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ASB-Wünschewagen in Mecklenburg-Vorpommern Wunscherfüller mit 70plus

Von Karin Koslik | 09.01.2023, 13:02 Uhr

Altes Eisen? Von wegen. Der Kühlungsborner Rolf Radowitz ist zwar der älteste Ehrenamtler des Projektes im Nordosten. Dessen ungeachtet ist er einer der aktivsten – auch aufgrund persönlicher Erfahrungen.

Was Menschen am Ende ihres Lebens brauchen, was sie auch dann noch glücklich macht – Rolf Radowitz weiß das nur zu gut. Zehneinhalb Jahre lang hat er seine Frau gepflegt, versucht, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen – bis der Krebs doch stärker war und das Paar nach mehr als 50 gemeinsamen Jahren auseinanderriss. Im Mai 2019 war das, danach brauchte der Kühlungsborner erst einmal einige Monate, um sich und sein Leben wieder neu zu sortieren. Doch dann bot er beim ASB-Wünschewagen in Mecklenburg-Vorpommern seine Hilfe als Ehrenamtler an, „auch, um etwas von der Hilfe zurückzugeben, die wir in dieser schweren Zeit von anderen bekommen haben“, wie er sagt.

Mittlerweile kann der Kühlungsborner nicht mehr zählen, wie viele Wünschefahrten er begleitet hat. Von vielen hat er aber noch Fotos auf seinem Handy gespeichert, und von nicht wenigen sind ihm auch Details im Gedächtnis geblieben. Der schwer kranke Achtjährige, der noch einmal Pinguine sehen wollte. Die Mutter um die 40, die wusste, dass sie bald sterben würde und die ausgerechnet in dieser Situation noch einen Sorgerechtsstreit auskämpfen musste: Auf der Kogge „Wissemara“ konnten sie und ihr Sohn dank des Wünschewagens noch einen unbeschwerten Tag miteinander verbringen. Das Ehepaar, das sich gewünscht hatte, ein letztes Mal zusammen die alte Heimat in Tschechien zu besuchen. „Das sind so Dinge, die ich nicht lösche“, sagt Rolf Radowitz.

„Der Tod gehört zum Leben, daran kann auch ich nichts ändern“

Dennoch hat er eine eiserne Regel: Mit dem wieder gereinigten Wünschewagen schließt der Kühlungsborner auch mit der jeweiligen Fahrt ab – unabhängig davon, wie sehr ihn unterwegs die eine oder andere Lebensgeschichte berührt hat. Wenn man das zu nah an sich herankommen lässt, hat man verloren und hält nicht mehr lange durch, ist der Kühlungsborner überzeugt. „Der Tod gehört zum Leben, daran kann auch ich nichts ändern“, sagt er ganz sachlich.

Auf das Wünschewagen-Projekt gekommen war er durch Nicole Steinicke, die seine Frau als freiberufliche Palliativschwester zu Hause betreut hatte und die zu dieser Zeit schon zwei Jahre lang für den Wünschewagen aktiv war. „Sie hat anfangs mehr beiläufig davon erzählt, dass sie gleich wegmüsste, weil eine Fahrt ansteht“, erinnert sich Rolf Radowitz. Anschließend hätte er sie dann ausgefragt – und sich immer mehr von der Idee des Wünschewagens begeistern lassen.

Die schönste Fahrt hatte ein ganz „gewöhnliches“ Ziel

Fragt man Rolf Radowitz nach seiner schönsten Fahrt, überlegt er einen Augenblick und erzählt dann von einer Tour, bei der auch Nicole Steinicke mit an Bord war: Eine Frau hatte sich einen Tag in Schwerin gewünscht, mit Dampferfahrt, Spaziergang durch Schloss- und Burggarten, Kaffee trinken. Für Außenstehende etwas ganz Unspektakuläres, aber „diese Frau hat mich unwahrscheinlich beeindruckt. Sie hat so eine Intelligenz ausgestrahlt, war so wach und stand mitten im Leben – obwohl sie wusste, was auf sie zukommt“, versucht Rolf Radowitz zu erklären, was ihn damals so besonders beeindruckt hat.

