehe bei den „Jecken“ doch eher um eine Lebenseinstellung. Marlies Stockhorst, Präsidentin des Festausschusses des Bonner Karnevals, verweist darauf, dass der Zeitpunkt der Feier nun einmal mit dem Kirchenjahr zusammenhänge. Sie beschwichtigt die Karnevalsskeptiker: „Wir wollen keinen missionieren.“

Karneval in Schwerin

Brautpaar trifft Prinzenpaar

Meinung – METT
Diese Hochzeit sprengte alle Rahmen: Eigentlich wollten Peggy Maak und Torsten Schröter gestern in aller Stille heiraten, sich nur ganz schnell das Ja-Wort geben. Doch da hatten sie die Rechnung ohne die Crivitzer Karnevalisten gemacht. Denn was die Brautleute aus Banzkow nicht wussten: Vor dem Bürgerhaus in Crivitz, in dem sich das Standesamt befindet, erfolgt immer am 11.11 um 11.11 Uhr die Schlüsselübergabe von der Stadtspitze an den Karnevalspräsidenten. Und da die Hochzeit für 11 Uhr angesetzt war, gab es kein Entrinnen. „Der Termin ist kein Zufall“, verrät die Braut. „Wir haben uns vor genau 20 Jahren beim Karneval in Banzkow kennen gelernt und sind seitdem ein Paar.“ Die Beiden sind zudem mehr als Karnevalfans, sie machen beim BCC, dem Klub in ihrem Heimatdorf, mit. „Aber hinter der Bühne“, betont Torsten Schröter. „Wir stehen nicht so gern im Rampenlicht.“

Das haben die Banzkower mit einem anderen Paar gemeinsam, dem amtierenden Crivitzer Prinzenpaar Maren I. und Thomas IV. Das gehörte gestern nach der Trauung zu den ersten Gratulanten. Maren Tiedtke und Thomas Glaser sind auch im echte Leben ein Paar. Vor den Traualtar haben sie sich noch nicht getraut, aber immerhin schon auf die Karnevalsbühne. „Und das haben wir nicht bereut“, unterstreicht Thomas Glaser. Und seine Partnerin und Prinzessin unterstreicht: „Wir haben viele tolle Erlebnisse gehabt. Und einige folgen ja noch.“

Dabei hatten Maren Tiedtke und Thomas Glaser bis zum Beginn dieses Jahres mit dem Karneval eigentlich nichts zu tun. Als die Crivitzer damals auf die Suche nach einem Prinzenpaar für die 31. Saison gingen, wurden Maren Tiedtke und Thomas Glaser angesprochen.

„Es ist in Crivitz ja bis zu ersten Hauptveranstaltung im Winter immer ein Geheimnis, wer das Prinzenpaar ist“, erläutert CCC-Präsident Fritz Schmidt. Das war bei Maren I. und Thomas IV. nicht anders. „Selbst unsere durchweg karnevalsbegeisteren Nachbarn ahnten nichts, bis kurz vor dem ersten, gemeinsamen Auftritt“, erzählt Maren. Für die Prinzessin wurde extra ein bayrisches Kleid entworfen und von Simone Burß geschneidert. Für den Prinzen eine entsprechende Tracht mit Lederhose gekauft. Denn in Crivitz kleidet sich das Prinzenpaar entsprechend des Mottos. Und das lautet in diesem Jahr „Wies’n, Hits und Sause – der CCC macht keine Pause“.

Für die neue Karnevalsaison in Crivitz steht das Thema schon fest. Aber auch das wird noch nicht verraten. Das erfolgt am Sonnabend: Am 14. November um 19.30 Uhr beginnt in der Crivitzer Mehrzweckhalle am Gymnasium eine Abendveranstaltung, bei der die 32. Saison eingeläutet wird. Der Kartenvorverkauf läuft, Restkarten gibt es an der Abendkasse.

Auf die Vorstellung des neuen Prinzenpaares müssen die Crivitzer noch bis zum Februar warten. Dieses Geheimnis wird erst bei einer Gala in der närrischen Hauptsaison gelüftet.

