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Mecklenburg-Vorpommern Staatsoberhaupt im zweiten Anlauf

Von Christoph Slangen | 20.02.2012, 05:47 Uhr

Eine Siegerin sieht anders aus.

Angela Merkel lächelt angestrengt, als sie den Nachfolger für Christian Wulff, den parteiübergreifenden Kandidaten für das Bundespräsidentenamt am Abend im Kanzleramt präsentiert: „Dieser gemeinsame Kandidat ist der Bürgerrechtler und frühere Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde Joachim Gauck“, verkündet die Kanzlerin. Es ist 21.18 Uhr und Gauck sitzt zu ihrer Rechten, neben ihm SPD-Chef Sigmar Gabriel. Der ist deutlich entspannter: „Ende gut, alles gut“, lautet sein Fazit eines dramatischen Tages. Die Personalie Gauck hatte die schwarz-gelbe Koalition an den Rand des Scheiterns gebracht, die FDP hatte Gauck erst ermöglicht, die Kanzlerin zu einer abrupten Wende gezwungen. Die Suche nach dem Konsenskandidaten für Schloss Bellevue war zum dramatischen Koalitionskrimi geworden. Doch jetzt, für einige wenige Minuten, gilt es Gemeinsamkeit zu demonstrieren. Die Kanzlerin lobt Gauck, den sie bis zuletzt verhindern wollte: Erst am frühen Abend war sie umgeschwenkt, hatte den 72-jährigen akzeptiert, weil ihre Koalition ernstlich in Gefahr war. „Das Wichtigste dabei ist, dass Sie mir Vertrauen entgegengebracht haben“, sagt Gauck nun zu Merkel. „Vorschusslorbeeren“ aller Parteichefs, die möchte er sich erst verdienen.


Ende gut, alles gut? „Ein guter Anfang“ sei es, sagt FDP-Chef Philipp Rösler, der letztlich Gauck durchgedrückt hatte. Die FDP-Spitze unterstütze gestern den SPD-Favoriten für das Bundespräsidentenamt Gauck – die Union lehnte lange ab. „Wir setzen auf volles Risiko“, meinte ein Regierungsmitglied der Liberalen. Eine rot-grün-gelbe Ampel-Koalition in der Bundesversammlung drohte. Und die schwarz-gelbe Regierung schien am Abgrund: Von der schwersten Krise seit Bestehen des christlich-liberalen Regierungsbündnisses war die Rede, das Gespenst des Koalitionsbruchs war plötzlich ganz gegenwärtig, die Fronten bis kurz vor der geplanten Zusammenkunft im Kanzleramt verhärtet. Um 20 Uhr wollte die zerstrittene Koalition das Gespräch mit der SPD und Grünen suchen, um vielleicht doch noch einen für alle beteiligten Parteien akzeptablen Ausweg aus dem Dilemma zu finden. Der Termin wurde um eine halbe Stunde verschoben, unterdessen hatte die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende eine erneute Wende vollzogen: Grünes Licht für Gauck – Merkel musste einen Rückzieher machen.


Die FDP-Spitze hatte hoch gepokert – und gewonnen. Markus Söder (CSU), bayerischer Finanzminister, sprach von einer Quasi-Erpressung. Die Liberalen hatten nicht ausgeschlossen, am Ende mit Rot-Grün für Gauck zu stimmen, auch gegen die Union. Auf liberaler Seite gab man sich cool: Das sei kein Verhalten, das zu einem Koalitionsbruch führen würde, hieß es bei Regierungsmitgliedern. Bei der Wahl des CDU-Kandidaten Roman Herzog 1994 habe die FDP mit Hildegard Hamm-Brücher gar eine eigene Gegenkandidatin aufgeboten – die allerdings im dritten Wahlgang nicht mehr angetreten war. „Für die Kanzlerin wäre das der Kriegsfall“, war hingegen Parteienforscher Jürgen W. Falter überzeugt. Um das Scheitern ihrer Regierung zu verhindern, gab Merkel nach.


Gestern um 15 Uhr waren die Beratungen der Koalitionsspitze im Kanzleramt in die Sackgasse geraten. Getrennt führten FDP und Union Telefonschaltkonferenzen mit ihren Führungsgremien durch. Die Abfrage bei den FDP-Präsidiumsmitgliedern ergab: Eindeutiges Ja zu Joachim Gauck, Ablehnung der beiden übrigen Kandidaten, die noch im Rennen waren, Ex-Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) und der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber. Mit dem Votum der Spitze pro Gauck setzten FDP-Chef Philipp Rösler und Fraktionschef Rainer Brüderle der Kanzlerin gestern Nachmittag gewissermaßen die Pistole auf die Brust. Kaum war die FDP-Präferenz über die Agenturen gemeldet, kam das Nein der Union: Der 72-jährige Gauck sei CDU und CSU nicht zu vermitteln, hieß es.


Der 2010 gegen Wulff erst im dritten Wahlgang unterlegene Gauck wurde damals als „Präsident der Herzen “ gefeiert. Es war zwar etwas still um ihn geworden, doch tourt er auf Lesereise mit seiner Autobiografie „Winter im Sommer, Frühling im Herbst“ durch volle Säle. Die Anziehungskraft hat er nicht verloren. „54 Prozent wollen Gauck“, titelte die Bild am Sonntag gestern nach einer Blitzumfrage. Er selbst schwieg sich aus: „Rufen Sie doch Frau Merkel an“, beschied er Nachfrager bei einer Podiumsdiskussion in Wien keck. Er habe zu dem Thema die ganze Zeit nichts gesagt: „Deshalb warte ich mal – bis morgen oder übermorgen. Schau’n wir mal.“ So lange musste er nicht warten.