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Alterspsychiatrie der Schweriner Helios Kliniken Schulungen gegen "beherzte Wegschauen"

Von Karin Koslik | 24.02.2011, 12:02 Uhr

"Bereits ein Drittel aller Einsätze betreffen Demenzkranke", weiß auch Dr. Drach, Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie der Schweriner Helios Kliniken. Er bereitet die Retter in Schulungen vor.

Es ist bitterkalt, doch der alte Mann ist nur mit einem Bademantel bekleidet. Als Feuerwehrleute den Umherirrenden aufgreifen und den Rettungsdienst alarmieren, erklärt er treuherzig, dass er doch nur seine Eltern besuchen wolln.

Es ist ein Film, der gestern in Schwerin den Auftakt zu einer Schulung von Rettungskräften bildete - doch fast jeder der Teilnehmer kennt aus seiner Arbeit im Rettungsdienst und bei der Feuerwehr der Landeshauptstadt ähnliche Situationen. "Bereits ein Drittel aller Einsätze betreffen Demenzkranke", weiß auch Dr. Lutz Michael Drach, Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie der Schweriner Helios Kliniken. Er bereitet die hauptberuflichen Retter in Schulungen, die er im Auftrag des Schweriner "Netzwerkes Demenz" durchführt, auf Begegnungen mit Demenzkranken vor. Schon seit drei Jahren werden in der Landeshauptstadt derartige Schulungen angeboten. Anfangs im Rahmen eines Bundesmodellprojektes mit dem sperrigen Namen "Alleinlebende Demenzerkrankte - Schulungen einer Kommune". Nachdem dieses Projekt auslief, fördert seit Herbst vergangenen Jahres die Robert Bosch Stiftung Schulungen für Berufsgruppen, die im Rahmen ihrer Arbeit mittelbar oder unmittelbar mit Demenzkranken zu tun haben.

"Unlängst haben wir Mitglieder eines Sportvereins geschult. Als nächstes ist die Polizei dran, und auch zu Kirchgemeinden, zur Handwerks- und zur Industrie- und Handelskammer gibt es schon entsprechende Kontakte", erzählt Projekt-Koordinatorin Caroline Reschke. Die Stadtvertreter der Landeshauptstadt hätten gerade am Montag beschlossen, dass alle Mitarbeiter der Stadtverwaltung, die Publikumsverkehr haben, geschult werden sollen. "Auch bei Banken, Frisören, im Handel und beim Nahverkehr würden sich Schulungen anbieten", so Caroline Reschke.

"Wenn sich die Zahl der Demenzkranken bis 2030 verdoppelt haben wird, dann heißt das, dass auch immer mehr gesunde Menschen mit ihnen Kontakt haben", betont auch Dr. Drach die Notwendigkeit weiterer Schulungen. Schon jetzt lebten allein in der Landeshauptstadt 1600 Demenzkranke. Dennoch sei selbst bei Angehörigen ein "beherztes Wegschauen" noch immer weit verbreitet. "Wir sehen die Patienten dann erst in einem so späten Stadium, dass medizinisch und sozial nicht mehr viel zu machen ist", so der Mediziner. Bestandteil der Schulungen sei daher auch, auf frühe Hilfen aufmerksam zu machen, wie sie unter anderem der Helferkreis, das Zentrum Demenz, die Gedächtnissprechstunde am Klinikum oder Tagespflegeeinrichtungen anbieten. Vor allem aber ginge es darum, zum Hinschauen und Helfen zu sensibilisieren.

Und was macht man mit dem verwirrten alten Herrn, der im Bademantel nach seinen Eltern sucht? "Ruhig bleiben. Nicht von mehreren Seiten auf ihn einreden. Deeskalieren, also gegebenenfalls auch unsere roten Jacken ausziehen. Und dann heißt es, ihn nicht zu verprellen, sondern auf ihn einzugehen", rekapituliert der leitende Rettungsassistent Heiko Bölter das Gelernte. "Man hakt ihn also unter und sagt ,Dann wollen wir sie mal suchen. Wenn er erst im Rettungswagen sitzt, hat er das meist schon vergessen", meint Bölter augenzwinkernd.