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Organspende in MV „Mich wirst du nicht wieder los“

Von KLIk | 14.12.2017, 11:55 Uhr

Heike Schönau hat ihrem Mann eine Niere gespendet und möchte darum kein Gewese machen. Am Sonnabend werben beide in Schwerin für die Organspende

Ehepaare, die schon fast 27 Jahre lang verheiratet sind, gibt es eine ganze Menge. Auch Dirk und Heike Schönau haben vor knapp zwei Jahren ihre Silberhochzeit gefeiert. Trotzdem sind die beiden Rostocker ein besonderes Paar. Denn neben vielen Dingen, die auch andere haben – die gemeinsame Tochter, die Liebe zum Tanzen und zum Reisen – verbindet sie ein Liebesbeweis, den nur sehr wenige Menschen ihrem Partner erbracht haben: Heike Schönau hat ihrem Mann eine Niere gespendet.

Schon im Jahr 2001 wurde bei Dirk Schönau eine Nephropathie, eine degenerative Nierenerkrankung, festgestellt. „Anfangs kam ich ganz gut damit zurecht, ich musste nur meine Ernährung umstellen“, erinnert sich der heute 50-Jährige. Seine zwei Jahre ältere Frau weiß noch genau, dass der Arzt ihres Mannes damals sagte, wenn seine Nierenwerte so bleiben würden, könnte er trotz der Erkrankung über 100 Jahre alt werden. Doch im Laufe der Jahre verschlechterten sie sich. Im Oktober 2012 musste Dirk Schönau zum ersten Mal an die Dialyse, weil seine Nieren allein nicht mehr schafften, den Körper zu entgiften. Von da an stand dreimal pro Woche die Dialyse in seinem Terminkalender – „Montag, Mittwoch und Freitag, und bis auf die ersten beiden Wochen bin ich trotzdem zur Arbeit gegangen“, erzählt der Polizeibeamte, der damals gerade in den Innendienst gewechselt war. Er hätte seine Arbeitszeit nach vorn verlagert und sich nach dem Dienst dann für mehrere Stunden zur Blutreinigung an die Maschine anschließen lassen. Wie lange er das durchgehalten hätte? Dirk Schönau zuckt mit den Achseln. Auf jeden Fall hatte er sich unmittelbar nach der ersten Dialyse auf die Warteliste für eine Spenderniere setzen lassen. „Denn die Hoffnung, wieder von der Dialyse wegzukommen, hat man ja eigentlich immer.“

Aber die Wartelisten sind lang. Mehr als 10 000 Menschen warten allein in Deutschland auf ein Spenderorgan, die mit Abstand meisten von ihnen auf eine Niere. Sie ist nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zugleich auch das am häufigsten transplantierte Organ.

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Doch bis eine Spenderniere zur Verfügung steht, vergehen nicht selten sechs, acht oder noch mehr Jahre. Für Heike Schönau war das eine unerträgliche Vorstellung. Denn durch ihre Arbeit im Büro eines Pflegedienstes wusste sie, wie anstrengend eine Dialyse für Betroffene ist. „Und auch wenn sie hilft, kostet sie doch ganz, ganz viel Lebensqualität.“ Sie hätte deshalb gleich an dem Tag, an dem ihr Mann erfuhr, dass er dialysiert werden muss, zu seinem Arzt gesagt: „Kann ich irgendetwas tun?“ Dass sie ihrem Mann so schnell wie möglich eine ihrer Nieren spenden würde, wenn das medizinisch möglich sein sollte, stand für sie außer Frage.

Weil immer weniger Spenderorgane von Verstorbenen zur Verfügung stehen, hat die Nierenlebendspende in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich an Bedeutung gewonnen. Von den 2094 im Jahr 2016 in Deutschland transplantierten Nieren war nach Angaben der BzgA bereits mehr als jede vierte – exakt 597 – die Spende eines Lebenden.

Für Heike Schönau begannen noch Ende 2012 die vorbereitenden Untersuchungen. „Ich war überrascht, wie wenig dazu eigentlich nötig war. Nur den Kreuztest für die Gewebeverträglichkeit haben sie wohl fünfmal gemacht und immer noch mal geschaut, ob sich etwas verändert hat“, erinnert sie sich.

Und sie erinnert sich auch noch genau an die Befragung durch die Ethikkommission, die jeder Lebendnierenspende vorausgeht. Ihre emotionale und mentale Stabilität sollte dort auf den Prüfstand kommen, erklärt sie – und die Motive ihrer Spende. „Sie wollten wissen, ob ich dich nicht mit einem Paar Schuhe bestochen habe“, versucht ihr Mann, es etwas weniger ernst zu schildern. Auf jeden Fall sei er überrascht und froh gewesen, wie schnell seine Frau die Befragung hinter sich gebracht hatte.

Die Ethikkommission gab grünes Licht – und am 30. Oktober 2013, fast genau ein Jahr nach der ersten Dialyse von Dirk Schönau, stand für beide in Berlin die große Operation an. „Wir waren zusammen aufgenommen worden, und hatten auch gemeinsam ein Zimmer“, erinnert sich Heike Schönau. „Wenn du nach so einer Operation aufwachst und siehst den Partner neben dir, hilft das schon“, ergänzt ihr Mann.

