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Grevesmühlen Joachim Gauck eckt an und kritisiert Lehrer

Von Franz Bökelmann | 14.12.2010, 07:30 Uhr

Der Bürgerrechtler Joachim Gauck kritisiert die Schulen, weil, wie er sagt, viele Lehrer es nicht mehr "nötig haben", die Kinder darüber aufzuklären, dass die Deutsche Demokratische Republik eine Diktatur war.

Wenn er spricht, schweigen die anderen: Joachim Gauck (70). Der jüngst für das Bundespräsidenten-Amt kandidiert hatte, war jetzt als Festredner im Kreistagssaal. Anlass war das fünfjährige Bestehen der Bürgerstiftung der Volks- und Raiffeisenbank.

Im Saal ist es still. Dann erzählt Gauck das, was auch seine Juni-Rede im Deutschen Theater in Berlin prägte: Es geht um Wahlbeteiligung und Bürgerrechte. Ein Bürger, das sei ein Mensch, der auch Bürgerrechte hätte, vor allen Dingen aber das Recht, zu wählen von wem er regiert wird. "Da kann nicht jemand hier anreisen aus Schleswig-Holstein und sagen, ich beanspruche jetzt das Landratsamt - wie früher ein Raubritter." Das Publikum muss lachen, Gauck spricht weiter und wenn er das tut, hören die Gäste gespannt zu. Er ist Theologe, er ist authentisch und ein Profi am Rednerpult. Einer, der - in Grevesmühlen zumindest - kein Manuskript benutzt, frei spricht.

Der Bürgerrechtler kritisiert die Schulen, weil, wie er sagt, viele Lehrerinnen und Lehrer es nicht mehr "nötig haben", die Kinder darüber aufzuklären, dass die Deutsche Demokratische Republik eine Diktatur war. Gauck drückt das so aus: "Die wissen gar nicht mehr, dass es eine Diktatur war, die haben irgendwie nix gemerkt, trotzdem dürfen die unsere Kinder unterrichten, da stimmt doch etwas nicht."

Joachim Gauck ist auch Bürgerrechtler, das zeigt er ganz deutlich. Nicht nur auf Deutschlands großen Bühnen, auch im Kreistagssaal vor 100 Gästen: "Wir sind das Volk - das ist der schönste Satz der deutschen Politikgeschichte, so was gibts in ein paar hundert Jahren nur einmal." Gauck berichtet weiter vom 18. März 1990, jenem Tag als die Bürger der DDR aufgerufen waren, erstmals in freier Wahl ihre Volkskammer zu bestimmen. Er habe 50 Jahre alt werden müssen, um diesen Tag zu erleben.

Kurz vor Ende seiner Rede, macht Joachim Gauck etwas, das er - wie er hinterher sagt - noch nie getan habe. Nicht in Berlin, nicht in der Bundesrepublik, aber in Grevesmühlen: Gauck will die Bürgerstiftung der VR-Bank mit mehr als seiner Gastrede unterstützen. "Ich möchte Ihnen von meinem Honorar 1000 Euro zurück überweisen und ich möchte, dass Sie das annehmen", sagt er. Als der Beifall nicht enden will, bringt Gauck die Leute mit einer Handbewegung zum Schweigen - wie ein Dirigent sein Orchester.

"Ein beeindruckender Mensch", sagt Landrätin Birgit Hesse (SPD) nach Gaucks Rede. Sie sei beeindruckt, weil der Theologe sich getraut habe, das auszusprechen, was viele denken. Hesse: "Er hat ganz deutlich gemacht, was es heißt Bürgerrechte zu besitzen."

Grevesmühlens Bürgermeister Jürgen Ditz (parteilos) lobt die Stiftung: "Eine tolle Idee, es ist nur zu wünschen, dass der Kapitalsstock noch größer wird." Den Festvortrag von Gauck stellt Ditz mit Bürgerengagement in der Kreisstadt in Verbindung: Grevesmühlen mit 75 städtischen Vereinen und weiteren 30 im Umland sei ein gutes Beispiel dafür, jedenfalls im kulturellen und sportlichen Bereich. Aber: Es sei zu wünschen, dass dieses Engagement auch im politischen Geschehen einsetzt.