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Edward Nortons Großwerk „Motherless Brooklyn“: Wer tötete Bruce Willis?

Von Daniel Benedict | 09.12.2019, 16:42 Uhr

Privatschnüffler mit Tourette-Syndrom: Edward Nortons „Motherless Brooklyn“ mit Bruce Willis und Willem Dafoe.

Wer regelmäßig in sinnlose Wortkaskaden ausbricht, ist für die diskrete Arbeit des Privatdetektivs nicht die erste Wahl. Lionel hat trotzdem den Weg aus dem Waisenhaus in Frank Minnas Detektei gefunden. Ein der wichtigsten Lehren seines Mentors: Schwächen lassen sich Stärken ummünzen. Und auf der Habenseite des Tourette-Syndroms steht für Lionel ein absolutes Gedächtnis. Das hilft ihm, als Frank vor seinen Augen erschossen wird und er in einer Fülle zusammenhangloser Details nach Spuren sucht.

Mehr Kino

„Motherless Brooklyn: Das Buch zum Film

Jonathan Lethems Krimi „Motherless Brooklyn“ ist vor 20 Jahren erschienen. Edward Norton war mit „American History X“ (1998) und „Fight Club“ (1999) gerade zum Star aufgestiegen, kaufte die Rechte und arbeitete seitdem an der Verfilmung, die er nun ins Kino bringt, als Autor, Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller. Wenn ein Star sich mit dieser Aufgabenfülle selbst inszeniert – und dann auch noch als Tourette-Schnüffler –, schrillen alle Alarmglocken. Aber – in die Eitelkeitsfalle tappt Norton nie. Die Tics seiner Figur sind keine Masche. Das Motiv wird sogar originell variiert, etwa wenn Lionel mehrfach ein Streichholz ausbläst, das er einer Raucherin anbietet. Und wenn er immer wieder „If“ ruft, ahnt man die sprachliche Raffinesse, die am Roman gelobt wird. „If“ heißt „falls“. Und nichts trifft besser den fundamentalen Zweifel, gegen den der Held hier antritt.

Noir-Welt aus Korruption und Intrige

Als Lionel sich in einen Sumpf aus Korruption und Bauskandalen, aus Machtmissbrauch, Mord und Vergewaltigung wagt, schwinden alle Gewissheiten. Am Ende steht selbst die Integrität seines toten Mentors infrage, dessen unschuldigen Tod Lionel rächen wollte. In der Vorlage spielt all das in der Gegenwart. Norton verlegt die Geschichte nun in die 50er Jahre zurück, was zunächst eine stilistische Entscheidung für die Zeit des Film Noir ist: Wie in einem Krimi von Raymond Chandler müssen die Helden einen Dschungel von Intrigen durchdringen, um sich am Ende selbst zu finden.

Das historische Setting erlaubt Norton aber auch, den Stoff um die Figur des Moses Randolph zu ergänzen, einen Schurken, den unübersehbar der reale Robert Moses inspirierte. Der Stadtplaner, der sich nie einer Wahl stellen musste, aber bis zu zwölf Ämter gleichzeitig innehatte, baute New York von den 30ern bis in die 60er Jahre rigoros um. Mit diesem Kontext handelt „Motherless Brooklyn“ nun auch von zementierten Machtträumen, davon wie die Korruption der Vergangenheit fortwirkt, wie die Profitgier, aber auch der Rassismus der 50er Jahre unsere Wirklichkeit bis heute formt.

An der Kasse ist Norton gescheitert

Um die Paraderolle geht es Norton also nicht, eher um den ganz großen Wurf, der immer neue Themen aufreißt. Ausflüge in die Jazzkneipen umkreisen Fragen von Musik und Kreativität. Und in einem ganz großen Rahmen geht es Norton wohl sogar um einen Weltentwurf, in dem der Einzelne ständig um Kontrolle im universalen Chaos ringt. Auch für einen fast zweieinhalb Stunden langen Krimi ist das viel, vielleicht zu viel: Trotz Stars wie Bruce Willis (Frank), Alec Baldwin (Moses) und Willem Dafoe hat „Motherless Brooklyn“ nach dem US-Start Ende Oktober bislang nur die Hälfte seiner Produktionskosten eingespielt. Das schlechte Abschneiden beim Publikum ist ein harsches Urteil über einen Film, der in Wahrheit schon für den schönen Thom-Yorke-Song „Daily Battles“ lohnt, der gleich mehrfach zu hören ist – im Original und in einer dem Setting angepassten Cool-Jazz-Version.

„Motherless Brooklyn“. USA 2019. R: Edward Norton. D: Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Bruce Willis, Alec Baldwin, Willem Dafoe. 144 Minuten. FSK ab 12 Jahren.