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Mecklenburg-Vorpommern Kolonien der Fantasie - neue Karl-May-Biografien

Von Welf Grombacher | 30.03.2012, 11:06 Uhr

Am 26.

Mai 1899 bricht Karl May auf zu seiner ersten großen Auslandsreise. Er, der die Welt nur aus Bibliotheken kennt und trotzdem behauptet, er habe all die Abenteuer in seinen Büchern selbst erlebt. Immer mehr Leser zweifeln an der Aufrichtigkeit des Autors. So entschließt er sich mit 57 Jahren zu seiner Orientreise. Anders als seine Helden reist er nicht auf dem Pferd. Das wäre zu strapaziös. Er logiert in Luxushotels und besucht die touristischen Zentren. Dennoch erleidet er auf Sumatra beim Anblick all des Elends einen Nervenzusammenbruch. Als in Istanbul ein weiterer folgt, fürchten die Begleiter sogar, ihn in eine Irrenanstalt einweisen zu müssen. Der harten Realität ist Karl May nicht gewachsen.

Wer war dieser 1842 als Kind armer Weberleute in Ernsthal (Sachsen) geborene Schriftsteller, der als Kind seine Nase unter Androhung von Prügeln in Bücher stecken musste, um es mal besser als der Vater zu haben? Der später Kolonien der Fantasie erschuf und ganze Generationen träumen ließ.

Aus Anlass seines 100. Todestages widmen sich gleich drei Biografien dem Literaten und "Lügenbold", wie ihn Hermann Kant einmal nannte (und der muss es ja wissen).

Den komplettesten Überblick bietet Helmut Schmiedt, der in Koblenz Germanistik lehrt und stellvertretender Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft ist. In "Karl May oder Die Macht der Phantasie" zeichnet er gut lesbar das Leben des Sachsen nach und ordnet es ein in die wilhelminische Epoche.

Erst als Karl May sein Leben nicht mehr als Roman behandelt, so Schmiedts These, erst als er lernt, seine Fantasie in Bahnen zu lenken, fällt er auf die Füße. Ein Hochstapler bleibt er auch als Schriftsteller. Da aber ist das erlaubt.

Am meisten an die Fakten dieses bewegten Lebens hält sich Thomas Kramer in "Karl May. Ein biografisches Porträt". Vom Spätwerk aus schlägt der Berliner Dozent in seinem manchmal etwas ungelenk wirkenden Buch den Bogen. Sein Fazit: So lange "Karl Mays Aktualität unberücksichtigt bleibt und sein Spätwerk als schwer lesbar gilt, wird sein Stern weiter verblassen".

Mehr Wirkungsgeschichte als Biografie ist das sehr elegant geschriebene "Karl May. Untertan, Hochstapler, Übermensch" des beim Berliner Tagesspiegel tätigen Rüdiger Schaper. In Schlaglichtern ist zu lesen, wie sich die Produzenten Horst Wendlandt und Arthur Brauner gegenseitig Darsteller und ganze Filmteams abwarben, als sie zwischen 1962 und 1968 17 Karl-May-Filme "durchprügelten". Oder wie Martin Walser nachts unter der Bettdecke May gelesen habe. Den "größten Ich-Sager der deutschsprachigen Literatur", nennt Schaper den Schriftsteller, der am 30. März 1912 an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Karl Mays zweite Frau Klara erzählte später, er habe vor dem Tod im Traum noch, wie er es oft tat, mit den Gestalten seiner Fantasie gesprochen.