Ein Angebot des medienhaus nord

Prozess in Schwerin Kind geschlagen und gedemütigt: Vier Jahre Haft

Von AFRO | 11.12.2017, 21:00 Uhr

Vater und Stiefmutter müssen wegen schwerer Kindesmisshandlung ins Gefängnis

Nach dem Urteil hatte eine Zuschauerin des Prozesses nur noch bitteren Sarkasmus für die Angeklagten übrig. Auf dem Weg nach draußen klopfte sie ihnen im Vorbeigehen auf die Schultern und sagte voller Hähme: „Ich wünsche euch noch ein schönes Leben!“ Der Angeklagte ist ihr Sohn, die Angeklagte ihre Schwiegertochter. Das Opfer der beiden: der Sohn des Angeklagten und damit der Enkel der verbitterten Zuschauerin.

Das Landgericht Schwerin hatte den 32-jährigen Vater und seine 36-jährige Ehefrau aus Grevesmühlen wegen schwerer Kindesmisshandlung zu jeweils vier Jahren Gefängnis verurteilt. Die beiden hatten den damals drei Jahre alten Sohn des Angeklagten, der Anfang 2016 für mehrere Monate bei ihnen lebte, geschlagen, angebrüllt, gedemütigt und fast verhungern lassen. Offenbar zeigte der Kleine, dass er nicht bei seinem Vater leben wollte. Das Ehepaar versuchte, den Willen des Jungen zu brechen. Der Vorsitzende Richter nannte es „Terror“, was sie dem Lütten antaten. Als sie ihn Mitte Mai 2016 ins Krankenhaus bringen mussten, war er mit blauen Flecken übersät. Er wog nur zehn Kilogramm, obwohl 15 für den früheren Wonneproppen normal gewesen wären. Bei den Handys der Angeklagten fand die Polizei später Videos und Textnachrichten, die ihre Einstellung zu dem ungeliebten Jungen und ihre „Erziehungsmaßnahmen“ dokumentierten. Ohne diese Spuren hätte die Staatsanwaltschaft kaum so viele Grausamkeiten anklagen können. Der Kleine bekam nicht nur regelmäßig Schläge. Er musste kalt abgeduscht stundenlang in der Wanne sitzen, weil er eingenässt hatte. Er wurde nachts aus dem Schlaf gerissen, weil er tagsüber zu viel geschlafen hatte. Er wurde kopfüber übers Klo gehalten, weil er es mit Toilettenpapier verstopft hatte. Ihm wurde das Essen entzogen, weil er „stopfte“. Selbst wenn er nichts tat, fühlten sich die beiden von dem Jungen „provoziert“. Die Stiefmutter behauptete, sie sei überfordert gewesen. Mehrmals versuchten die beiden Hilfe bei der Erziehung vom Jugendamt zu bekommen. Die Anfragen seien „nicht wirklich bearbeitet worden“, sagte der Vorsitzende Richter. Dennoch war er weit davon entfernt, dem Jugendamt eine Mitschuld zuzuschreiben.

Der Vater mochte das Kind wohl schon nicht mehr, als er noch mit dessen leiblicher Mutter zusammenlebte. Später wurde die leibliche Mutter krank, der Junge kam in eine Jugendwohngruppe. Warum der Vater das Sorgerecht beantragte und das Kind zu sich holte, blieb unklar. Er behauptete, seine Mutter habe ihn gedrängt, damit sie als Oma ihren Enkel häufiger sehen könne. Das wies sie empört zurück.

Der kleine Junge hat keine körperlichen Dauerschäden davongetragen. Er lebt jetzt bei seiner Oma. Geistig wird er jedoch lebenslang gezeichnet sein. Die Stiefmutter hat eine zehnjährige Tochter, ihr Ein und Alles. Voraussichtlich wird das Mädchen einige Jahre ohne ihre verurteilte Mutter aufwachsen müssen.