Doch als Heike Schönau nach der Entnahme ihrer Niere wieder zu sich kam, war das Bett neben ihr leer. Jetzt, mit Abstand betrachtet, gab es dafür eine ganz einfache Erklärung: „Schließlich haben sie meinen Mann ja erst abgeholt, als ich schon drei Stunden im OP war.“ Doch unmittelbar nach der Operation hätte sie daran überhaupt nicht gedacht, „da hatte ich nur Angst um ihn“.

Doch dann wurde auch ihr Mann wieder aufs Zimmer gebracht. Die Spenderniere, so erzählten die Ärzte dem Paar später, hatte schon im OP ihre Arbeit in ihrem neuen Körper aufgenommen. „Mich wirst du nicht mehr los“, meint Heike Schönau, und knufft ihren Mann in die Seite – und der muss sich für einen kurzen Moment abwenden, weil ihn die Rührung zu übermannen droht. Schließlich weiß er, dass die Lebendspende an seiner Frau doch nicht spurlos vorbeigegangen ist. Bis heute hat sie zum Beispiel immer wieder Schmerzen an der Entnahmestelle. Und bestimmte Medikamente, die sie gegen ihre Gelenkbeschwerden eingenommen hat, sind jetzt für sie tabu…

„Trotzdem würde ich es immer wieder tun“, betont Heike Schönau. Dass „großes Gewese“ um ihre Nierenspende gemacht wird, könne sie sowieso nicht leiden, das habe sie auch in der Familie klargestellt: „Ich habe das nicht für euch getan, sondern für uns!“

Tatsächlich machen auch die beiden kein große Gewese um die Niere, die sie verbindet. „Wir essen und trinken wie vorher – nur Fisch und Fleisch werden jetzt bei uns zweimal getötet“, meint Heike Schönau mit einem Augenzwinkern. Ihr Mann verzichtet auf Alkohol – aber das war es dann auch schon an Einschränkungen. Zusammen treiben Schönaus Sport, einmal in der Woche gehen sie tanzen. Und sie reisen viel und auch in die Ferne – „wobei das wegen der Zeitverschiebung nicht ganz einfach ist, denn ich muss ja regelmäßig meine Medikamente nehmen, die die Abstoßung der Niere verhindern sollen“, erklärt Dirk Schönau.

Außerdem haben sie etwas getan, was sie vor der Nierenspende kategorisch für sich ausgeschlossen hatten: Sie sind Mitglieder in einem Verein geworden. „Das zweite Leben“ ist ein Zusammenschluss von Lebendnierenspendern, die sich untereinander austauschen, die aber auch andere für die Organspende sensibilisieren wollen. Am Sonnabend ist der Verein deshalb zum Beispiel auf dem Schweriner Weihnachtsmarkt unterwegs, Dirk und Heike Schönau werden dabei sein.

Hintergrund: Nierenlebendspende
Medizinische Voraussetzungen: Zwei gesunde Nieren und ein guter allgemeiner Gesundheitszustand sind maßgebliche medizinische Kriterien, die eine Spenderin oder ein Spender erfüllen muss, um für eine Nierenlebendspende infrage zu kommen. In Voruntersuchungen stellen die Ärztinnen und Ärzte fest, ob die Spenderniere für die Patientin oder den Patienten geeignet ist.Altersgrenze:Grundsätzlich gibt es für eine Nierenlebendspende keine Altersgrenze. Generell gilt, dass die Spenderin oder der Spender gesund sein muss.Ablauf:• Vor der Entnahme der Spenderniere wird der Zustand des Organs überprüft.• Unmittelbar nachdem das Organ entnommen wurde, wird es auf die Empfängerin oder den Empfänger übertragen.• Die Operation der Spenderin oder des Spenders und der Empfängerin oder des Empfängers finden etwa zeitgleich statt und dauern jeweils zwei bis drei Stunden.• Nach der Transplantation bleibt die Spenderin oder der Spender in der Regel fünf bis sieben Tage im Krankenhaus.Risiken:Wie bei jeder Operation können auch bei einer Nierenlebendspende Komplikationen auftreten. Dazu zählen vor allem:• Nachblutungen aus dem Wundgebiet, Wundinfektionen, Venenentzündungen und andere Infekte.• In seltenen Fällen, Taubheitsgefühl an der Stelle der Operationsnarbe oder Narbenbruch.• Das Risiko, an einer Nierenentnahme zu versterben, ist sehr gering.Nierenfunktion nach der Spende:Langfristig verfügt die verbleibende Niere über eine Funktion von etwa 70 Prozent im Vergleich zur Nierenleistung vor der Lebendorganspende. Die Nierenleistung reicht für ein normales Leben aus. Die Spenderin oder der Spender muss weder eine spezielle Diät einhalten noch die Trinkmenge einschränken. Empfohlen sind regelmäßige Untersuchungen der Nierenleistungen, um mögliche Veränderungen frühzeitig erkennen und behandeln zu können.Erfolgsaussichten: Die Fünf-Jahres-Transplantationsrate zeigt, dass fast 85 Prozent der Transplantate von Lebendspendern funktionieren. Nach der Transplantation von Organen verstorbener Spenderinnen oder Spendern beträgt dieser Wert circa 70 Prozent. Wie lange ein transplantiertes Organ seine Funktion erfüllt, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Neben der Organqualität spielen auch der gesundheitliche Zustand und die Anpassung des Lebensstils der Empfängerinnen und Empfänger sowie mögliche Abstoßungsreaktionen des Körpers eine Rolle.