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Nussknacker von der Ostseeküste Raue Gesellen mit Biss

Von Grit Büttner | 11.12.2016, 08:00 Uhr

In der nördlichsten „Mannelndrechslerei“ Deutschlands werden Bergleute in Holz gehauen, aber auch Seefahrer und Piraten

Der Wind pfeift ums Haus, Raureif liegt auf der Wiese. Heinz Krätzel, 72 Jahre alt, macht im Dezember jede Menge Überstunden. Sieben Tage die Woche verkauft er auf dem Wismarer Weihnachtsmarkt. Kaum zu Hause, eilt er in seine Werkstatt in Dorf Mecklenburg und sorgt für Nussknacker-Nachschub. Gerade setzt der rüstige Grauhaarige mit ruhiger Hand Pinselstriche in das finstere Gesicht eines hölzernen Piraten, zupft hier und da die Uniform eines Bergmannes zurecht. Ganz genau prüft er die Hebelmechanik.

Schließlich haben seine Figuren bald einen knallharten Job zu erledigen – Nüsse knacken. 1985 zog Krätzel mit der Familie aus Sachsen nach Mecklenburg und brachte die erzgebirgische Kunst des „Mannelnmachens“ an die Ostsee mit. Die Manufaktur in Moidentin bei Dorf Mecklenburg ist die nördlichste ihrer Art in der Bundesrepublik, wie der Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller in Olbernhau (Sachsen) bestätigt. Solche Ausreißer aus dem Herkunftsland der Nussknacker und Räuchermännchen gebe es selten, sagt Verbandsgeschäftsführer Dieter Uhlmann. Eine zweite Werkstatt außerhalb Sachsens kenne er nur noch in Bayern.

Seit Jahrhunderten würden „Manneln“ in den Bergwerksregionen des Erzgebirges geschnitzt und gedrechselt. Räuchermännchen könnten alle möglichen Alltagstypen oder Märchenfiguren sein, erklärt Uhlmann. Die Kriterien für einen Nussknacker, der typischsten aller Weihnachtsfiguren, aber seien strenger. Die „bissigen“ Gesellen zum Schalenbrechen stellten traditionell Vertreter der Obrigkeit dar: Könige, Gendarmen, Förster oder Steiger im Bergbau.

„Vom deutschen Markt wird da nichts Exotisches nachgefragt.“ Die Verbindung zu den Ursprüngen müsse bewahrt werden, sonst verlöre der Nussknacker seine Eigenheit und würde beliebig austauschbar, betont der Volkskunstfachmann. „So ein echter Nussknacker soll nicht nur ein bemaltes Stück Holz sein.“ Der Hebel müsse stabil genug zum Aufbrechen heimischer Hasel- und Walnüsse sein. Härtere Exoten wie Para- oder Kokosnüsse hingegen brauche so ein Kerl nicht zu öffnen.

Im Norden erfuhr der Nussknacker eine verblüffende Wandlung. „An der Küste hat niemand eine Beziehung zum Bergbau, eher zum Meer“, sagt Krätzel. So baue er lieber Piraten und Wikinger, alle bis an die Zähne bewaffnet, manche sogar einbeinig. Dazu gesellen sich kurvenreiche Nussknackerinnen, Mönche, Kannibalen, Kobolde, Feuerwehrleute und neuerdings der gestiefelte Kater. Nächste Saison sollen Kapitäne und Matrosen und auch der legendäre Seeräuber Klaus Störtebeker aus hartem Holz erschaffen werden.

Schon als Kind im erzgebirgischen Elternhaus habe er viel gewerkelt, erzählt Krätzel. Für seine sieben jüngeren Geschwister schnitzte er Kasperpuppen und Schiffchen. Später kamen Räuchermännchen und Nussknacker hinzu. Solche Kunstwerke waren zu DDR-Zeiten eine Rarität, sie wurden meist in den Westen verkauft oder schon mal gegen Winterreifen für den Trabi oder eine Waschmaschine eingetauscht.

Ideen holt Krätzel sich bis heute aus Büchern. „Ich lese unheimlich viel, auch Märchen, Sagen und Kindergeschichten“, erzählt er.

Irgendwie sei für ihn das ganze Jahr über Weihnachten, denn er arbeite an seinen Unikaten über viele Monate hinweg. Bereits im März beginne er mit der Vorbereitung aufs Fest. Mit Erlaubnis des Försters schlage er ein paar Bäume, dazu kaufe er robuste Fichtenbalken ein.

Im Sommer steht der agile Bärtige oft bis tief in die Nacht an der Drehbank und fertigt einen Rohling nach dem anderen. Rund 50 Nussknacker, 20 bis 70 Zentimeter groß, dazu an die 400 Räuchermännchen und Engel kommen da pro Jahr zusammen. Sobald die Tage kürzer werden, zieht sich der Handwerker mit seinen Holzgestalten in die Stube zurück. Mit kräftigen Farben bemalt er jedes Stück mit Gesicht, Hut oder Helm, Uniform oder Robe.

Auch die Accessoires bastelt Krätzel selbst. Prunkvolle Borten, Stoffe und Spitzen, Lack und Leder hüllt er um seine Figuren. Winzige Besen oder Laternen, Metall-Waffen und Schilde geben den hölzernen Charakteren den letzten Pfiff. Den Nussknackerinnen klebt er Haare aufs Haupt und textiles Mieder vor das üppige Dekolleté. „Das Auge isst schließlich mit“, findet der Nussknacker-Macher. Etwa 20 bis 30 Stunden Handarbeit stecken in einem einzigen seiner Werke.