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Weihnachtsspendenaktion Nach fünf Minuten hat er „Jo“ zum Ehrenamt beim Wünschewagen gesagt

Von Anja Bölck | 28.11.2021, 17:00 Uhr

Rocco Albrecht aus Rostock macht seit der ersten Stunde beim ASB-Wünschewagen mit. Wir stellen den Ehrenamtler vor.

Angebissen hat Rocco Albrecht auf einer Weihnachtsfeier. In fröhlicher Runde saß er mit seinen damaligen Kollegen vom ASB in Bad Doberan am gedeckten Tisch. Da kam eine Frau herein, die etwas von einem Wünschewagen erzählte. Das ASB-Projekt stand Weihnachten 2016 in den Startlöchern. Gesucht wurden ehrenamtliche Fahrer, Krankenschwester und Pfleger, die bereit waren, schwer kranken Menschen ihren letzten Wunsch zu erfüllen.

Rocco Albrecht war so beeindruckt von dem Projekt, dass er sich fast am Glühwein verschluckte, an dem er gerade nippte. „Ich hab fünf Minuten gebraucht und gesagt, jo, das mach ich“, erzählt der Krankentransportfahrer. „Mich hat die Idee so beeindruckt.“

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Bei Wünschefahrten denkt Rocco Albrecht oft an seinen Vater

Im Jahr darauf rollt der ASB-Wünschewagen los und mit ihm Rocco Albrecht. Der Rostocker denkt an seinen Vater. So gar nichts konnte der mehr von seinem Vorruhestand genießen. Kaum hatte er mit 62 aufgehört mit Arbeiten, war es vorbei. Abends ins Bett, am nächsten Morgen tot. Dabei kam er tags zuvor noch fröhlich vom Arzt und verkündete, dass alles in bester Ordnung sei.

„Ich denke bei vielen meiner Wünschefahrten daran, dass auch ich ihm gern noch einen letzten Wunsch erfüllt hätte“, sagt Rocco Albrecht. „Vielleicht wären wir nach Neubrandenburg gefahren, aus der Ecke kam er nämlich.“

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Erste Tour geht nach Finnland

Gleich die erste Tour, die Rocco Albrecht beim Wünschewagen übernimmt, führt ihn nach Turku in Finnland. Es ist eine eher ungewöhnliche Wünschefahrt. Einem Finnen, der in MV Urlaub macht, geht es schlecht. Er soll zurück in seine Heimat gebracht werden. „We bring you home“, sagt Rocco Albrecht zu dem Mann im Wachkoma und fährt ihn auf die Fähre und dann weiter in seine Heimat, wo er in einem Krankenhaus behandelt wird.

Und, hat er überlebt? „Ich weiß es nicht“, meint Rocco Albrecht. „Man fragt als Ehrenamtler nicht großartig nach. Entweder die Patienten oder deren Angehörige melden sich oder nicht.“

Mit Wünschewagen dem Ballon hinterher

Eine Ausnahme hat er bei Mara* gemacht. Die Vierjährige war mit ihrer todkranken, erst 36 Jahre alten Mutter zu einer Ballonfahrt gestartet. Rocco Albrecht fuhr ihnen mit dem Wünschewagen hinterher - bis sie auf einem Feld landeten, auf dem gerade Heu gemacht wurde. Das war natürlich ein Erlebnis für die Kleine.

Rocco Albrecht ging die Fahrt nicht aus dem Kopf. Lange redete er am Abend mit seiner Frau über die beiden. Deren Schicksal berührte ihn so, weil er selber Kinder hat und inzwischen auch Enkel.

So fuhr er einige Tage später noch einmal zu der Familie, um einen großen Teddy abzugeben. Der Großvater öffnete ihm die Tür und sie redeten lange miteinander. Mara war gerade nicht da. „Er zeigte mir ein Bild, auf dem die Kleine zu sehen war“, erinnert sich der Ehrenamtler. „Sie lag mit ihrem Kopf auf der Brust der Mutter. Der Großvater erzählte mir, dass ihre Mutter in dem Moment eingeschlafen sei.“

Vor kurzem erhielt Rocco Albrecht ein Brief von Maras Tante, bei der sie nun aufwächst. Er freut sich noch immer darüber: „Da stand, dass es Mara gut geht und sie nun eingeschult wurde.“

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Helfen auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, letzte Wünsche zu erfüllen.Spendenkonto:ASB-Landesverband MV e.V.Bank für SozialwirtschaftIBAN: DE82 1002 0500 0001 4951 00BIC: BFSWDE33BERStichwort „Weihnachtsaktion Wünschewagen“ASB-LV Brandenburg e.V.Bank für SozialwirtschaftIBAN: DE49 100 20 50 0000 3545 401BIC: BFSWDE33BERStichwort „Weihnachtsaktion Wünschewagen“Benötigen Sie eine Spendenquittung, schreiben Sie bitte Ihren Namen und Ihre Adresse in die Zeilen für den Verwendungszweck.

Zu alt für den Rettungssanitäter?

Es sind solche Erlebnisse, die Rocco Albrecht immer wieder bewusst machen, wie wertvoll das Leben ist. Dass man sich besser mit Freude in jeden Tag stürzen sollte als grimmig über alles und jeden zu zetern.

Und so genießt der Rostocker es auch, wenn seine Enkel ihn besuchen und Jubel, Trubel, Heiterkeit herrscht. Er im Schrebergarten pückert oder Borussia Dortmund gewinnt.

Jobmäßig orientiert sich der 54-Jährige gerade um. Rocco Albrecht sucht eine neue Herausforderung im Krankentransportbereich. Liebäugelt aber auch mit der Qualifizierung zum Rettungssanitäter. „Allerdings hat mich die Dame vom Arbeitsamt mit gerümpfter Nase gefragt, ob ich dafür nicht schon etwas zu alt wäre?“, erzählt er und guckt verständnislos. „Sicher springe ich nicht wie ein Zwanzigjähriger rum. Aber ich habe große Lust darauf und der Bedarf ist da.“

Wünschefahrt zum Musical Mary Poppins

Bis sich was ergibt, fährt Rocco Albrecht eben noch ein paar ASB-Wünschewagenfahrten mehr. Letztens ging es zum Mary Poppins Muscial. Da saß er mit im Publikum. Wünscht sich jemand von den Schwerkranken solch ein Event dürfen auch die ehrenamtlichen Begleiter mit ins Konzert oder etwa zum Fußballspiel.

Doch die Wünschewagenfahrten zu Mega-Veranstaltungen sind nicht so nach Rocco Albrechts Geschmack. „Ich weiß, manche Ehrenamtler fahren da besonders gerne mit“, sagt er. „Aber ich finde die kleinen, familiären Wünschewagenfahrten an die Ostsee viel schöner. Wenn jemand in seinen letzten Stunden noch mal mit der Familie Kraniche gucken möchte auf dem Darß oder einfach am Leuchtturm Bastorf mit seinen Lieben im Café sitzt und den herrlichen Rundumblick über die Ostsee in sich aufsaugt.“

Aber egal, wo es hingeht und mit wem - für Rocco Albrecht ist es wichtig, dass der Wünschewagen immer weiter rollt. „Die Fahrten sind für jene, die nur noch wenige Tage zu leben haben, eine geniale Sache. Ich wünsche mir, dass sie noch lange nicht aufhören.“

* Name geändert.