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Groß Raden Mit Speer, Schild und Handwerkszeug

Von Rüdiger Rump | 12.09.2011, 09:10 Uhr

Sie gehören zur Gruppe "Schildwall". Die Kampfsportler, die sich bei ihrem Hobby Techniken aus dem Mittelalter verschrieben haben, trainierten im Archäologischen Freilichtmuseum.

Für einen Moment bleibt André von Merseburg die Luft weg. Der Speerstoß seines Gegners, der ihn unerwartet wie unabsichtlich heftig getroffen hat, ging selbst durch den Gambeson, den wattierten Schutzmantel, hindurch. "Das passiert eben im Eifer, auch mal ein versehent licher Kopftreffer. Der Gegner entschuldigt und kümmert sich, und weiter gehts", sagt der Kämpfer gelassen. "Wenn jemand tatsächlich am Boden bleibt, gibt es sofort ein Stoppzeichen, und die Szene wird unterbrochen. Aber das kommt äußerst selten vor. Die Verletzungsgefahr ist bei uns bedeutend geringer als beim Fußball." Die Männer und Frauen in der Runde nicken zustimmend. Sie gehören zur Gruppe "Schildwall" und kommen überwiegend aus Berlin und Umgebung. Die Kampfsportler, die sich bei ihrem Hobby Techniken aus dem Mittelalter verschrieben haben, trainierten am Wochenende im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden. Zwei Mal im Jahr, in Frühjahr und Herbst, kommen sie "wegen der unvergleichlichen Kulisse" in den altslawischen Tempelort. Für die Besucher des Museums ist es eine Attraktion obendrauf, freut sich Museumsleiterin Heike Pilz. Und zahlreiche Schaulustige ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen.

Im Alltag ist André von Merseburg keineswegs adlig. Diesen Namen trägt er nur als Kämpfer, zusammengesetzt aus dem Vornamen und seiner Heimatstadt, wie der 28-Jährige verrät. Aber so gäbe es zumindest einen Bezug zum wahren Leben. Wenn sie ihre mittel alterliche Kleidung angezogen habe, sei sie einfach nur Talba, sagt eine der vier kämpfenden Frauen. Im Alltag gehendie mittelalterlichen Krieger unterschiedlichsten Berufen nach, sie sind zum Beispiel Ärzte, Handwerker oder Studenten. Honold, der die Kämpfer anleitet, arbeitet als IT-Administrator. Der

45-Jährige muss nachdenken, wie lange er eigentlich schon dabei ist. "Irgendwo zwischen 15 und 20 Jahren." Damals in anderen Kampfsportarten aktiv, trat sein Verein in Bernau an. "Da liefen so viele verrückte Mittelaltertypen herum, das hat mir auf Anhieb gefallen." Der Funke sei gleich übergesprungen, und nun gehöre er selbst dazu, erzählt

Honold schmunzelnd. "Das Schöne an diesem Hobby ist, du ziehst dich um, und der berufliche Stress ist weg. Ich kann mir keinen besseren Ausgleich vorstellen." Wie er seien die meisten in der Gruppe aus der Kampfsportszene gekommen. Ihnen falle die körperliche Anstrengung, die der Mittelalterkampf abverlange, leichter als beispielsweise dem Angelsachsen, der vorher nichts dergleichen gemacht hat. Er ist ein dreiviertel Jahr dabei und kann die jetzige Pause gut gebrauchen, wie er keuchend und schwitzend zugibt. Bei den Kämpfen gäbe es Regeln, an die sich jeder zu halten habe, wirft Tjorven ein, die auch schon öfter in Groß Raden war. Der

Umgang miteinander sei ausgesprochen respektvoll, wird sie aus der Runde ergänzt.

Das Training wie hier im Freilicht museum dient der Sicherheit bei großen Schlachten, erklärt Honold. "Die Waffen sind zwar stumpf, aber es bleiben Waffen. Kleine Blessuren kann es immer wieder geben, mehr aber sollte nicht passieren, damit jeder wieder heil nach Hause kommt und am Montag zur

Arbeit gehen kann." Die Gruppe war in diesem Jahr schon zwei Mal in Dänemark und im polnischen Wollin dabei. "Da gibt es feste Termine. Die Szene ist in den letzten Jahren ständig gewachsen." International können durchaus bis zu 350 Kämpfer aufeinander treffen. In Deutschland seien es eher 50 bis 100.

Das Kämpfen nimmt bei dem Hobby den größten Teil ein. "Doch am

Wochenende leben wir in der Gruppe auch, wie wir denken, dass es früher so gewesen ist", sagt Honold. "Zum Beispiel ohne Feuerzeug eine Flamme entfachen, aus Ton den eigenen Becher herstellen oder den Esslöffel selbst schnitzen." Deshalb befinde sich neben Schwertern, Speeren und Schildern auch stets entsprechendes Handwerkszeug im Gepäck.