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Verbandschef fordert verlässliche Zusagen für ambulante Praxen Landesweit fehlen 190 Hausärzte

Von Redaktion svz.de | 30.11.2012, 10:30 Uhr

Geschlossene Arztpraxen, übervolle Patientenräume, lange Wartezeiten und immer ältere Hausärzte, die selbst immer öfter krankheitsbedingt ausfallen... Es steht schlecht um die ambulante hausärztliche Versorgung in MV.

Geschlossene Arztpraxen, übervolle Patientenräume, lange Wartezeiten und immer ältere Hausärzte, die selbst immer öfter krankheitsbedingt ausfallen... Es steht schlecht um die ambulante hausärztliche Versorgung im alternden Flächenland Mecklenburg-Vorpommern. Über Probleme, Lösungsvorschläge und Forderungen an die Politik sprach Ralph Sommer vor dem Hausärztetag am Samstag in Rostock mit dem Vorsitzenden des Hausärzteverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Dieter Kreye (53), der selbst praktizierender Hausarzt in Neubrandenburg ist.

Wie stellt sich der aktuelle Versorgungsstand dar?

Kreye: Regional sehr unterschiedlich. Es gibt Bereiche mit einer guten Versorgung und Gegenden mit echten Problemen. Derzeit arbeiten hierzulande 1100 Hausärzte. Es gibt 190 offene Stellen. Jährlich schließen im Durchschnitt 16 Praxen. In 9 von 16 Planungsbereichen droht in absehbarer Zeit eine Unterversorgung.

Wo ist es besonders kritisch?

Kreye: Zum Beispiel im Raum Woldegk, wo derzeit nur noch vier Kollegen tätig sind, allesamt deutlich älter als 50. Auch um Schwaan und Crivitz mangelt es an Hausärzten. In der Uecker-Randow-Region bahnt sich bei den Kinderärzten Entlastung durch eine Kollegin aus Österreich an. Aber auch in den eigentlich gut versorgten Großstädten fehlen am Ende doch Hausärzte, weil einige von ihnen in Wirklichkeit als Fachärzte zum Beispiel als Spezialinternisten tätig sind. Bereits jetzt behandeln die Ärzte in Mecklenburg-Vorpommern wesentlich mehr Patienten als im Bundesdurchschnitt.

Nicht nur die Patienten, auch ihre Ärzte werden im Durchschnitt immer älter. Das sorgt für zusätzliche Probleme.

Kreye: Ganz genau. Schon jetzt sind 22 Prozent unserer Hausärzte älter als 60. Sie sind enorm belastet und arbeiten nicht selten zehn bis elf Stunden am Tag. Die Folgen sind oft psychische und körperliche Erkrankungen. Viele Kollegen sind schlicht ausgebrannt, die sogenannten Burnout-Fälle mit Ausfällen von einem halben Jahr und mehr nehmen zu.

Wo bleibt der Nachwuchs?

Kreye: Es fehlen junge Leute in der Ärzteschaft und bei medizinischen Fachangestellten. Aber es gibt auch Hoffnungsschimmer. Beide Universitäten in Rostock und seit einem Jahr auch in Greifswald haben inzwischen Lehrstühle für Allgemeinmedizin. Die sehr engagierten Professoren machen die Studenten sehr früh vertraut mit dem Job eines Hausarztes und versuchen Interesse zu wecken. Ich gehe davon aus, dass es künftig den einen oder anderen neuen Facharzt für Allgemeinmedizin mehr geben wird, aber eben leider erst nach sieben bis acht Jahren Studium und Weiterbildung. Im Übrigen wird ja inzwischen die Ansiedlung von Hausärzten von der kassenärztlichen Vereinigung auch finanziell unterstützt. Und derzeit bereiten wir mit dem Landkreis- sowie dem Städte- und Gemeindetag einen Anwerbekatalog vor, in dem regionale Vorteile und Hilfestellungen präsentiert werden.

Was müsste die Politik tun, um dem Ärztemangel im Nordosten zu begegnen?

Kreye: Zum Hausärztetag am Samstag in Rostock mit über 350 Teilnehmern erwarten wir auch Ministerpräsident Erwin Sellering. Weil das Problem aber nicht auf Mecklenburg-Vorpommern beschränkt ist, ist vor allem auch die Bundespolitik gefordert. Um Unternehmensplanungen für Hausärzte zu sichern, brauchen wir vor allem verlässliche und stabile Rahmenbedingungen zum Beispiel über Förderbedingungen, Honorarentwicklung und Bürokratieabbau. Außerdem fordern wir, dass in das Praktische Jahr zum Medizinstudium-Abschluss auch drei Monate Allgemeinmedizin in den Pflichtkatalog aufgenommen werden. Dass dieser Vorschlag von Mecklenburg-Vorpommern im Bundesrat scheiterte, halte ich für sehr antiquiert.