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Helsinki/Stralsund Knapp der Katastrophe entkommen

Von Ralph Sommer | 09.02.2010, 08:50 Uhr

Mecklenburg-Vorpommerns Küste kam mal wieder mit einem blauen Auge davon.

Nur wenige Seemeilen vor Rügen fiel die Maschine aus. Der Kapitän des dänischen Küstenmotorschiffs "Tango" ließ ankern und wartete auf die angeforderte Hilfe. Am nächsten Tag frischte der Wind auf, der Anker riss. Im Sturm trieb das rund 60 Meter lange Schiff auf die Küste zu. Das deutsche Mehrzweckschiff "Arkona" kam gerade noch rechtzeitig. Kurz bevor der Frachter bei Kolliker Ort vor den Kreidefelsen auf Grund zu laufen drohte, gelang es der Besatzung eine Schleppverbindung herzustellen und den mit Schlagseite treibenden Havaristen in sicheres Tiefwasser nach Mukran zu bringen.

Der Fall "Tango" am 18. Dezember vergangenen Jahres war der vorerst letzte von insgesamt 43 größeren Seeunfällen, die das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Stralsund seit 1991 vor Mecklenburg-Vorpommern registrierte. Nicht jeder lief so glimpflich ab. Im März 2001 zum Beispiel kollidierte 13 Seemeilen nordwestlich von Rügen der zypriotische Zuckerfrachter "Tern" mit dem unter Billigflagge fahrenden Tanker "Baltic Carrier". Rund 1900 Tonnen Schweröl trieben auf die dänische Küste zu. Das Brackwassermeer Ostsee entkam nur knapp dem ökologischen Super-Gau.

Weltweit ist kaum ein Meer so sehr bedroht wie die nur 22 Billiarden Liter fassende Ostsee. Die Liste der Probleme ist lang: Sie reicht von der Gefahr von Ölverschmutzungen nach Schiffskollisionen, der ungestoppten Überdüngung durch Einleitungen von Abwässern aus Landwirtschaft und Klärwerken bis zur illegalen Entsorgung von Sondermüll. Themen, mit denen sich ab heute etwa 350 Vertreter der Anrainerstaaten auf einem Krisengipfel in Helsinki beschäftigen wollen, unter ihnen sogar Russlands Premier Wladimir Putin.

Für den angestrebten Pakt zur Rettung der Ostsee sollen vor allem Institutionen aus Forschung und Industrie gewonnen werden, sagt der finnische Außenminister Alexander Stubb. Es gehe um 400 konkrete Projekte. Ein Schwerpunkt der Konferenz ist die bessere Überwachung des nach der Weltwirtschaftskrise wieder zunehmenden Schiffsverkehrs, insbesondere in der Kadetrinne. Auf der "Seeautobahn" zwischen dem Darß und der dänischen Insel Falster zwängen sich alljährlich mehr als 64 000 Schiffe. Auch die Häfen von Mecklenburg-Vorpommern würden immer häufiger angesteuert, sagt WSA-Nautiker Gunter Richter. "Noch vor fünf Jahren gab es in den Häfen Rostock, Stralsund, Wolgast, Greifswald und Sassnitz 35 168 meldepflichtige An- und Abläufe. Vergangenes Jahr waren es mehr als 41 000, ein Jahr vor der Krise sogar 43 697!"

Der Bau von Windparks, der Ostseepipeline und die Verlegung von Kabeln wird den Schiffs-Run noch verstärken. Ohne modernste Technik, die Einführung verbindlicher Verkehrstrennungsgebiete und Überseelotsungen wäre so ein Verkehr heute kaum noch zu bewältigen, sagen Schifffahrtexperten. Die Ostseeanrainerstaaten haben in den vergangenen Jahren Millionen in ihre Schiffsüberwachungssysteme investiert.

In Deutschland soll nach der Modernisierung der Verkehrszentrale Warnemünde im Jahre 1998 in Kürze auch die Schwesterstelle in Travemünde auf den aktuellen technischen Stand gebracht werden. "Innovationen wie das 2005 eingeführte Automatische Identifikationssystem (AIS), das Schiffsführern und Revierzentralen Auskunft über die im Seegebiet kreuzenden Schiffe, wie Typ, Größe, Tiefgang, Herkunft, Geschwindigkeit und Zielhafen liefert, haben die Schifffahrt deutlich sicherer gemacht", sagt Klaus-Peter Nitzsch, Leiter der Verkehrszentrale Warnemünde.

Neue Systeme wie das für 2013 angekündigte europäische Satellitensystem "Galileo" mit einer Ortungsgenauigkeit von vier Metern, das bereits mit Ostseefähren und bei Rostock installierten Transpondern getestet wird, sollen das Navigieren zum Beispiel in Hafeneinfahrten zusätzlich erleichtern. "Aber die Technik ist auch kein Allheilmittel", betont Richter. Ein Großteil der Schiffsunfälle in der Ostsee sei auf menschliches Versagen zurückzuführen. So sei das russische Küstenmotorschiff Ladoga-3" vor zwei Jahren vor dem Darß gestrandet, weil die gesamte Besatzung betrunken gewesen sei und eine notwendige Kurskorrektor versäumt habe. Und noch immer seien Schiffe mit unzureichender Navigationstechnik, veralteten Seekarten und schlecht geschultem Personal unterwegs.