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Prozess in Schwerin Misshandlung von Dreijährigem: Haft gefordert

Von AFRO | 04.12.2017, 20:45 Uhr

Für die Quälerei eines Kindes will die Staatsanwaltschaft ein Ehepaar ins Gefängnis bringen.

Mit dem Rücken zum Publikum und den Kopf halb versteckt im hohen Kragen ihres Pullover war die Angeklagte kaum zu verstehen, als sie das ihr zustehende sogenannte letzte Wort zu einem späten Bekenntnis nutzte: „Ich schäme mich so, dass ich so abartig war.“

Da niemand ihre Gedanken lesen kann, war nicht auszumachen, ob es Reue oder aber Selbstmitleid war, weshalb Tränen ihre Stimme fast erstickten. Immerhin hatte die Staatsanwältin für die 36 Jahre alte Frau aus Grevesmühlen zuvor vier Jahre und zwei Monate und für ihren 32 Jahre alten Ehemann sogar zusätzliche acht Monate Gefängnis gefordert. Die Anklägerin war überzeugt, dass das Ehepaar 2016 den damals dreijährigen Sohn des Mannes monatelang gequält, bösartig vernachlässigt und „an den Rand des Todes gebracht hat“.

Die Verteidiger wollten die Qualen des Jungen nicht kleinreden. Allerdings wäre die Leidenszeit kürzer gewesen, so behaupteten sie, hätten die Jugendämter rechtzeitig eingegriffen.

Die beiden seien keineswegs überfordert gewesen mit dem angeblich so trotzigen Kind, sagte die Staatsanwältin, sie hätten den Jungen von Anfang an nicht gemocht. Es bleibe ein Rätsel, warum überhaupt der Vater das Sorgerecht beantragte und den Kleinen aus einer Jugendwohngruppe zu sich holte. Was immer auch der Junge tat, es schien der Stiefmutter nicht recht zu sein.

„Sie schien eine makabre Freude zu haben, ihn leiden zu sehen“, so die Staatsanwältin. „Blanker Sadismus“ habe die Angeklagte angetrieben, den wehrlosen Jungen immer wieder zu filmen, wenn sie ihn drangsaliert hatte. Die Videos schickte sie ihrem Ehemann, der als Lkw-Fahrer unterwegs war, und erntete Zustimmung.

Mehrmals duschte die Frau den Jungen kalt ab und ließ ihn stundenlang in der Wanne sitzen, weil er eingenässt hatte. Häufiger riss sie ihn nachts aus dem Schlaf, damit er „lernt“, wie sich die Eltern fühlen, wenn sie wegen eines kleinen Kindes nicht durchschlafen können. Sie hielt ihn kopfüber in die Kloschüssel, weil er diese mit Papier verstopft hatte. Immer häufiger entzog sie ihm das Essen, weil sie ihn letztlich lossein wollte. Grün- und blaugeschlagen wurde er von beiden Angeklagten. Als er im Mai 2016 ins Krankenhaus kam, so die Staatsanwältin, war das einst pausbäckige Kind „nur noch ein fahler Schatten seiner selbst“. Langfristige psychische Schäden seien bei dem Kleinen programmiert.

Die Verteidiger forderten, das „komplette Versagen der staatlichen Stellen“ zu berücksichtigen und die Strafe zu mildern – auf jeweils zwei Jahre Gefängnis auf Bewährung. Schließlich habe bereits der Schweriner Familienrichter gewusst, dass der Junge nicht zu seinem Vater wollte, und das Kind dennoch in dessen Haushalt geschickt.

Immer wieder hätten die Angeklagten beim Jugendamt oder auch beim Kinder- und Jugendnotdienst mitgeteilt, dass sie Hilfe für die Erziehung des Kindes brauchten. Obwohl die Stiefmutter berichtete, der Kleine verletze sich selbst, habe niemand auf diese Gefahr für das Kindeswohl reagiert.

Das Gericht wird am kommenden Montag sein Urteil fällen.