Ein Angebot des medienhaus nord

Ori-Grundschule Leezen Lesen lernen mit der dicken Mitte

Von Franziska Sanyang | 13.12.2017, 12:00 Uhr

Ob Anlauttabelle, Fibelmethode oder Ori-Konzept: Erstklässler in MV werden mit unterschiedlichen Methoden unterrichtet. Leseleistungen im Land sollen verbessert werden.

Die 26 Erstklässler der Ori-Grundschule Leezen schauen gebannt nach vorn. Sie verfolgen genau, was Klassenlehrerin Frauke Hahnen an der Tafel macht. Geschickt ordnet sie bunte Blättchen mit Buchstaben an. Ein „ND“ kommt in die Mitte, davor heftet sie ein „U“. „Wir lesen alle zusammen“, fordert die junge Frau mit melodischer Stimme auf. „Und“, antwortet ihr der Chor.

„Und jetzt zaubere ich ein bisschen für euch“, sagt Hahnen geheimnisvoll. Gespanntes Gemurmel. Ein „H“ wird vorangestellt. „Hund“, ruft der Schülerchor begeistert. Und es wird weiter gezaubert. Aus „Hund“ wird „Hunde“. Oder es kommt statt dem „U“ ein „A“. Die Erstklässler bilden Hand – Rand – Sand – Handel.

„Das Tolle an unserem Konzept ist, dass Schüler sehr schnell Erfolge beim Lesenlernen haben“, sagt Annette Würschnitzer. Sie war es, die Mitte der 1990er-Jahre die Ori-Methode in der Grundschule Leezen eingeführt hat – und bis heute ist die Schule landesweit die einzige, die alle ersten Klassen danach unterrichtet. „Ich war auf der Suche nach neuen Wegen, Schulanfängern das Lesen und Schreiben beizubringen und vor allem ihre Lust am Schreiben zu erhalten.“ Dabei fand ein Konzept, das von Edith Bauer und Kurt Richter in Rostock entdeckt wurde, großen Anklang bei Würschnitzer. Die Wissenschaftler hatten die deutsche Sprache orthografisch untersucht. Dabei fanden sie heraus, dass alle Wörter sogenannte Invarianten haben. Das sind Bauteile in der Wortmitte, die unveränderlich sind. Aus den wandelbaren Vor- und Nachsilben lassen sich dann alle Wörter bilden. „Die Kinder nennen die Wortmitte auch dicke Mitte, weil sie im Lehrmaterial oftmals fett gedruckt ist“, erzählt Würschnitzer lächelnd.

Mit der Systematik der orthografischen Invarianten (kurz Ori) soll Lesenlernen ein Kinderspiel sein. Haben Schüler einmal eine Wortmitte verinnerlicht, konstruieren sie daraus selbst eigene Wörter – mithilfe der Buchstaben, die sie schon können. „So erlernen die Kinder das Lesen auf eine sehr selbstständige Art und Weise“, stellt Annette Würschnitzer einen Vorteil des Konzeptes heraus.

Dabei ist Ori nur eine Möglichkeit, nach der Schüler in Mecklenburg-Vorpommern Lesen und Schreiben lernen können. Allerdings werden laut Bildungsministerium nur ein Prozent der Schüler nach Ori unterrichtet. Am meisten verbreitet ist im Land hingegen die analytisch-synthetische Methode. 86 Prozent der Schulen in MV haben sich für dieses klassische Konzept entschieden. Hier lernen Kinder sowohl Wörter in ihre Einzelteile zu zerlegen als auch ganze Wörter in ihrem Wortbild zu erkennen. Mithilfe von beispielsweise Fibeln werden den Schulanfängern einzelne Buchstaben, verschiedene Silben, aber auch ganze Wörter beigebracht.

