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Lübtheen Lübtheener Radioröhre der Extraklasse

Von Torsten Roth | 30.03.2012, 09:40 Uhr

Sie sorgt bei Musikfreaks für das ultimative Klangerlebnis: rein, sauber, natürlich, filigran.

Heimelektronikhersteller haben sie trotzdem in den letzten Jahrzehnten längst ins Museum verbannt und durch Halbleiter ersetzt. Mit seinen Verstärkerröhren wie sie einst jedes Röhrenradio zum Erklingen brachte hat Klaus Schaffernicht aus Lübtheen in seiner Firma Elrog aus der alten Technik der 20er-Jahre aber wieder ein Hightech-Produkt, das in Deutschland und darüber hinaus seinesgleichen sucht. Bislang wurden die Röhren aus Glas und Stahl nur noch in Fernost und Osteuropa gefertigt. Mehrere Jahrzehnte ist es her, dass in Süddeutschland die letzten Serienröhren ausgeliefert wurden. Jetzt gibt es aber wieder ein deutsches Produkt - vom bundesweit einzigen Röhrenhersteller in Mecklenburg-Vorpommern.

Dabei wollte der einstige Berliner Physikstudent Schaffernicht alles, nur nicht in den Röhrenbau einsteigen, den sein Vater als einer drei Erfinder der Nacht sichtröhre einst in Berlin zur Perfektion brachte. Jahrzehnte später kann der 75-Jährige es selbst im Rentenalter nicht lassen. "Der Beruf ist mein Hobby", lässt Schaffernicht kein bisschen Altersruhe aufkommen. Ein Leben lang habe er Röhren in allen Variationen hergestellt: einst bei Telefunken, bei Europas größter Nachtsichtröhrenfabrik in Holland, später in der eigenen Firme Elrog in Lüneburg - und seit 2004 in Lübtheen. Richtfunkröhren für die Signalübertragung von Radio und Fernsehen, Nachtsichtröhren fürs Militär, Bildröhren: Doch das, was Schaffernicht jetzt in einer alten Villa im ehemaligen Zahnärztehaus Lübtheens in Handarbeit fertigt, ist für den Rolls-Royce der Heim elektronik bestimmt. Die 20 Zentimeter langen Röhren würden in einem Verstärker für hochwertige Audio-Anlagen eingebaut, erklärt Thomas Deyerling, Chef der Kelkheimer Firma Cayin-Audio im Taunus. Stückpreis für eine Komplettanlage: zwischen 10 000 und 100 000 Euro für ein Klangerlebnis der Extraklasse. Röhren aus Lübtheen haben inzwischen Interessenten weltweit gefunden - USA, Japan, Australien, Europa. Jahrelang tüftelte Schaffernicht an der neuen Hightech-Röhre. Es hat sich gelohnt, urteilt der Experte. Die neue Röhre habe einen deutlichen Klangfortschritt gebracht für eine "extrem hochwertige Wiedergabe", meint Deyerling. Spätestens seit Schaffernicht auf der Hightech-Messe High End in München seine Röhre präsentierte ist die Fachwelt entzückt: "Das war der Schlager der Messe", freut sich Schaffernicht über die Resonanz. "Die Musikliebhaber haben sich die Augen gerieben."

Mit Unterstützung seiner vier Mitarbeiter fertigt Schaffernicht in seiner Firma Elrog in Lübtheen Deutschlands einzige Verstärkerröhre - eine Handvoll am Tag. 500 Stück will er in diesem Jahr noch verkaufen und die Entwicklungskosten wieder in die Kasse holen, meint der Firmenchef. Dabei besteht das Grundkonzept seiner Röhren auf den Plänen seiner Vorgänger aus den 20er-Jahren - aber weiterentwickelt und völlig neu konzipiert. In bester Qualität, meint Deyerling.

Was Schaffernicht in der mecklenburgischen Provinz nach jahrelanger Entwicklung und Kosten von mehreren zehntausend Euro auf den Markt brachte, kommt einem "Durchbruch" gleich, schreibt das Internetportal magnus.de. Bei bisheriger röhrenbe stückter Technik "klangs schon abgehoben, lebendig, unendlich filigran". Mit der neuen Röhre aus Lübtheen haben die Anlagen "einige Fesseln mehr abwerfen" können. "Klavieranschläge kamen noch viel unmittelbarer, Trommelschläge gelöster, trockener und brisant genauer auf den Punkt. Stimmen erschienen lebendiger, klarer", so das Urteil der Experten.

Inzwischen gilt Schaffernicht als der Röhren-Papst Deutschlands. Sein Knowhow ließen sich selbst Weltfirmen nicht entgehen. Boeing oder McDonnell Douglas: Einst suchten diese Firmen Bildröhren, die auch bei intensiver Sonneneinstrahlung noch klare Konturen zeigten. Als Schaffernicht mit seiner kleinen Firma Elrog liefern konnte, wurden seine mit hoher Leuchtkraft versehenen Displays unter anderem in Awacs-Überwachungsjets, in Phantom und Tornados eingebaut - beispielsweise im Helm von Helicopter-Piloten, erzählt Schaffernicht und zeigt seine neueste Entwicklung: eine Röhre für Gasanalysen beispielsweise für die Feuerwehr.