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Filmemacher aus MV Mit der Kamera am Puls der Natur

Von VOBO | 29.12.2017, 12:00 Uhr

Schweriner Christoph Hauschild zeigt tierische Begegnungen in Mecklenburg und Schleswig-Holstein. Neues Projekt über Oder-Delta gestartet

Die Nacht hat den Norden Deutschlands fest in den Fängen. Nur schemenhaft zeichnen sich in der Dunkelheit Sträucher und Bäume vor dem Horizont ab. Im Schein einer Taschenlampe bahnt sich ein Mann mit schwerem Gepäck seinen Weg. Der Naturfilmer Christoph Hauschild ist unterwegs in Richtung Kameraversteck. Ein Tarnzelt an einem See in Westmecklenburg. „Wenn alles klappt, filmen wir heute eine Gruppe von Seeadlern“, verrät er. Zeit für ein langes Gespräch bleibt nicht. Der Bezug des Tarnzeltes geht schnell und routiniert vonstatten. Noch bevor die Natur erwacht, muss Ruhe einkehren.

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In diesem Jahr fertiggestellt und gesendet wurde die dreiteilige Dokumentation „Wilde Ostsee – Von Dänemark bis Lettland“ (Nordischer Naturfilmpreis 2017). Aus der Laudatio: „Der Film erzählt überraschende und emotionale Tiergeschichten und bringt gleichzeitig die natürlichen Zusammenhänge in diesem fragilen Ökosystem auf eine höchst bild- und textstarke Weise näher.“ Bekannte Titel wie „Wildes Baltikum“ und „Vorpommerns Auen“ entstanden in den Jahren zuvor.

Seit zehn Jahren arbeitet der Schweriner Hauschild als freischaffender Tierfilmer in seiner Corax Film GmbH - vornehmlich für den NDR Naturfilm. Hauschild gehört zu den erfolgreichsten Naturfilmern im Norden. Ausdauer, Kenntnisse über die Tiere und eine Portion Glück sind wesentliche Voraussetzungen für seine Arbeit. An diesem Morgen sind Aufnahmen von Seeadlern geplant, die sich auf einer Kormoraninsel auf Beutezug befinden. Wie so oft in der Branche: Der Plan des Filmers passt nicht ganz zum Drehbuch der Seeadler. Die majestätischen Vögel wählen eine andere Flugroute.

„Wir arbeiten am Projekt ,Die Lauenburgischen Seen - Wildnis zwischen Lübeck und Elbe‘. Es steht vor dem Abschluss. Darin wird deutlich, wie der Seeadler als Leitvogel das Seengebiet Schaalsee und Lauenburgische Seen für sich erobert“, erzählt Almut Hauschild. Die Ehefrau des Tierfilmers gehört zum Team - privat wie auch auf den zahlreichen Naturreisen und bei den Projektplanungen.

Mit der Seeadlerszene am Röggeliner See im Westen Mecklenburgs wird es zumindest an diesem Tag nichts. Von Traurigkeit beim Team Hauschild keine Spur. Zahlreiche schöne Momente sind im Kasten. Sogar die bei einigen Menschen nicht so beliebten Nandus sind Protagonisten des neuen Naturfilmes. Dabei hätte der große Laufvogel am östlichen Ufer des Ratzeburger Sees mehr Aufmerksamkeit verdient, meint Hauschild. Auf der Südhalbkugel der Erde gilt der Nandu als scheuer Bewohner. „Ein Filmkollege war erstaunt, dass hier in Westmecklenburg so ohne Weiteres Dreharbeiten möglich sind“, erzählt er. Der Schweriner Hauschild war dran, sogar ganz dicht dran, Auge in Auge mit dem Nandu. Für ihn ist klar: „Der Vogel mit den langen Augenwimpern hat Potenzial.“

Mit Drehschluss steht sogar fest, dass sich die Fischadler von Mecklenburg aus weiter westlich gelegene Brutgebiete zurückerobern. „150 Jahre gab es im Nachbarland Schleswig-Holstein kein Fischadlerpaar“, sagt Hauschild. Erkenntnisse, die eine gute Beobachtungsgabe und Geduld bei der Projektumsetzung voraussetzen. Kaum anders lassen sich emotionale Tiergeschichten einfangen.

