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Kultur in MV Schreiadler als Opernstar: Uraufführung im Vogelpark Marlow

Von Birgit Sander/dpa | 07.08.2019, 12:00 Uhr

Das Stück, das am Samstag seine Premiere erlebt, erzählt die Geschichte eines echten Tieres von seiner Geburt 2009 bei Neubrandenburg bis zu seinem Tod 2017 auf dem Flug in den Süden.

Der Schreiadler hat geschafft, was keinem anderen Tier in Deutschland bisher gelungen ist: Er ist die Hauptfigur einer Oper geworden. Das Stück, das am Samstag im Vogelpark Marlow bei Rostock seine Uraufführung erlebt, erzählt die Geschichte eines authentischen Schreiadlers von der Geburt 2009 bei Neubrandenburg bis zum Tod 2017 auf seinem Flug in den Süden.

Emotionen, Informationen, Komik und Tragik

Der wissenschaftliche Name Clanga pomarina erinnert daran, dass dieser kleinste einheimische Adler nach seinem westlichsten Verbreitungsgebiet auch Pommernadler genannt wird. Das Werk «Clanga pomarina. Die Schreiadleroper» ist ein Projekt des Instituts Opernale mit Sitz in Sundhagen (Vorpommern-Rügen). Seit 2011 bringt es fast jährlich eine Oper auf ungewöhnliche ländliche Bühnen in Vorpommern.

Geprobt wurde unter anderem im Greifswalder Theater. Vor einer Videowand als Bühnenbild agieren drei Opernsänger und zwei Puppenspieler nach der Musik von Benjamin Saupe am Klavier und dem Libretto von Regisseurin Henriette Sehmsdorf. Die zweistündige Aufführung ist voller Emotionen und Informationen, voller Komik und Tragik, voller Politik und Poesie.

Tiere sind vom Aussterben bedroht

Zum Auftakt singt die Sopranistin Jacoba Arekhi ein archaisch anmutendes Lied zur Flöte. Es ist syrisch, erzählt die 27-Jährige, sie habe die Aussprache mit einem syrischen Flüchtling geübt. Schreiadler ziehen aus ihren Brutrevieren in Mittel- und Osteuropa über Moldawien, Rumänien, Bulgarien, den Bosporus, die Türkei, Syrien und den Libanon nach Afrika. Sie fliegen über Ägypten, Sudan, Uganda, Ruanda, Burundi, Mosambik, Simbabwe nach Südafrika. «Das ist eine tolle Möglichkeit zu erzählen, was in diesen Gebieten los ist», sagt Puppenspieler Heiki Ikkola.

Zunächst gibt es von den Darstellern Informationen über den vom Aussterben bedrohten Schreiadler. In Deutschland leben noch 138 Paare, davon in Mecklenburg-Vorpommern 108, in Brandenburg 20. Dann plaudert der Schreiadler, eine große Handpuppe, unterhaltsam und frech aus seiner Erinnerung und über seine Sicht auf die Menschen. Diese seien schockiert, was in den Brutnestern vor sich geht, sagt er amüsiert. Ein Stichwort: Obligatorischer Kainismus. In der Regel schlüpfen zwei Küken, doch das stärkere tötet das schwächere. «Ja, ich bin ein Kain, ich habe meinen kleinen Bruder erschlagen», sagt der Adler. Die Eltern würden es nicht schaffen, zwei Junge großzuziehen.

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Dokumentierte Flugbewegungen enden abrupt

Flügge geworden schließt sich Schreiadler Rainer älteren Adlern an. Benannt ist er nach dem Ornithologen, der ihm einen Sender auf den Rücken schnallte. So fliegt er nach Osten, sonst wäre er vielleicht wie viele Jungadler über dem Mittelmeer abgestürzt. «Es ist nicht nur für Menschen ein Massengrab», sagt Rainer. Er habe wundervolle Jahre verlebt - die Sommer in Europa, die Winter in Afrika. «Die Frage, ob ich Afrikaner oder Europäer bin, habe ich mir nie gestellt.» 2014 wird er sesshaft. Alle Flugbewegungen von Adler Rainer sind durch den Sender dokumentiert. Im Oktober 2017 enden sie abrupt. Als er 2018 nicht in sein Brutrevier zurückkehrt, ist klar, er ist tot.

Die Darsteller der Oper sind neben Jacoba Arekhi und Heiki Ikkonen der Tenor Collin André Schöning, der aus Malchin stammende Bariton Lars Grünwoldt und Puppenspielerin Sabine Köhler. Sie geben dem Adler abwechselnd Gestalt und Stimme. Der Komponist Benjamin Saupe nutzt für die Oper verschiedene Musikstile - Arien, Jazz, arabische Gesänge, Schlager und versucht nicht zuletzt, den Ruf des Schreiadlers in Musik umzusetzen.

Die Oper ist nach der Uraufführung im Beisein eines echten Schreiadlers im Vogelpark Marlow bis zum 7. September an zwölf weiteren Orten in Vorpommern zu sehen. Ausgesprochene Touristenorte werden ausgelassen. Der Verein wolle Kultur aufs Land bringen, sagt Sehmsdorf.