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Inklusion: Modell erfüllt Erwartungen nicht Klassenziel knapp verfehlt

Von Marlis Tautz | 25.11.2012, 07:00 Uhr

Frühestens zum Schuljahr 2013/14 werden in den Schulen politische Entscheidungen zum Ausbau der Inklusion wirksam. Das sagte Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) am Wochenende in Rostock.

Eine Kleinstadt mit Grundschule an der Mecklenburgischen Seenplatte. Bis zu 28 Kinder in der Klasse, darunter etliche, die Förderung brauchen, "Langsam-Lerner" und "Verhaltensoriginelle". Einmal in der Woche kommt ein Lehrer vom Gymnasium ins Haus und wendet für einige Stunden an, was er in einer Zusatzqualifikation zum Sonderschulpädagogen gelernt hat. "Fragt aber noch, was er machen soll", sagt die Lehrerin, die mit drei Kolleginnen zum 2. Inklusionskongress des Bildungsministeriums am Sonnabend nach Rostock gekommen ist. Sie wollen etwas Handfestes erfahren, das ihnen bei der täglichen Arbeit nützt. Das Quartett reist ein wenig enttäuscht ab. Es geht um die Theorie, den Weg in ein inklusives Schulsystem, eine Schule, die der UN-Behindertenrechtskonvention gerecht wird.

Eine solche Schule könne nur die Gemeinschaftsschule sein, argumentierte Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz von der Freien Universität Berlin. "Der Weg zur inklusiven Schule macht uns die Widersprüchlichkeit des bestehenden gegliederten Schulsystems deutlich", sagte er. Er verwies auf internationale Vergleiche, nach denen Schulsysteme, die weniger sortieren, den deutschen Strukturen überlegen seien. Gegen den "Totalitätsanspruch des inklusiven Systems" wand sich hingegen Prof. Dr. Kurt Heller von der Maximiliansuniversität München. Er warnte vor der Aufgabe "bewährter Strukturen" zugunsten des "Versprechens von der schönen, heilen Schulwelt, für die es bislang keine wissenschaftlichen Beweise gibt".

Eine erste Studie zur Inklusion liegt an der Universität Rostock vor. Sie hatte die Inklusionsarbeit der zwölf Grundschulen auf Rügen wissenschaftlich begleitet. Auf der Insel waren vor zwei Jahren Kinder mit Lernbeeinträchtigungen, Sprachauffälligkeiten und Förderbedarf bei der sozial-emotionalen Entwicklung in reguläre 1. Klassen eingeschult worden. Für einen Zwischenbericht hatten die Forscher die Resultate der Schüler auf Rügen mit denen von Kindern in Stralsund verglichen, wo nach bisherigem Standard in besonderen Klassen oder Schulen gefördert wurde. "Die Erwartung, dass auf Rügen bessere Ergebnisse als im herkömmlichen System erzielt werden, hat sich nicht vollständig erfüllt", resümierte Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD). Während Kinder mit Förderbedarf hier wie dort nahezu gleiche Lern ergebnisse erzielten, seien bei leistungsstarken Schülern auf Rügen "leichte, beherrschbare Rückstände in Mathe und beim Lesen" festzustellen.

Parallel zur Rügen-Studie stellte die Expertenkommission "Inklusion" auf dem Rostocker Kongress ihre Empfehlung für den Ausbau des Schulsystems zu mehr Inklusion vor. Demnach sollte jede Grundschule eine "sonderpädagogische Grundausstattung" erhalten: Pro 100 Schüler 18 Wochenstunden. Zudem gab es Vorschläge für eine effektivere Arbeit des Diagnostischen Dienstes und für Lehrerfortbildungen auf dem Gebiet der Sonderschulpädagogik. Der Bericht der Expertenkommission liegt nun auf dem Schreibtisch von Minister Brodkorb. Der will ihn bis Anfang kommenden Jahres zur Diskussion in der Landesregierung aufbereiten. Frühestens im Herbst 2013 könnten erste Beschlüsse im Landesparlament folgen, die sich zum Schuljahr 2013/14 in den Schulen auswirken. Manchen Kongressteilnehmern erscheint das zu langsam. Schon jetzt fragen sich die Regionalschulen auf Rügen, wie es in anderthalb Jahren mit den Inklusionsgrundschülern weitergehen soll. "Das kann man heute noch nicht sagen", erklärte Minister Brodkorb.