Dafür sind Tierfilmer bei Wind und Wetter unterwegs, sitzen Tage im Tarnzelt. Der Erfolg entschädigt. „Bei Aufnahmen am Kranichbrutplatz wussten wir, dass nach 28 Tagen der Schlupf erfolgt. Beim zweiten Ei warteten wir weitere drei Tage“, erzählt der Filmemacher. Ein Loch in der Eischale war sichtbar, ein Piepen deutlich hörbar gewesen. Irgendwann gehe man davon aus, dass es der Jungvogel nicht schafft. „Der Brutwechsel ermöglichte uns neue Einblicke. Der Altvogel trampelte aufs Ei. Ich erschrak und dachte schon... Als sich das Kücken anschließend wohlauf aus der Eischale pellte, waren wir erleichtert. Es handelt sich um eine Art Geburtshilfe“, sagt Hauschild.

Zeit zum Ausruhen gibt es kaum. Almut und Christoph Hauschild sind längst wieder mit der Tierfilmkamera unterwegs. In der Produktion befindet sich ein Film über das wilde Europa, die Naturlandschaft im Oder-Delta und am Stettiner Haff. Von polnischer Seite sind dort die schwergewichtigen Wisente auf natürliche Weise gen Westen Europas unterwegs. Ihr Weg ist steinig, durchaus lebensgefährlich. Ein Wisentbulle musste auf deutschem Boden seinen Grenzgang im Spätsommer mit dem Leben bezahlen. Christoph Hauschild: „250 Jahre nach dem letzten Wisent in Deutschland – der übrigens geschossen wurde – kam ein Tier über die Oder geschwommen. Drei Stunden später wurde es zur Strecke gebracht.“

Das Bild vom enthaupteten Wisent auf seiner Facebook-Seite stimmt nachdenklich. Das Brandenbuger Landeskriminalamt ermittelt nach dem Abschuss des 900 Kilogramm schweren Bullens weiter. Angeordnet wurde der Abschuss im Amtsbereich Lebus. Grund: Es sollte verhindert werden, dass der Wisent jemanden verletzt.

Für Hauschild passt das nicht zusammen. Er hat Erfahrungen mit den Tieren als auch den Menschen auf polnischer Seite. Sie leben seit Jahrzehnten mit den größten Säugetieren auf dem europäischen Festland in Gemeinschaft. Gleiches gelte für den Wolf, sagt er. Ein Artenreichtum, der Tierfilmer wie Christoph Hauschild anspornt, Geschichten aus der Natur zu erzählen.

Sein Portrait soll die Bedeutung des Oder-Deltas unterstreichen. Es gehört zu „Rewilding Europe“, ein Projekt zur Wiederherstellung von Naturräumen. Deutsche und polnische Naturschutzorganisationen arbeiten mit den Menschen vor Ort an Nutzungskonzepten, in den sich Natur, Tourismus und Wirtschaft nicht voneinander ausschließen.

Ulrich Stöcker, Leiter der Naturschutzabteilung Deutsche Umwelthilfe, fasste in seiner Betrachtung zusammen: „Die Region Haff hat ein enormes Naturkapital. Menschen erkennen und verstehen mehr und mehr, Natur und Tierwelt als wichtigste Ressource zu bewahren.“

Das im Dreieck Usedom, Stettin und Anklam liegende Oder-Delta gilt als Rückzugsgebiet für Kegelrobben, Wisent, Wolf, Fischotter, Biber sowie Laichgebiet des seltenen Störs. Das Portrait des Naturraumes mit seinen tierischen Protagonisten gewährt einen einmaligen Einblick und stellt das Delta mit Naturlandschaften mit Landschaftsräumen in Finnland und Spanien auf eine Stufe.

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Die Ausstrahlung des Naturfilms „Die Lauenburgischen Seen – Wildnis zwischen Lübeck und Elbe“ ist für Mittwoch, den 14. Februar 2018, um 20.15 Uhr im NDR geplant.