„Aber eigentlich war jede Fahrt für mich eine schöne Fahrt“, schiebt er dann hinterher. Das habe mit den Menschen zu tun, für die er an diesen Tagen da ist und die die Erfüllung ihres womöglich letzten Wunsches in der Regel in vollen Zügen genießen. Es hat aber auch mit den anderen Ehrenamtlern zu tun, die er in den letzten gut drei Jahren kennenlernen durfte. Zu einigen hat er eine besondere Beziehung aufgebaut, zum früheren Kapitän Klim Hähnlein zum Beispiel, oder eben zu Nicole Steinicke, bei der er als Patenonkel der kleinen Tochter inzwischen mit zur Familie gehört. Doch auch zu den anderen im Team hat er einen guten Draht. Das merkt man auch daran, dass bei den monatlichen Einkehr-Abenden der Ehrenamtler da, wo Rolf Radowitz sitzt, immer die beste Stimmung ist.

Jahrgang 1945: Älter ist kein Ehrenamtler

Dass er der Älteste in der Runde ist, vermuten dabei die wenigsten – und er selbst würde nie freiwillig auf sein Alter zu sprechen kommen. Auch Projektleiterin Bettina Hartwig muss noch einmal nachschauen, bevor sie bestätigt: „Jahrgang 1945, älter ist keiner bei uns.“ Für sie und Koordinatorin Melanie Lex spielt das Alter indes ebenfalls keine Rolle. Rolf Radowitz ist für die beiden Frauen ganz einfach oft der Rettungsanker, wenn sich für eine Wünschefahrt niemand sonst findet, der sich ans Steuer setzt. „Ich kann ja immer“, sagt der – gesteht aber doch, dass er sich vor jeder Fahrt fragt, ob er das, was erwartet wird, körperlich auch bewältigen kann. Und es gibt noch eine Einschränkung für kurz- wie langfristige Einsätze: „Ich kann das nur machen, wenn ich zu Hause bin.“ Denn seine vielen Hobbys – Tauchen, die Jagd, der Harley-Club... - führen ihn auch immer wieder weiter von Kühlungsborn weg.

Ein Hotel als Lebenswerk

Was ihn zurückzieht, ist neben Kindern und Kindeskindern unter anderem das Hotel „Esplanade“ – wenn man so will sein Lebenswerk. 1993 hatte Rolf Radowitz sich gegen mehr als 40 andere Interessenten durchgesetzt, als die Treuhand die drei letzten ehemaligen FDGB-Ferienheime zur Privatisierung anbot. Dabei hatte er keinerlei Erfahrungen mit Gastronomie und Hotellerie: Zu DDR-Zeiten war er Kampfschwimmer im KSK 18, einer Spezialeinheit der Volksmarine. Nach dem Mauerfall versuchte er sich in einer Kfz-Werkstatt und als Fahrlehrer. Bevor er dann mithilfe eines für damalige Verhältnisse schwindelerregend hohen Kredites das ehemalige „Störtebeker“-Heim übernehmen konnte, wurde der Kühlungsborner sogar bei Treuhand-Chefin Birgit Breuel vorstellig. Am 1. April 1995 öffnete das „Esplanade“ mit 25 Zimmern und 48 Betten dann seine Türen. Rolf Radowitz ist bis heute der Inhaber, bereitet aber jetzt die Übergabe an seinen Sohn vor. Und hat dann vielleicht noch etwas mehr Zeit für Fahrten mit dem Wünschewagen.

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ASB-LV Brandenburg e.V.
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Stichwort „Weihnachtsaktion Wünschewagen“

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Wunschanmeldungen:
www.wuenschewagen-mv.de
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