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Das Problem ist viel größer als angenommen Mehr als 150 000 Analphabeten in MV

Von Grit Büttner, dpa | 07.09.2011, 08:04 Uhr

Mehr als 150 000 Erwachsene in MV gelten als funktionale Analphabeten. Sie können trotz Schulbesuchs nicht richtig lesen und schreiben. Bisherige Schätzungen gingen von 80 000 Betroffenen zwischen 18 und 64 Jahren aus.

Mehr als 150 000 Erwachsene in Mecklenburg-Vorpommern gelten als funktionale Analphabeten. Sie können trotz Schulbesuchs nicht richtig lesen und schreiben, wie Marion Buhl, Fachbereichsleiterin für Alphabetisierung beim Landesverband der Volkshochschulen, in Schwerin sagte. Bisherige Schätzungen gingen anhand der Schulabbrecher von nur 80 000 Betroffenen zwischen 18 und 64 Jahren im Nordosten aus. Laut einer wissenschaftlichen Studie der Universität Hamburg aber gelten 14,5 Prozent oder 7,5 Millionen der Erwerbsfähigen in Deutschland als Analphabeten. In Mecklenburg-Vorpommern wären das rechnerisch mindestens 150 000. Am heutigen Donnerstag ist Welt-Alphabetisierungstag.

Nach der Hamburger Studie "Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus", die auf 8500 Tests in Haushalten basiert und im Frühjahr veröffentlicht wurde, gehören zu den funktionalen Analphabeten auch jene, die vielleicht noch kurze Sätze lesen und schreiben können, aber bereits an einfachsten Texten scheitern. Hinzu kämen weitere 13,3 Millionen Deutsche, deren Schriftsprache auch bei gebräuchlichem Wortschatz fehlerhaft ist, hieß es. "Rund 21 Millionen Erwachsene in der Bundesrepublik haben demnach Defizite in der Grundbildung", betonte Marion Buhl.

Größte Hürde ist der Zugang zu den Betroffenen

Die Gründe für Unkenntnis im Lesen und Schreiben seien sehr komplex und vielfältig, sagte die Expertin. Betroffen seien längst nicht nur junge Menschen ohne qualifizierten Schulabschluss. Auch Lernschwierigkeiten und unzureichende Förderung in Schule und Elternhaus legten die Basis für Analphabetentum. Ebenso gebe es Zusammenhänge mit den sozialen Lebensverhältnissen, Krankheiten und Diskriminierungserfahrungen, erklärte Buhl.

"Angesichts dieser Dimension sind weit mehr Kurse zur Elementarbildung der Bevölkerung nötig", forderte sie. In Mecklenburg-Vorpommern erreichten die Volkshochschulen 2010 mit 124 Alphabetisierungskursen an elf Standorten gerade 900 Teilnehmer. Die größte Hürde sei der Zugang zu den Betroffenen. "Die Menschen müssen den Schritt in die Öffentlichkeit wagen und eine riesige Hemmschwelle überwinden", sagte Buhl. Arbeitgeber, Familie, Freunde wie auch Ämter und Ärzte müssten geschult werden, um Analphabetismus erkennen und gezielt ansprechen zu können.

Ein weiteres Problem sei das Geld. Die Kursgebühren von unter einem Euro je Unterrichtsstunde fielen für die Betroffenen oft weniger ins Gewicht als vielmehr die Fahrtkosten zur nächsten Volkshochschule, erklärte Buhl. "Wir brauchen nationale Anstrengungen, ein breites Bündnis von Bund, Ländern und Kommunen sowie der Wirtschaft, um Abhilfe zu schaffen."

Appell an die Unternehmer im Land

Besonders appellierte Buhl an die Unternehmer im Land, Fortbildung für ihre Beschäftigten anzubieten. Weit mehr als die Hälfte der befragten Analphabeten hätten angegeben, erwerbstätig zu sein.

Fehlende Schulabschlüsse seien nicht unbedingt ausschlaggebend: 48 Prozent der Probanden hatten laut Studie einen Hauptschulabschluss und weitere 19 Prozent sogar die mittlere Reife.