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Debattieren In sieben Minuten auf den Punkt

Von Dana Bethkenhagen | 10.02.2014, 07:40 Uhr

Der gebürtige Rostocker Peer Klüßendorf ist Europa- und Vizeweltmeister im Debattieren . In Indien holt er den Titel allerdings für Schweden

Peer Klüßendorf mag zunächst etwas zurückhaltend wirken, doch er kann ganz anders: Egal, ob es um die staatliche Subventionierung von umstrittener Kunst geht oder um Asylpolitik in Europa – der 25-Jährige findet immer die passenden Argumente, um sein Gegenüber von seiner Position zu überzeugen. Das bewies er zuletzt wieder in Indien. Dort holte er gemeinsam mit seiner Team-Partnerin Emilia Carlqvist den Vizeweltmeister-Titel im Debattieren – allerdings nicht nach Hause, sondern nach Schweden, wo der junge Mann derzeit studiert.

Für diesen Erfolg war mehr als rhetorisches Talent nötig. Vor allem war es ein hartes Training, das ihn bis nach Indien zu den Weltmeisterschaften brachte. Bereits in der Schule zählte das Argumentieren zu Klüßendorfs Stärken und so trat er bei dem Projekt „Jugend debattiert“ gegen andere redegewandte Leute an. Er kämpfte gegen die Besten seiner Schule, seiner Heimatstadt und des Landes. 2007 schaffte er es ins Bundesfinale und überzeugte mit einer klaren Argumentationsstruktur. Mit Studienstart 2008 war mit dem Debattieren aber erst einmal Schluss.


Böser Streit gehört zu dem Spiel dazu

An der Universität Rostock gab es nämlich keinen Debattier-Club. Und als Klüßendorf selbst einen gründen wollte, fand er nur wenige Mitstreiter. „Wir waren bei unseren Treffen maximal zehn Leute“, sagt er. Zu wenige, um intensiv trainieren zu können. Zwischendurch ging er dann noch ein Jahr nach Frankreich und hatte andere Dinge im Kopf. Erst nach seinem Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaften und Philosophie fand er zurück zu seiner Leidenschaft – im schwedischen Lund, wo er seit 2012 Umweltwissenschaften im Master studiert.

Zweimal pro Woche steht eine öffentliche Debatte auf seinem Stundenplan. Die Philippinin Lucinda David trainiert Klüßendorf und Carlqvist – natürlich auf Englisch, ihrer Wettbewerbssprache. „Wir passen gut zusammen und haben bereits vier Turniere erfolgreich bestritten“, sagt der 25-Jährige. Sie habe eine unglaublich tolle Stimme. Spaß mache ihm vor allem, dass er sich mit so vielen intelligenten Leuten umgeben kann. Carlqvist zum Beispiel studiert Medizin in Lund und macht parallel dazu noch ihren Bachelor-Abschluss in Wirtschaft.

Wenn der junge Mann all das erzählt, spricht er oft ein wenig zu schnell, aber stets deutlich. Das könnte an den harten Wettbewerbs-Regeln liegen. Denn in gerade einmal sieben Minuten müssen die Debattanten auf den Punkt kommen und ihre Gegner mit den besseren Argumenten besiegen. Die Positionen werden vorher ausgelost. „Ich habe dadurch gelernt, die Dinge aus allen möglichen Perspektiven zu betrachten“, sagt Klüßendorf. Dabei gehe es vor allem um logische Strukturen und nicht um moralisch vertretbare Ansichten.

Klüßendorf betrachtet das Debattieren als Hobby, als ein lustiges Spiel. „Böser und harter Streit gehört dazu“, sagt er. Nach einer Debatte sei aber niemand verletzt. Dass er mittlerweile Europa- und Vizeweltmeister ist, macht den 25-Jährigen zwar stolz, aber kaufen könne er sich davon nichts. Denn mehr als Anerkennung bekommen die Sieger nicht. Selbst die Flug- und Übernachtungskosten mussten die Teilnehmer in Indien selbst tragen. „Ich bekomme aber die Gelegenheit, mich mit tollen, intelligenten Menschen auszutauschen. Und nebenbei habe ich auch noch eine Ausrede, um zu reisen“, sagt der Student. Denn das ist es, was ihm wirklich Spaß macht.


Politiker-Karriere in Planung

Zur Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften in Indien war der Rostocker in Manchester und Cambridge zu Gast. „Die Streitkultur in Großbritannien ist schon sehr besonders“, sagt Klüßendorf. Debattier-Clubs gehörten an jeder Universität ganz selbstverständlich dazu. In Indien zu den Weltmeisterschaften war hingegen alles etwas chaotisch. Gelohnt habe sich die Reise aber in jedem Fall. Nach dem Finale am 3. Januar reiste Klüßendorf noch zwei Wochen durch das Land und ging auf Entdeckungstour.

Nach einem Kurzurlaub in der Heimat ist er mittlerweile zurück in Schweden. Im Mai will er seine Master-Arbeit abgeben. Danach plant er wieder in die Welt hinauszuziehen. Durch seine Debattier-Turniere habe er Freunde auf der ganzen Welt gefunden, die er besuchen möchte. Er hofft, sich unterwegs als Rhetorik-Trainer ein bisschen Geld dazuzuverdienen. Früher oder später werde er als Vizeweltmeister auch als Debatattier-Juror eingeladen und bekommt dann zumindest die Reisekosten erstattet. Das Debattieren hat dem jungen Mann letztlich nicht nur Kontakte in der ganzen Welt beschert, sondern auch sein Rede-Talent ausgebaut. In Zukunft könnte ihm das noch viel nützen. Denn langfristig könnte sich Klüßendorf vorstellen, in die Politik zu gehen. Die passende Partei hat er für sich schon gefunden. Bei den Grünen ist er seit mehreren Jahren Mitglied.