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In Geisterbahn, Kaufhaus & Co. Fantastische Figuren aus MV erfreuen Menschen weltweit

Von Sebastian Lohse | 07.10.2021, 18:10 Uhr

Die Schweriner Firma von Hippel produziert lebensecht wirkende Figuren für den Weltmarkt. Von gruselig bis niedlich. Ein Besuch.

Als Harald von Hippel einen Schalter in der großen Halle umgelegt, kommt plötzlich Leben in den Raum. Schon beginnt ein Elefant zu tanzen und eine von Affen besetzte Palme zu wackeln. Das Highlight steht aber vor dem großen Regal: ein meterlanger Weihnachtszug. Die Räder drehen sich, weihnachtliche Musik samt Glockenklang ertönt und detailreiche Szenerien innerhalb der Waggons lassen den Betrachter wieder zum Kind werden. Elfen spielen auf ihren Instrumenten, Mäuse naschen Süßes in der Küche, Teigklumpen rollen in den Ofen und kommen als fertige Kuchen wieder heraus. Weihnachtsstimmung pur.

Weiße Schale, bunter Kern

Die von außen unscheinbare Lagerhalle verrät nichts über deren Innenleben. Nur ein kleines Schild neben dem Eingang gibt Aufschluss: von Hippel GmbH. Nachdem der Eingangsbereich passiert ist, offenbart der erste Raum einen Einblick hinter die Kulissen. „Das ist unser Kreativraum“, erklärt Firmeninhaber Harald von Hippel. „Hier schmieden wir Pläne und Ideen.“

Mit „wir“ meint er vor allem seine Frau und sich. Zwischen antiken Möbeln finden sich zahlreiche Details: riesige Bücherrücken mit Märchentiteln, bunte Lollis auf dem großen Holztisch und Köpfe, die einem entgegenblicken. Letztere sind ein Bestandteil der Figuren, die hier im Süden Schwerins auf 3000 Quadratmetern aufwendig gefertigt werden.

Auf der Suche nach einem Figurenhersteller landen die Kunden irgendwann bei von Hippel. Was bekommen sie hier? „Wenn sie beispielsweise ein langweiliges Produkt haben, können sie mit unseren Figuren Aufmerksamkeit erzeugen“, erläutert er. Am Ende gehe es darum, ein Erlebnis zu bieten. So stehen die fertigen Produkte in Einkaufscentern und Freizeitparks.

Figuren gehen in die ganze Welt

Hinter einer grauen Tür offenbart sich eine bunte Welt. In der Mechanikabteilung lässt eine Flex Funken sprühen. Zwei Mitarbeiter entfernen gerade ein Lagerteil, um es zu reparieren. Hier ist bereits Halloween. Ein Untoter versucht aus einer Kiste zu kriechen. Statt eines Unterkörpers hängen Schläuche, Kabel und ein Steuerungskasten unter ihm. Als Harald von Hippel dessen Arme bewegt, wirkt der Untote erschreckend lebendig. Nur das Schreien fehlt noch.

Solche Monster landen später in Geisterbahnen. Vor allem in den Niederlanden und Frankreich ist Horror dem Firmenchef zufolge gefragt. Das Unternehmen liefert seine Figuren in die ganze Welt. Hauptabnehmer sind die Schweiz, die Niederlande, Italien und Dänemark. Der Auftrag mit dem weitesten Weg war „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Die Lieferung ging nach Neukaledonien, etwa 1500 Kilometer östlich von Australien.

Vom Niederrhein nach Schwerin

Die Kreativität bringen von Hippels von Berufs wegen mit. Harald von Hippel hat bei einer Firma in Dänemark Schaufensterfiguren geschminkt. Im Laufe der Zeit kamen 24.000 Make-ups zusammen. „Dann hatte ich die Faxen dicke“, erinnert er sich. Er machte sich selbstständig und seine Ehefrau Kathrin unterstützte ihn. Als gelernte Goldschmiedin konnte sie ihr Talent perfekt mit einbringen. So gründeten sie 1993 ihr Unternehmen in Wesel am Niederrhein. Dort wurde es ihnen knapp 20 Jahre später zu eng und sie kamen nach MV. „Wir wollten in den Norden und dieses Objekt war auf die Bedürfnisse der Firma zugeschnitten“, schildert der Geschäftsführer. Seit 2014 fertigen sie in Schwerin.

In der Tischlerei werden gerade kleine Holzschweinchen hergestellt. Vor allem aber sieht man Zäune. Das hat einen ganz praktischen Grund. „Es gibt nirgendwo Zäune zu kaufen, die nur 50 Zentimeter hoch sind“, erklärt Harald von Hippel. Damit die Kinder ihre Arbeiten später sehen können, müssen sie aber so niedrig sein. Daher baut man die Zäune hier selbst.

