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Weltkindertag Jugendämter holen 1002 Kinder aus Familien

Von Andreas Frost | 20.09.2011, 07:59 Uhr

Sie werden vernachlässigt, geschlagen oder missbraucht. Die Jugendämter in Mecklenburg-Vorpommern holen immer mehr Kinder aus ihren Familien heraus. 2010 mussten die Sozialarbeiter in 1002 Fällen eingreifen.

Sie werden vernachlässigt, geschlagen oder missbraucht. Die Jugendämter in Mecklenburg-Vorpommern holen immer mehr Kinder aus ihren Familien heraus. 2010 mussten die Sozialarbeiter in 1002 Fällen eingreifen. Das waren zehn Prozent mehr als im Jahr davor. Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) appellierte gestern am Weltkindertag an die Eltern, sich rechtzeitig helfen zu lassen: "Es ist keine Schande, Rat zu suchen." Der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) will mit seiner Kampagne "Kleine Seele, großer Schmerz" aufklären und "die Gewaltspirale" durchbrechen. "Die Opfer von heute sind oft Täter von morgen", sagte DKSB-Präsident Heinz Hilgers.

Meistens muss das Jugendamt eingreifen, weil sich die Eltern mit der Erziehung überfordert fühlen. Die vernachlässigten Kinder bekommen unregelmäßig zu essen, in den Wohnungen herrscht Chaos, die Mutter spielt Computer, der Vater sieht fern. Und wenn das Kind nicht "spurt", setzt es in manchen Fällen Prügel. Die Jugendämter nahmen auch Mädchen und Jungen in ihre Obhut, weil sie sich mit den Eltern stritten oder den Streit zwischen den Eltern nicht mehr aushielten. Sechs von zehn der Kinder wurden von einem Elternteil allein erzogen oder lebten in einer "Patchworkfamilie". Die Kinder, die Hilfe vom Jugendamt bekamen, waren 2010 in der Regel jünger, als die Betroffenen zwei Jahre zuvor. Deutlich mehr als die Hälfte ist inzwischen jünger als 14 Jahre.

Sozialministerin Schwesig vermochte der gestiegenen Zahl der Eingriffe durch das Jugendamt auch etwas Gutes abgewinnen. "Es gibt inzwischen eine Kultur des Hinsehens." Nachbarn, Lehrer, Kindergärtnerinnen und Jugendtrainer würden seltener wegschauen, wenn Kinder eigentlich deutlich signalisieren, dass sie zu Hause arge Schwierigkeiten haben. Ihrer Ansicht nach gibt es nicht unbedingt mehr vernachlässigte und misshandelte Kinder, sondern es werden mehr Fälle entdeckt. DKSB-Präsident Hilgers sah zusätzlich einen auffälligen Bezug zwischen Armut und Gewalt in den Familien. "Das wird in den nächsten Jahren schlimmer werden."

Während viele Kinder nach einigen Tagen zurück zu ihren Familien kommen, landen etwa 40 Prozent in einem Kinderheim oder in einer Pflegefamilie. In Mecklenburg-Vorpommern leben inzwischen 3000 Kinder und Jugendliche von ihren Eltern getrennt. Es werde allerdings immer schwerer, Pflegefamilien zu finden, sagte Schwesig. Schließlich würde von ihnen ein emotionaler Spagat verlangt. Einerseits sollen sie sich dem Pflegekind "voll und ganz" widmen. Andererseits müssen sie Distanz wahren, da - anders als bei Adoptiveltern - die leiblichen Eltern ihre Kinder durchaus zurückbekommen können.

Schwesig forderte Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen. Dann würden die Belange der Kinder etwa von den Familiengerichten genauso gewichtet werden müssen wie das Erziehungsrecht der Eltern. Außerdem wären Kinder- und Jugendprogramme Pflichtaufgaben der Kommunen und keine leicht zu streichende "freiwillige Leistung", die gestrichen wird, sobald in der Stadtkasse Ebbe droht.