Eine weitere Variante, die in den letzten Jahren immer wieder in die Kritik geriet, ist das sogenannte „Lesen durch Schreiben“. Hierbei werden Erstklässler motiviert, Wörter so zu schreiben, wie sie sich für sie anhören. Deshalb ist die Methode auch umgangssprachlich unter dem Namen „Schreiben nach Gehör“ bekannt geworden. Da zumindest im ersten Schuljahr Rechtschreibung keine Rolle spielt und Fehler nicht korrigiert werden, vermuten Kritiker hier eine Ursache für schlechte Lese- und Rechtschreibkompetenz bei Schülern. In Baden-Würtemberg und Hamburg wurde die Methode bereits verboten. Andere Bundesländer wollen folgen. Hierzulande lernen lediglich zwei Prozent der Schüler danach und „Lesen durch Schreiben“ spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Doch wozu die Diskussion um die richtige Methode? Grund ist die höchstens durchschnittliche Leseleistung deutscher Grundschüler. Laut der jüngst vorgestellten Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (wir berichteten) verlässt jeder fünfte Viertklässler in Deutschland die Grundschule nur mit rudimentären Lesekenntnissen. Viele andere Länder wie Russland, Singapur, Finnland, aber auch Polen sind uns hier weit voraus.

Mit Konzepten wie einer zusätzlichen Deutschstunde für die Klassen eins und zwei sowie dem „Mindestwortschatz M-V“ seit diesem Schuljahr, versucht das Land, die Rechtschreibkompetenzen der Schüler zu verbessern.

Beruhigend für alle Eltern: Wissenschaftliche Studien zu den unterschiedlichen Lernmethoden konnten bisher im Ergebnis keine besonderen Unterschiede herausfinden. Spätestens nach Klasse vier gleichen sich – ob Schüler nach der Fibelmethode, Lesen durch Schreiben oder Ori gelernt haben – Leistungen im Lesen und Schreiben an.

Die Anlauttabelle: Von „A“ wie Apfel bis „Z“ wie Zelt
In einer sogenannten Anlauttabelle werden alle Laute sowohl schriftlich als auch mit einem dazu passenden Bild aufgeführt. Beispielsweise steht ein Apfel für ein „A“ oder der Esel für ein langes „E“. Die Tabelle soll Lese- und Schreibanfängern dabei helfen, schnell eigene Wörter zu konstruieren. Das klappt zwar meist recht schnell und mit Erfolg – solange keine Stolperfallen wie etwa ein stummes „H“ oder andere schwierige Laute geschrieben werden müssen.

Häufig in der Kritik: „Schraibän nach Gehöar“
Die Methode „Lesen durch Schreiben“wurde von Jürgen Reichen in den 1970er-Jahren entwickelt. Statt wie bisher den Schülern die einzelnen Buchstaben beizubringen und sie so schrittweise ans Lesen heranzuführen, geht das Konzept den umgekehrten Weg. Die Erstklässler sollen lernen, Wörter in ihre Einzelteile zu zerlegen. Dazu sprechen sie sich diese immer wieder laut vor, weshalb das Konzept auch als „Schreiben nach Gehör“ bekannt geworden ist. Ist ein Wort in seine phonetischen Einzelteile zerlegt, können Kinder es mithilfe der Anlauttabelle aufschreiben. Meist können Erstklässler schon nach kurzer Zeit ganze Sätze konstruieren. Ein tolles Erfolgserlebnis. Problematisch ist, dass bei „Schreib wie du sprichst“ teilweise sonderliche Wortkonstruktionen zustande kommen. Und: Diese werden im ersten Schuljahr nicht korrigiert. Rechtschreibung spielt erst in den höheren Klassen eine Rolle.

Damals wie Heute: Altbewährt: Die Fibelmethode
Die Kinder orientieren sich vor allem an einzelnen Buchstaben, Wörtern und Wortbedeutungen, die sie aus ihrer Fibel kennen. Begleitende Bilder sind für die Erstklässler dabei sehr wichtig. Kennen Kinder bereits einige Laute und die dazugehörigen Buchstaben, beginnen sie irgendwann, die Silben miteinander zu verbinden. Mit ein bisschen Übung können sie dann auch unbekannte Wörter lesen. Übrigens dient seit spätestens dem 16. Jahrhundert die Fibel zum Lesenlernen. Allerdings wandelte sich im Laufe der Zeit ihre Methode.