Ein Angebot des medienhaus nord

Wismar In der Nische durch die Krise

Von Manja Nowitzki | 02.02.2010, 08:12 Uhr

Eine der modernsten und größten Schiffbauhallen Europas erhebt sich mächtig über Wismar.

Doch die Auftragsbücher bei Nordic Yards leeren sich, neue Aufträge sind nicht in Sicht. Trotz Millionenkrediten, Transfergesellschaften und neuem Besitzer ist die Zukunft der Schiffbauer ungewiss. Die maritime Wirtschaft liegt am Boden, und die Werft kämpft wie viele andere ums Überleben.

In der Schottelstraße 1, rund 400 Meter Luftlinie entfernt, sind die Auftragsbücher und Werkhallen voll. Der Schiffsantriebshersteller Schottel hat gerade sein erfolgreichstes Jahr in Wismar abgeschlossen. 70 Millionen Euro Umsatz hat die Niederlassung 2009 erwirtschaftet. "Es sieht sehr gut aus", gibt sich der Chef, Bernd Schnorr, optimistisch. Die gesamte Schottelgruppe mit 800 Mitarbeitern weltweit hat 2009 einen Umsatz von rund 280 Millionen Euro erwirtschaftet. "Mit dem Ruderpropeller kommen wir durch die Krise", sagt Schnorr. Vor gut 60 Jahren hat Schottelgründer Josef Becker den mechanischen Antrieb entwickelt. Bis heute ist das Unternehmen damit Weltmarktführer. "Maximale Manövrierfähigkeit, optimaler Wirkungsgrad, sicherer und wirtschaftlicher Betrieb, raumsparende Installation und einfache Wartung" - preist eine firmeneigene Hochglanzbroschüre das Antriebssystem an, mit dem zum Beispiel die Forschungsschiffe Maria S. Merian und Arkona unterwegs sind, die holländische Marine, Schlepper, Eisbrecher, Flusskreuzer und auch die Fähren von TT-Line. Der Ruderpropeller ist ein bewegliches System, mit dem ein Schiff sowohl angetrieben als auch gesteuert wird. "Die Schiffe können ohne Hilfsantriebe auf der Stelle stehen bleiben und um 360 Grad navigieren. Das ist gerade im Offshorebereich wichtig", erklärt der Chef.

Die rund 120 Mitarbeiter in Wismar fertigen die großen Baureihen, in der Zentrale in Spay am Rhein werden die kleineren gebaut. Aus logistischen Gründen wurde diese Arbeitsteilung vorgenommen. Bis zu 4000 Kilowatt Leistung hat eine Anlage (ein Auto hat rund 100 Kilowatt). 78 davon haben sie im vergangenen Jahr in Wismar gebaut. 2010 sollen noch mehr tonnenschwere Anlagen vom Hof rollen. "Es gab auch Stornierungen", sagt Schnorr. "Die Türkei zum Beispiel hat ihre Bestellungen wieder rückgängig gemacht. Es ist aber genug übrig geblieben." Von Krise keine Spur? "Wir haben uns über die Modalitäten der Kurzarbeit erkundigt", sagt Schnorr. "Aber wir brauchen sie nicht."

Mit dem Rezept Spezialisierung versus Massenproduktion haben die Hansestädter ihren Weg durch die Krise offenbar gefunden. "Wir sind einigermaßen schlank. Das hat den Vorteil, dass wir schnell auf neue Entwicklungen reagieren können", sagt Schnorr. Mehr Wirkung und weniger Verbrauch ist die Vorgabe für die Ingenieure. Die Antriebe sollen noch leistungsfähiger und kleiner werden. Ein Projekt ist streng geheim. Ein neuer Antrieb sei in der Entwicklung. Mehr sagt Schnorr nicht.

In der Halle wirbelt ein Antrieb gerade das Wasser im Betonbecken auf. Bevor die Anlagen ausgeliefert werden, müssen sie durch einen sechsstündigen Probelauf. Akribisch notiert ein Mitarbeiter Daten. Der Germanische Lloyd, der TÜV auf See, prüft und kontrolliert, bevor die Anlagen in die Schiffe eingebaut werden dürfen. Servicemonteure weltweit übernehmen diese Aufgabe. Von Singapur über Dubai bis Mexiko fliegen sie durch die Welt und reparieren und warten. Das Unternehmen aus der Pfalz ist längst ein globales geworden. Ein Werk in Suzhou, 80 Kilometer von Shanghai entfernt, fertigt die Seitenstrahlruder und Querstrahler. Ein Servicestandort in den USA schafft Nähe zum Kunden.

Probleme bereitet weniger die Konkurrenz, beispielsweise von Rolls Royce, als die Suche nach Fachkräften. "Wir bilden neun Lehrlinge aus", erklärt Bernd Schnorr. Um den Bedarf zu decken, reiche das nicht. Industriemechaniker und Mechatroniker stehen auf seiner Liste ganz oben. "Alle versuchen, gute Leute zu halten." Um Sensoren, Wellen, Propeller und Dichtungen richtig einzustellen, seien Erfahrung und Fingerspitzengefühl notwendig.

In der vergangenen Woche fuhren in der Schottelstraße 1 wieder Schwerlasttransporter vor. Acht Antriebe wurden ausgeliefert.