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Ludwigslust Mein Kamerad, der Brandstifter

Von Benjamin Piel | 07.09.2011, 10:10 Uhr

Und am Ende war es einer von ihnen.

Der junge Mann kniet auf dem Boden der ehemaligen Ludwigsluster Poliklinik. Es ist dunkel. Nur der Schein der brennenden Streichhölzer beleuchtet sein Gesicht. Er will die Poliklinik in Brand setzen. Doch dann entdecken ihn Polizeibeamte, nehmen ihn fest.

Als der mutmaßliche Brandstifter am 13. März dieses Jahres von der Polizei auf frischer Tat ertappt wird, atmet der Landkreis Ludwigslust auf. Mit einer Brandserie hatten der 22-jährige Fabian T. und seine beiden Mittäter (21 und 23 Jahre alt) nicht nur Flammen entfacht. Sondern auch Angst. Welches Haus brennt als nächstes? Wann fällt der erste Mensch dem Brandstifter zum Opfer? Fragen wie diese schwirrten durch die Straßen der Stadt. Bilanz der Brandserie: sechs Feuer, eine versuchte Brandstiftung und ein geschätzter Schaden von rund einer Million Euro. Von heute an muss sich der Brandstifter vor dem Schweriner Landgericht verantworten. "Für den mutmaßlichen Haupttäter steht eine mehrjährige Haftstrafe im Raum", so Oberstaatsanwalt Stefan Urbanek.

Feuerwehr geschockt von den Taten

Auch die Feuerwehr atmete nach der Verhaftung auf. Doch nur kurzzeitig. Denn schnell kommt heraus: Der Brandstifter Fabian T. kommt aus den eigenen Reihen, ist Anwärter auf den Feuerwehrdienst. Die Wehrleute sind fassungslos - ein Schock. Der Schreck sitzt tief. Gerne sprechen die Kameraden über die Sache nicht. Kreiswehrführer Heiko Dübel hüllt sich in Schweigen. Das dunkle Kapitel der Feuerwehr schlägt er nicht gerne auf.

Offener ist Ortswehrführer Sebastian Meier. Er hat die Zeit noch gut im Gedächtnis. "Es war schlimm", sagt er. Vor allem die Unsicherheit sei für ihn und seine Leute schwierig gewesen. Auch an Fabian T. erinnert er sich noch gut. Still sei er gewesen, unauffällig, nicht besonders gebildet, habe sozialen Anschluss bei der Feuerwehr gesucht. Nichts habe anfänglich darauf hingedeutet, dass er zum Brandstifter werden könnte.

Ein Profil, das Frank Dieter Stolt nur allzu bekannt vorkommt. Der Mannheimer Brandsachverständige ist der deutsche Experte beim Thema Brandstiftung durch Feuerwehrleute. In seinem jüngst erschienenen Buch "Brandstiftung durch Feuerwehrangehörige" entwirft Stolt ein exaktes Profil des typischen Brandstifters in der Feuerwehr: Zwischen 18 und 30 Jahre alt, eher unterdurchschnittlich intelligent, sozial eher ungefestigte Lebenssituation und überdurchschnittlich motiviert bei der Arbeit in der Feuerwehr. Ein Profil, das auch auf den Ludwigsluster Brandstifter zutrifft. "Bei diesen Merkmalen sollte die Wehrführung ein Auge auf den Kameraden werfen", so Stolt. Er ist gegen Misstrauen, aber für Wachsamkeit.

Stolt ist selbst Feuerwehrmann und wehrt sich auch deshalb gegen den Vorwurf, ein Nestbeschmutzer zu sein. Ihm geht es bei seiner Forschungsarbeit um etwas anderes: "Es gibt zu wenig Prävention, um Taten durch Feuerwehrleute zu verhindern", so Stolt. Besonders die Werbung für die Feuerwehr kritisiert der Fachmann. Vor zwei Jahren lief in mehreren Bundesländern eine Kampagne, um Nachwuchs für die Feuerwehr zu gewinnen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern. Titel: "Helden gesucht". "Ein Slogan, der eine verheerende Wirkung haben kann", sagt Stolt. Denn so werde den Angeworbenen suggeriert, bei der Feuerwehr gehe es immerzu aufregend und abenteuerlich zu. "Doch die Realität sieht ganz anders aus", warnt Stolt. Da retten die Kameraden häufiger Katzen von Bäumen als Verletzte aus brennenden Häusern. Es gibt Feuerwehrleute, denen ist das zu wenig. Sie zünden Häuser an. Nicht, wie landläufig vermutet, weil sie gerne Feuer brennen sehen.

