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Übersicht Schnee, bis sich die Balken biegen

Von Kathrin Neumann/dpa | 05.02.2010, 03:03 Uhr

Gewöhnlich produzieren die Mitarbeiter des Alpincenters Hamburg-Wittenburg Schnee.

In den vergangenen Tagen mussten sie ihn wegschaffen - allerdings nur vom Dach. Die weiße Pracht lastete so schwer auf der Dachkonstruktion, dass sich das Management zu Wochenbeginn gezwungen sah, den Skibetrieb aus Sicherheitsgründen einzustellen. Die Sorge ist nicht übertrieben. In den vergangenen Tagen sind bundesweit bereits mehrere Hallen und sogar ein Einfamilienhaus unter der Schneelast eingestürzt. Also nicht nur ein Thema für Unternehmen und Kommunen. "Jeder, der ein Gebäude mit einem flach geneigten Dach hat, muss aufpassen", betont Andreas Wißuwa, Fachdienstleiter Bau beim Landkreis Ludwigslust. Das gilt auch für Terrassenüberdachungen, Carports und Schuppen. "Häuser mit mehr als 30 Grad Dachneigung sind zumindest im Augenblick in aller Regel nicht gefährdet."

So schwer ist Schnee

Ob es an der Zeit ist, das Dach des Hauses oder des Carports zu beräumen, lässt sich nicht allein von der Höhe des Schnees ableiten. "Es kommt auch auf dessen Beschaffenheit an. Nasser Schnee ist sehr viel schwerer als frischer Pulverschnee", so Wißuwa. "Durch das Tauwetter wird der vorhandene Schnee derzeit stark verdichtet." Deshalb bestehe derzeit schon ab einer Höhe von 20 Zentimetern Handlungsbedarf.

Die Unterschiede sind beachtlich. Zehn Zentimeter frisch gefallener Pulverschnee bringen auf einem Quadratmeter zehn Kilogramm. Bei Nassschnee können es schon bis zu 40 Kilogramm sein, und eine ebenso dicke Eisschicht lastet sogar mit 90 Kilogramm auf einem Quadratmeter. Und unabhängig von den Schneefällen der vergangenen Tage kann sich auf einem Dach Eis bilden - entweder weil es schlecht gedämmt ist oder weil sich Tau- und Frostphasen abwechseln. Auf jeden Fall gilt: "Spätestens wenn die zulässige Schneelast erreicht ist, soll das Dach geräumt werden", fordert die Landesbauordnung MV.

Die Schneelast

Welche Schneelast für das jeweilige Dach zulässig ist, kann in der Regel dem Standsicherheitsnachweis für das Gebäude entnommen werden - sofern vorhanden. "Ersatzweise können Auskünfte über die in einer Gemeinde anzusetzende Schneelast bei der unteren Bauaufsichtsbehörde oder einem Ingenieur- oder Architekturbüro eingeholt werden", heißt es in der Landesbauordnung weiter. Bestimmten lässt sich die akutelle Schneelast mit Hilfe eines Rohres. Dieses wird - senkrecht zur Dachfläche - komplett durch die Schnee- und wenn möglich Eisschichten geschoben und wieder herausgezogen. Der so entnommene Schnee wird gewogen. Das Gewicht in Kilogramm wird durch die Fläche der Rohröffnung in Quadratmeter geteilt. (Ein Rohr mit einem Durchmesser von 10 Zentimetern hat beispielsweise eine Fläche von 0,0079 Quadratmetern.) Bei 0,5 Kilogramm Schnee würde sich ein Schneegewicht von rund 63 Kilogramm je Quadratmeter ergeben, was einer Schneelast von 0,63 Kilonewton (kN) entspricht - bei einem Flachdach. Für schrägere Dächer muss dieser Wert mit einem Korrekturfaktor (bei 25 Grad Dachneigung zum Beispiel 1,11) multipliziert werden.

Das Informationsportal schneelast.info weist für den Nordosten zulässige Schneelast-Werte zwischen 0,85 und 1,1 kN/m2 aus. Aber: In Abhängigkeit von der Höhenlage und anderen regionalen Besonderheiten können die tatsächlichen Werte davon abweichen. Außerdem ist es bei älteren Gebäuden möglich, dass für den Bau der Dachkonstruktion noch andere Schneelast-Daten herangezogen wurden. Dann müssten Hauseigentümer unter Umständen schon viel früher aktiv werden. Aber: "Ganz alte Häuser haben - sofern sie bewohnt sind und keinen Reparaturstau haben - in der Regel kein Problem, weil deren Tragwerke häufig überdimensioniert wurden", sagt Andreas Wißuwa. Das betreffe zwischen 1850 und 1940 errichtete Bauten. Später wurde dann immer mehr mit spitzer Feder gerechnet, um Material und Kosten zu sparen.

Was tun?

Wer Schnee vom Dach räumen will, sollte das aus einer möglichst sicheren Position tun - beispielsweise vom Dachfenster oder einer Leiter. Ist die Last schon sehr hoch, muss man abschnittsweise vorgehen und den Schnee abwechselnd auf jeder Dachseite abtragen. Sonst kann es Probleme mit der Stabilität geben. Sicherer ist es, ein Unternehmen mit der Arbeit zu beauftragen.

Wer sich unsicher ist, ob sein Dach die Last noch aushält, sollte einen Fachmann zur Prüfung heranziehen. Das gilt erst recht, wenn sich schon Balken oder Platten biegen oder in der Holzkonstruktion ungewöhnliche Geräusche zu hören sind. In diesen Fällen sollte man auf keinen Fall noch beginnen, das Dach selbst zu beräumen. Besser ist es, sich mit einem Statiker oder Bauingenieur in Verbindung zu setzen, der die Situation besser einschätzen kann.

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Das eigene Dach im Blick zu behalten, ist für Hausbesitzer auch rein rechtlich wichtig. Werden Fußgänger durch eine Schneelawine verletzt, kann der Eigentümer zur Rechenschaft gezogen werden. "Er muss dafür sorgen, dass von seinem Gebäude keine Gefahr für andere ausgeht", sagte Alexander Wiech vom Eigentümerverband Haus und Grund. Im Zweifelsfall muss er den Schnee vom Dach entfernen lassen. "Wir empfehlen, sich als Erstes an die Feuerwehr zu wenden, wenn man befürchtet, dass durch den Schnee Gefahr droht", so Wiech. "Man kann auch beim Ordnungsamt anrufen und sich dort erkundigen, an wen man sich wenden soll", riet Wiech. Eine weitere Alternative sind Dachdeckerbetriebe. Die Kosten für den Einsatz der Handwerker müsse der Hauseigentümer tragen. "Er kann sie auch nicht auf die Mieter umlegen."