Ein Angebot des medienhaus nord

Alternde Bevölkerung Ist MV bei Pflege gut aufgestellt?

Von klik | 23.12.2016, 05:00 Uhr

Einschätzung von Sozialministerin Drese provoziert Widerspruch. Kritik an Schulgeld für Pflegeausbildung

Mecklenburg-Vorpommerns Bevölkerung wird immer älter – und der Anteil Pflegebedürftiger immer größer. Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) geht davon aus, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren fortsetzen wird. Sorge bereitet ihr das indes nicht: „Wir sind in Mecklenburg-Vorpommern auf diese Situation eingestellt“, betont sie – und provoziert prompt Widerspruch.

Der sozialpolitische Sprecher der Linkspartei, Torsten Koplin, hält das Selbstlob der Landesregierung für vollkommen unangebracht, weil die Pflegebedürftigkeit hierzulande überdurchschnittlich wächst: Von den 85- bis 89-Jährigen ist in MV jeder Zweite anerkannt pflegebedürftig, im benachbarten Schleswig-Holstein, aber auch in Hamburg und Baden-Württemberg dagegen nur jeder Dritte. Eine Erklärung dafür habe die Landesregierung ebenso wenig wie für den Umstand, dass hier auch schon immer mehr jüngere Menschen ab Mitte 50 pflegebedürftig werden. Koplin macht dafür längere Arbeitszeiten bei niedrigeren Löhnen, schlechtere Arbeitsbedingungen, Langzeitarbeitslosigkeit und Armut verantwortlich.

Ein weiterer Kritikpunkt des Linken-Politikers ist die Gewinnung von Fachkräften für die Pflege. Die Ministerin mache es sich zu einfach, wenn sie appelliere, dass in der Branche mindestens die bestehenden Tariflöhne gezahlt werden müssten. Fakt sei, dass Pflegekräfte für die gleiche Arbeit hierzulande 300 bis 500 Euro weniger bekämen als beispielsweise in Hamburg oder Baden-Württemberg, so Koplin. Dazu käme, dass für die Pflegeausbildung in MV nach wie vor Schulgeld fällig wird.

Letzteres gehört auch zu den Kritikpunkten des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Dessen Landesgeschäftsführer Sven Wolfgram nennt es einen klaren Wettbewerbsnachteil, wenn hier – wie insgesamt nur in fünf Bundesländern – die Pflegeausbildung noch kostenpflichtig sei. „Die Landesregierung könnte das ganz einfach per Gesetz ändern.“

Zu fordern, dass in der Pflege keine Dumpinglöhne gezahlt werden, sei weltfremd. „Selbst der schlecht-bezahlteste Mitarbeiter muss ab 1. Januar 9,50 Euro in der Stunde bekommen – das ist der dann geltende Pflege-Mindestlohn“, erläutert Wolfgram. Aus dem Lohnabstands-Gebot ergebe sich, dass eine Fachkraft entsprechend mehr Geld bekäme.

„Die Politik muss aber nicht nur die Mitarbeiter in den Fokus nehmen, sondern auch die Unternehmen, die ihre Arbeit erst ermöglichen“, fordert der bpa-Landeschef. Schließlich werde mehr als die Hälfte der Versorgung im pflegerischen Bereich durch Privatunternehmen erbracht. Und das gilt laut Wolfgram auch für den stationären Bereich, der von der Politik völlig außer Acht gelassen wird. Stattdessen werde einseitig auf die ambulante Pflege orientiert, die aber eben nicht für jeden in Frage kommt. In den Heimen im Land verbessere sich übrigens im Zuge der Pflegereform im neuen Jahr der Personalschlüssel: „Für je 50 Bewohner gibt es dann eine Vollzeitkraft dazu“, so Wolfgram. Probleme bei der Besetzung dieser zusätzlichen Stellen kenne er zumindest aus den bpa-Unternehmen nicht.

Mehr Menschen pflegebedürftig
Immer mehr Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sind pflegebedürftig. Innerhalb von zwei Jahren stieg ihre Zahl um mehr als 9 Prozent auf 79 145, teilte das Statistische Amt in Schwerin mit. Damit hätten Ende 2015 rund 6700 Menschen mehr Pflege gebraucht als bei der vorherigen Umfrage von 2013. Laut Statistik erhalten 5 Prozent der Einwohner Leistungen auf der Grundlage des Pflegeversicherungsgesetzes. Mehr als drei Viertel der Betroffenen (60 180) wurden zu Hause betreut. Gut 38 500 erhielten Pflegegeld, da sie von Angehörigen betreut wurden. Zu rund 21 600 Pflegebedürftigen kam ein ambulanter Pflegedienst nach Hause. Weitere knapp 19 000 Menschen (24 Prozent) lebten in einem Pflegeheim, von denen es im Land 369 gibt. Der Anteil der Pflegebedürftigen ist in den einzelnen Kreisen sehr unterschiedliche: Den Höchstwert wies Vorpommern-Rügen mit 6,3 Pflegebedürftigen je 100 Einwohner auf. Danach folgten Schwerin, die Mecklenburgische Seenplatte und der Landkreis Rostock mit jeweils 5 auf 100 Einwohner. Die niedrigste Pflegequote hatte die Stadt Rostock mit 4,1 je 100 Einwohner.