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Mecklenburg-Vorpommern "Keine Heimkinder zweiter Klasse"

Von Redaktion svz.de | 23.03.2012, 07:50 Uhr

Wer in DDR-Kinder- und Jugendheimen Unrecht erlitten hat, soll nachträglich Hilfe bekommen.

Am Montag soll in Berlin ein Hilfsfond Heimkinder Ost vorgestellt werden. Mit Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin und SPD-Bundesvize Manuela Schwesig sprach unser Mitarbeiter Andreas Frost.

Frau Schwesig, warum brauchen wir diesen Fonds?

Schwesig: Leider haben viele Kinder und Jugendliche in Ost und West Gewalt und Unrecht in Kinderheimen erfahren. Viele der heute Erwachsenen leiden immer noch unter den Folgen. Wir haben die Verantwortung, dieses Unrecht aufzuarbeiten und Hilfen zu geben. Nachdem der Fonds mit 120 Millionen Euro für die Entschädigung ehemaliger Heimkinder im Westen eingerichtet wurde, habe ich gesagt, es darf im Osten keine Heimkinder zweiter Klasse geben. Ich will auch betonen, dass es ehemalige Heimkinder gibt, die sagen, es sei ihnen dort gut gegangen. Aber den anderen, denen wollen wir helfen.

Mit wie viel Geld wird der Fonds ausgestattet?

Der Bund und die neuen Bundesländer geben jeweils 20 Millionen Euro. Mecklenburg-Vorpommerns Anteil beträgt 2,4 Millionen Euro.

Die Kirchen beteiligen sich, anders als im Westen, nicht daran. Warum?

Im Westen hatten die Kirchen Kinderheime, in der DDR nicht.

Mit welchen Entschädigungen können die Betroffenen rechnen?

Die Hilfen orientieren sich an möglichen Folgeschäden. Wenn ehemalige Heimkinder heute noch traumatisiert sind, können aus dem Fonds Therapien bezahlt werden. Wer körperliche Schäden davon getragen hat, braucht vielleicht eine spezielle Matratze. Der konkrete Katalog wird bis Ende Juni erarbeitet. Pro Betroffenen können bis zu 10 000 Euro bezahlt werden.

Für viele dieser Dinge sind die Krankenkassen zuständig. Werden die aus der Verantwortung entlassen?

Wir setzen da an, wo unsere Sozial systeme nicht greifen. Nicht alle Therapien werden von den Kassen bezahlt. Außerdem wollen wir unkompliziert und niedrigschwellig helfen.

Wo können sich Betroffene melden?

Wir werden bei der Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen in Schwerin eine Anlauf- und Beratungsstelle mit qualifizierten Mitarbeitern einrichten. Sie sollen vom Juli dieses Jahres an mit den Betroffenen besprechen, wie man konkret helfen kann. Anträge können bis Mitte 2016 gestellt werden.

Werden die Hilfen aus dem Fonds auf Hartz-IV-Leistungen angerechnet?

Die Hilfen müssen so gestaltet sein, dass das nicht passiert.

In der DDR gab es 401 Kinder- und 73 Spezialheime. 1989 waren in den Heimen 18 000 Kinder untergebracht. In den Spezialheimen waren es etwa 5500 Kinder und Jugendliche. Mit wie vielen Anträgen rechnen Sie?

Das lässt sich schwer abschätzen. Im vergangenen Jahr haben sich bereits etwa 200 Betroffene gemeldet.

Und wenn das Geld nicht reicht?

Wir gehen davon aus, dass wir mit 40 Millionen Euro allen gerecht werden können.

Es gibt die Forderung, die Unterbringung in einem Spezialkinderheim grundsätzlich als "Systemunrecht" anzuerkennen, und damit die Insassen leichter entschädigen zu können. Was halten Sie davon, denn bislang gilt dies nur für den besonders berüchtigten Jugendwerkhof Torgau?

Ich wäre dafür offen. Aber die Frage muss durch weitere wissenschaftliche Studien über die Heime aufgearbeitet und dann entschieden werden.