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These: Karneval ist nur ein großer Vorwand, um sich hemmungslos zu betrinken. „Ich kann aus Erfahrung sagen, dass Karneval sich mit wenig oder keinem Alkohol auch gut feiern lässt – besonders der Straßenkarneval“, entgegnet Victoria Riccio, die in Köln eine Sitzung mitgegründet hat, die multikulturell den Blick von Zugezogenen aufgreift. Das Alkohol-Problem sei ja kein anderes als bei anderen Großveranstaltungen auch, meint die Bonner Karnevalistin Stockhorst. „Das Problem kann der Karneval nicht lösen.“ Und man sei in der Präventionsarbeit aktiv.

Dabel

Mit Planwagen und Pferden dem Volk vorgeführt

Meinung – ELKE
Pünktlich um 11.11 Uhr schlug gestern auch für das Dabeler Narrenvolk die Stunde der Machtübernahme. Nachdem der Präsident des KCD, Manfred Schliehe, und weiteres Gefolge den Bürgermeister von zu Hause abgeholt und ihn im Deutschkämerschen Planwagen mit zwei Schimmeln zum Festplatz vor das Feuerwehrhaus gebracht hatten.

Dort standen schon etliche Besucher sowie die Tanzgarden des KCD zum Empfang von Bürgermeister Herbert Rohde bereit. Präsi Manni eröffnete die fünfte Jahreszeit mit dem ersten Karnevalsschlager. „Wir lassen auf den Karneval nichts kommen“, erklang es aus vielen Kehlen. Unterstützt von Hofmarschall und Zeremonienmeister DJ Harry und den Dabeler Müllerburschen. In seiner Rede an das närrische Volk erzählte der Präsi dann voller Stolz, dass der KCD jetzt bereits in die 60. Saison starte.

Und leicht angesäuert: „Es gab mal Zeiten, da war der Dorfzusammenhalt noch viel besser. Doch wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass Dabel irgendwann wieder zu einer Hochburg des Karnevals wird.“ Dieses Versprechen wurde mit dem Schwur auf die Landesfahne bekräftigt. Das Motto in dieser Jubiläums-Saison soll dann auch an vergangene Zeiten erinnern: „Nach 60 Jahren ist es nun so weit für eine Reise in die KCD-Vergangenheit!“

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These: Karneval bedient dumpfe Stereotype. Frauen verkleiden sich als „sexy“ Krankenschwester, Männer tragen Uniform. Dazu äußert sich erneut Stockhorst: „Im Karneval wird das Seelenleben eines jeden Menschen bedient. Mal der zu sein, den man sich insgeheim schon immer wünschte.“

Karneval in Lübz

Lübzer Minister bessere Tänzer als gedacht

Meinung – ILBA
Zum Auftakt der gestern um 11.11 Uhr eröffneten fünften Jahreszeit hat Bürgermeisterin Gudrun Stein ihre mit dem Lübzer Karnevals-Club LKC ’54 e.V. abgeschlossene Wette verloren. Sie traute dem Elferrat nicht zu, dass er es schafft, elf verschiedene Tänze von Syrtaki über Lambada bis Tango einzustudieren und in passender Kleidung vor dem Publikum aufzuführen – unterschätzt, wie sich zeigte. Die Männer hatten eifrig trainiert und sich dafür sogar professionelle Hilfe durch einen Tanzlehrer geholt. Die Bewertung durch die Bürgermeisterin fiel unterschiedlich gut aus, doch letztlich musste sie sich geschlagen geben.

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These: Es weiß doch sowieso keiner mehr, warum man Karneval feiert. Das ist nur noch ein „Event“ unter vielen. „Das sehe ich mal ganz anders“, sagt der Düsseldorfer Ex-Prinz Schmitz. Aber er gibt zu: Ihn ärgere es auch, dass der Karneval immer kommerzieller werde. Dennoch: „Jeck“ zu sein, sei nicht an ein irgendwie geartetes Event gebunden. Die Kölnerin Riccio springt ihm bei: „Es gibt viele Menschen, für die Karneval und ,Brauchtum‘ eine große Bedeutung hat – oft seit der Kindheit.“ Marlies Stockhorst gibt sich derweil versöhnlich: „Leeve und leeve losse.“ Übersetzt: „Leben und leben lassen.“