Von Köpfen, Klauen und Kiefern

In der Lackiererei warten bereits ein Monsterkopf und die passenden Klauen auf den nächsten Arbeitsschritt. Daneben hängt eine Vorlage von Innereien eines Untoten, die aus dem Internet stammt. „Schön kann man von allein, aber hässlich muss man nachschauen“, erklärt der Chef.

Gefertigt sind die Teile aus Polyurethan, was beispielsweise auch für Schuhsohlen verwendet wird. Daneben finden sich Teile eines Kiefers. Sie kommen frisch aus dem 3D-Drucker, was auch die Kosten niedrig hält. „So ein Unterkiefer dauert etwa elf Stunden und kostet 37 Cent für Strom“, erklärt er.

Auf Dutzende Regale verteilen sich unzählige, durchnummerierte Gussformen. Darunter bis zu 200 Handtypen. Jede Nummer steht für ein Teil, das der Kunde in einem Katalog wiederfindet. Aus der Kombination mehrerer Teile kann er so die Figur zusammenstellen, die er möchte.

Die Formen werden mit Kunststoff befüllt und weiterverarbeitet. Jährlich entstehen so 200 bis 300 Figuren, die bis zu 8000 Euro kosten. Neben dem Verkauf von Neuware verdient das Unternehmen durch Reparaturen und Verleih der etwa 500 Figuren aus seinem Lager.

Corona traf die Firma

Vor Corona war die Firma mit einem Jahresumsatz von 700.000 Euro sehr profitabel. Seit Beginn der Pandemie ist das anders. „Wir haben zur Kenntnis nehmen müssen, dass wir mit unseren Figuren genau das Publikum ansprechen, das durch Corona mit einer Art Berufsverbot belegt war“, so von Hippel etwas wehmütig. Freizeitparks waren dicht, Jahrmärkte gab es nicht. Statt zehn Mitarbeitern sind es aktuell noch sechs. „Durch Corona-Hilfe und Stoffmaskennähen ergab sich ein leidliches Auskommen“, sagt Harald von Hippel. „Aber man sieht schon Licht am Ende des Tunnels“, ergänzt seine Frau optimistisch.

Alles wird in Handarbeit umgesetzt

In der Schneiderei wird gerade ein neuer Auftrag bearbeitet. Mitarbeiterin Malgorzata Ize und Kathrin von Hippel suchen die Mechanik zusammen. Sie können aus über 30 Typen wie „Arm bewegt sich links“ wählen. Diese kleinen Roboter-Körper werden so verpackt, dass sie am Ende wie Wichtel aussehen. Von der Wimper bis hin zum Knopf aus Gartenholz wird jede Figur ein echtes Unikat. „Die Abwechslung ist sehr schön“, sagt die Schneiderin Malgorzata Ize freudestrahlend. „Es ist jeden Tag immer was anderes.“ Die Leidenschaft kann man ihren Figuren ansehen. Seit sechs Jahren arbeitet sie hier. Bis zu eine Stunde brauche es, eine solche Figur komplett einzukleiden, erklärt die Schneiderin.

Einige der Figuren erinnern an Puppen, doch da gibt es eine klare Abgrenzung. „Mit Puppen spielt man“, sagt Harald von Hippel. Die Objekte, die seine Firma produziert, sind als Spielzeug nicht zugelassen. Sie werden nach Maschinenrichtlinie gebaut. „Im Grunde sind es verkleidete Maschinen.“

Sind die Produkte fertig, werden sie mit Holzgestellen sicher verpackt und auf den Lkw verladen. Aktuell warten mehrere Osterhasen in Luftpolsterfolie auf ihre Auslieferung. Sie werden für die Erstellung eines Katalogs benötigt.

Weihnachten im Lagerraum

Die Augen von Maik Geese leuchten, als er den Weihnachtszug sieht.

Er hat eigentlich eine eigene Firma, hilft aber seit drei Jahren vor allem in der Tischlerei. „Man entdeckt immer wieder was Neues“, sagt er. Bei den Details allein am Zug glaubt man das gern. So drehen sich die Räder des letzten Wagons andersrum. Die Erklärung ist einleuchtend: „Das muss so, sonst fährt der ja aus dem Kaufhaus raus“, erklärt er lachend. Der Zug kann von Kunden gemietet werden und geht in diesem Jahr nach Ingolstadt.

Es ist eine magische Welt, deren Äußeres nichts von dem bunten Treiben hier drinnen widerspiegelt. Ständig dreht und bewegt sich irgendwo etwas. Damit das auch in Zukunft so bleibt, stellt sich die Nachfolgerfrage. Ihre älteste Tochter könne sich vorstellen, die Firma irgendwann mal zu übernehmen, sagt Kathrin von Hippel. „So lange wollen wir gern noch durchhalten“, meint sie mit einem Lächeln.