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Tag des Handwerks: Ein Royce in Rehna Mit Zollstock und Lasermessgerät

Von Marlis Tautz | 02.09.2011, 08:14 Uhr

Zum ersten Mal wird heute bundesweit der Tag des Handwerks begangen. Das Motto, ein wenig auch Bekenntnis und Mahnung, lautet: „Deutschland ist handgemacht“. In diesem Sinne zeigen Betriebe, was sie leisten.

Deutschland ist handgemacht - daran muss offenbar einmal erinnert werden. Bundeswirtschaftsministerium und Handwerkskammern haben da rum den heutigen 3. September zum Tag des Handwerks erklärt. Zum ersten Mal soll auf diese Weise "die Wirtschaftsmacht von nebenan" gewürdigt werden - in Berlin unter anderem mit einem Banner am Wirtschaftsministerium und diversen Lobeshymnen auf die Branche. Grundtenor: "Rund 990 000 innovative und engagierte Betriebe aus allen Gewerken machen das Handwerk zum Zukunftsmotor und halten Deutschland am Laufen."

Am Rande von Rehna in Nordwestmecklenburg läuft das Handwerk im Klang eines Rolls-Royce. Der Gründer der Bau- und Möbeltischlerei Axel Eigenstetter zitiert in seiner Werbebroschüre Henry Royce, den britischen Auto pionier und Kompagnon von Charles Stuart Rolls. "The quality is remembered long after the price is forgotten", heißt es unter dem Stichwort "Philosophie" - "Die Qualität bleibt im Gedächtnis, lange nachdem der Preis vergessen ist". Mit diesem Anspruch stemmt sich Axel Eigenstetter gegen die Wegwerfgesellschaft und Floskeln a la "Geiz ist geil".

Seiner Erfahrung nach wissen wieder zunehmend mehr Menschen den Wert einer soliden Handwerkerarbeit zu schätzen. "Viele wollen gute Stücke, die ihren Wert behalten, die sich vielleicht auch vererben lassen", sagt er. Was seine Kunden von ihm erwarten dürfen, fasst er in zwei Worten zusammen: Tradition und Innovation.

Späne heizen im Winter die Halle

Vor allem der Innovation wegen geht Axel Eigenstetter dieser Tage einmal mehr als üblich durch seinen Betrieben, drahtig und mit zackigem Schritt. "Man prölt sich voll und merkt es gar nicht", sagt er. "Doch irgendwann ist Schluss." Bis Jahresende will er die Firma umkrempeln. Zum einen soll Platz entstehen für einen neuen Kollegen, einen Fräsroboter. Zum anderen erhalten seine Meister Computerarbeitsplätze. Zu guter Letzt erweitert der Chef die Ausstellungsfläche.

Gut 15 Jahre ist es mittlerweile her, seit er seine Bau- und Möbeltischlerei ins Gewerbegebiet verlegt hat. Zuvor hatte Axel Eigenstetter, der 1948 in Rehna geboren wurde, seine Werkstatt auf einem Innenhof im Zentrum geführt. "Stück um Stück aus- und angebaut, auf zwei Etagen, das war alles nichts mehr", sagt er. Beim Neubau hat er sich etwas geleistet: Der große Montage-Raum bekam einen Holzboden - angenehmer und schonender für den Rücken sei das, erklärt der Chef. Nur die schwergewichtigen Maschinen hat er auf Beton gestellt. Ein Gebläse schluckt dort die Holzspäne und transportiert sie in ein Silo am Haus. Den Winter über heizen sie die Halle damit.

Zehn Mitarbeiter hat die Tischlerei - darunter zwei Meister und "ein Altgeselle, der immer vorne mitmarschiert" - und einen Lehrling, der aus Ostholstein stammt. Ausbildungsplätze zu besetzen, ist zunehmend schwieriger geworden in den vergangenen Jahren, bedauert der Firmenchef. "Zehn, zwölf Bewerbungen und gebrauchen kannst du nicht eine."

Axel Eigenstetter sucht so lange, bis er findet, was er will. "Viele sind sich gar nicht im Klaren, dass gute Leute das A und O sind", sagt er. "Leute, die mitdenken, die motiviert sind und kreativ." Er hat solche Leute. Leute, die alles außer Null-acht-fünfzehn gern machen. Das habe sich deutlich gezeigt, als Bautischler in den 1990er-Jahren vor allem dafür angeheuert wurden, wie am Fließband Fenster aus- und einzubauen, erinnert sich Axel Eigenstetter. Seine Mannschaft wollte lieber härtere Nüsse knacken. So wie in einer Villa in Hamburg, wo es galt, einen ovalen Raum mit Holz auszukleiden und einem runden Kinosaal Türen anzupassen. Diese Baustelle brachte den Rehnaern denn auch besondere Würdigung ein. Das Haus erhielt den Fassadenpreis. Eigenstetters Tischler hatten dafür klassizistische Kastenfenster restauriert und erneuert.

Oben der Computer, unten die Werkbank

Denkmalpflege und Designermöbel, Zollstock und Lasermessgerät, Werkbank und Fräscomputer, Tradition und Innovation. "Man muss immer weiterpowern, damit kein Loch entsteht, das sich am Ende nicht wieder schließen lässt", sagt er. Um "dranzubleiben" hat Axel Eigenstetter ein vom Bund gefördertes Entwicklungsprojekt übernommen. In einer eigens gebauten Fräszelle soll ein Roboter erprobt werden, der große Oberflächen bearbeiten kann.

Zudem lässt er unterm Dach der Werkhalle ein gläsernes Büro einrichten. Von einer Zwischendecke aus gestattet ein Panoramafenster Ausblick auf die Arbeit der Tischler. Was dort unten entsteht, können die Meister oben zunächst am Computer konstruieren, bearbeiten und vorstellen - dreidimensional. "Wenn ein Kunde einen Waschtisch in Auftrag gibt, kann er den vorher von allen Seiten ansehen", erklärt der Firmenchef. Gerade hat er Lasermessgeräte angeschafft, die das Aufmessen von Räumen erleichtern können.

Zeigen, was modernes Tischlerhandwerk kann, soll demnächst ein zusätzlicher Ausstellungsraum. Einzelstücke aus seinem Haus will Axel Eigenstetter dort präsentieren und Möbel einer Designerfirma. Und dann ist da auch noch die Internetseite der Tischlerei, die in den kommenden zwei, drei Monaten überarbeitet werden soll. Axel Eigenstetter lässt kein Feld unbeackert.

"Dabei wollte ich immer ein bisschen weniger arbeiten und nicht mehr", sagt der Unternehmer, der gern mit dem Rucksack durch die Welt reist und sich mit Power-Yoga und Radfahren fit hält. Zumindest "mittelfristig" will er sich etwas zurückziehen aus dem aktuellen Tagesgeschäft. Ein Teilhaber soll her. "Entweder wir schaffen das aus den eigenen Reihen oder es kommt einer von außerhalb", sagt Axel Eigenstetter. Doch wie er seinen Laden in Schuss hat, wäre es verwunderlich, wenn es jemand von auswärts werden müsste. Innovation und Tradition!