Ein Angebot des medienhaus nord

Parchim/Lübz Im Tal der Signallosen

Von Frank Pubantz | 05.02.2010, 03:03 Uhr

Globale Nachrichten mit Film im Internet, schnelles Herunterladen von Musikvideos - in vielen Dörfern des Landkreises Parchim ist dies (noch) nicht möglich.

Grund: Es mangelt am ausgebauten Breitband-Netz. Ohne DSL oder UMTS wird das Empfangen großer E-Mails oder der Aufbau von Homepages zur Dauer-Qual. "Im Landesmaßstab gehört Parchim zu den mit Problemen behaftetesten Landkreisen", erklärt Bernd Holter, Leiter der Koordinationsstelle Breitband beim Zweckverband "Elektronische Verwaltung MV" (Ego). Der Grund liege in "der ländlichen Prägung". Viel Fläche, wenige Menschen - ein Netz erscheine für Unternehmen "nicht wirtschaftlich". Das Problem: Die gängigen Leitungen der Deutschen Telekom ließen das DSL-Signal nur maximal vier Kilometer von der Einspeisungsquelle durch.

Der Zweckverband sei vom Land beauftragt, den Ausbau des Netzes in MV voranzutreiben. Kreisweit registriert "Ego" 1700 Bedarfsmeldungen für Breitband-Versorgung: von privaten Haushalten oder Firmen. Schwerpunkt-Regionen: Goldberg, Friedrichsruhe, Zölkow, Groß Niendorf, Bülow, Grebbin, Herzberg und Granzin.

Klaus-Michael Glaser, Geschäftsführer von "Ego", wirft der Deutschen Telekom Blockade vor. Das Unternehmen habe Anfang der 1990er-Jahre Leitungen verlegt, die heute nicht Breitband tauglich seien. "Die Telekom ist nicht bereit, die Leitungen wieder aufzubuddeln."

Das Unternehmen hält dagegen: "Die Deutsche Telekom hat als einziges Unternehmen in Deutschland in den Breitband-Ausbau in MV investiert", so Sprecher Georg von Wagner. Dies gelte auch für "unrentable Gebiete". Im Bundesland stehe derzeit DSL in 89 Prozent der Haushalte zur Verfügung. Im Kreis Parchim seien es 84 Prozent. Beispiele: Barnin 100, Parchim 99,4, Lübz 98,4, Brüel 98,7, Sternberg 99,6 und Banzkow 96,6 Prozent. Aber nicht überall lohne sich der Ausbau. Zum Beispiel nicht in Buchberg. "Dort haben wir zwei Anschlüsse", so von Wagner. Auch in diesem Jahr sollen Millionen in den Ausbau des Breitbandnetzes im ländlichen Raum investiert werden.

Realität: ISDN statt DSL

An vielen Dörfern zieht das Turbo-Zeitalter aber bisher vorbei. Während in Großstädten bis zu 50 Megabit pro Sekunde für Spaß am Rechner sorgen, müssen sich Menschen auf dem Land mit Anschlüssen im Schneckentempo zufrieden geben. Laut Bundeswirtschaftsministerium haben diverse Gemeinden im Kreis Parchim eine Breitband-Abdeckung von unter 75 Prozent. Groß Niendorf, Zölkow, Grebbin, Barkhagen, Karow sitzen internettechnisch quasi im Dunkeln: weniger als zwei Prozent Verfügbarkeit (siehe "Hintergrund"). Städte wie Parchim hätten dagegen ein gut ausgebautes Netz.

Ein Umstand, der für Emotionen sorgt. Bernd Holter vom Zweckverband "Ego" erklärte gerade rund 180 Zölkowern, wie sie aus dem Tal der Signallosigkeit kommen können. Er registrierte "Unverständnis, dass sie bis dato nicht versorgt sind".

Nicht jeden stört es, ohne DSL zu leben. Die Gemeinde Barkhagen bei Plau z.B. ist nicht auf Empfang. "Es müssten immer 25 Mann da sein, die es wollen", so Bürgermeister Fred Hamann. Aus seiner Sicht sei dieser Bedarf nicht unbedingt da.

Ganz anders sieht das Dr. Lutz Reinhardt, ebenfalls Barkhagen. "Wir haben uns angemeldet", erklärt der Landwirt. Im Ort gebe es viele junge Leute, die ein Interesse am schnellen Internet hätten. Der Kreisbauernverband Parchim, dessen Chef Reinhardt ist, hat nach Aufforderung des Landratsamtes den Bedarf zum Breitband-Ausbau angegeben. Ergebnis: 100 Prozent Interesse der befragten Landwirte.

Laut Bundesregierung sollen bereits bis zum Ende des Jahres alle Haushalte deutschlandweit mindestens 1 Mbit/s zu Hause empfangen können. "Das geht überhaupt nicht", so Klaus-Michael Glaser. Derzeit erstelle der Zweckverband einen Infrastruktur-Atlas, ermittele, "wo sind Funkmasten, wo sind Leitungen".

Einzellösungen in Sicht

Glaser rät Betroffenen, Alternativen zur Telekom zu prüfen. "Aber vielerorts sind Bürger und Gemeinden skeptisch. Sie wollen lieber von der Telekom Leitungen in der Erde." Dabei gebe es mit UMTS und Richtfunk andere Möglichkeiten. Oder es könnte eine Lösung über Satelliten-DSL geben, erklärt Bernd Holter. Deutschlandweit gebe es zwei Anbieter: Eutelsat und Astra.

In einigen Gemeinden im Kreis Parchim sind Lösungen angeschoben: Für Goldberg, Friedrichsruhe, Granzin und Herzberg seien Förderanträge bewilligt. Ziel: Ausbau lokaler Funknetze. In Werder, Dobin am See, Zölkow und Gneven "liegen Angebote von Firmen vor", so Holter. Auch die Lübzer Ortsteile Broock, Rieterfelde und Bobzin könnten bald auf Empfang gehen.