Sondern, weil sie löschen wollen. "Sie wollen helfen, sie wollen zu Helden werden, sie wollen Anerkennung", beschreibt Stolt die Motive der Brandstifter. Frank Neubacher, Professor am Institut für Kriminologie an der Universität Köln sieht das ähnlich: "Der Einsatz, den die Feuerwehrleute regelmäßig trainieren und auf den sie so gesehen warten, ist mit einer positiven Rolle als Helfer, Lebensretter oder gar Held verbunden."

Auch in einem weiteren Punkt sind Neubacher und Stolt sich einig: Das statistische Material zu dem Thema ist dünn. Denn aus den relevanten Quellen, etwa aus der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik, geht nicht hervor, ob ein Täter zum Zeitpunkt der Brandstiftung Mitglied einer Feuerwehr war. Auch eine einheitliche Feuerwehrstatistik gibt es nicht. Durch eigene Recherchen hat Frank Stolt in den vergangenen Jahren versucht, einen Überblick zu bekommen. Er schätzt die Zahl der Brandstiftungen von Feuerwehrleuten auf durchschnittlich zwölf pro Jahr. Tendenz deutlich steigend. Seit etwa vier Jahren beobachtet der Sachverständige einen Anstieg. "In diesem Jahr gab es bereits über 30 Fälle", so Stolt. Die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher sein. Nach Angaben des Deutschen Feuerwehrverbandes gibt es bundesweit rund 36 000 Brandstiftungen pro Jahr. Der Anteil der Feuerwehrleute liegt demnach im Promillebereich. Von 0,3 Promille ist beim Deutschen Feuerwehrverband die Rede.

Hunger nach Anerkennung

Trotzdem sieht Frank Stolt gleich mehrere Gründe, es nicht bei dieser scheinbar beruhigenden Zahl bewenden zu lassen. "Es gibt ein Ost-West-Gefälle", sagt Stolt. In den östlichen Bundesländern gebe es mehr Brandstifter unter den Feuerwehrleuten, vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Und das nicht ohne Grund: Zum einen gebe es in diesen Regionen mehr leer stehende Häuser. Zum anderen gebe es mehr Arbeitslose.

Kaum Brandstiftungen bei Berufsfeuerwehr

"Es sind Menschen, die nach sozialer Anerkennung hungern", so Stolt. Auch deshalb gibt es so gut wie nie Brandstiftungen durch Berufsfeuerwehrleute. "Sie brauchen als Beamte diese Anerkennung nicht", so Stolt. Seinen Recherchen zufolge hat es in den vergangenen 60 Jahren nur rund zehn solcher Fälle gegeben.

Noch etwas vergrößert das Risiko von Brandstiftern in ostdeutschen Feuerwehren laut Stolt: "Durch den Bevölkerungsrückgang werden Menschen in die Freiwillige Feuerwehr aufgenommen, die man aufgrund eher unterdurchschnittlicher Qualifikation früher vielleicht eher nicht aufgenommen hätte", so der Sachverständige. Thesen, die Landesbrandmeister Heino Kalkschies so nicht stehen lassen möchte. "Für ein Ost-Problem gibt es aus meiner Sicht keine Belege", so Kalkschies. Er verweist darauf, dass die Feuerwehr viel Präventionsarbeit leiste. Sowohl innerhalb der Wehren als auch in Schulen und Kindergärten.

Gegenüber der Staatsanwaltschaft hat Fabian T. einen "Adrenalinkick" als Motiv für seine Taten angegeben. Stolt glaubt trotzdem, dass auch soziale Gründe eine Rolle gespielt haben könnten. Dafür spricht auch, dass der Täter nach seiner Verhaftung einen Brief an seine ehemaligen Kameraden geschrieben hat. Er wolle nach der Haftentlassung wieder Mitglied der Feuerwehr werden, schrieb er darin sinngemäß. Ein Wunsch, der paradox klingt, laut Stolt aber einer psychischen Logik folgt.

"Viele brandstiftende Feuerwehrleute glauben, im Sinne ihrer Wehr zu handeln", so Stolt. Doch der Wunsch des Fabian T. wird unerhört bleiben. Die Ludwigsluster Feuerwehr hat ihn unmittelbar nach den Taten aus der Feuerwehr entfernt. Rückehr: ausgeschlossen.