Ein Angebot des medienhaus nord

Beratungsstelle an Rostocker Uni hilft seit zehn Jahren Hochbegabt und lauter Dreien?

Von Redaktion svz.de | 14.10.2011, 12:02 Uhr

Warum hat mein Kind plötzlich keine Lust mehr auf Schule und eckt ständig an? Welche Schule sollte meine Tochter nach der vierten Klasse besuchen? Ist mein Sohn vielleicht hochbegabt?

Warum hat mein Kind plötzlich keine Lust mehr auf Schule und eckt ständig an? Welche Schule sollte meine Tochter nach der vierten Klasse besuchen? Ist mein Sohn vielleicht hochbegabt? Solche Fragen sind es, die jährlich mehr als 100 Familien zur begabungspsychologischen Beratungsstelle der Universität Rostock führen. Heute feiert das "Odysseus-Projekt" sein zehnjähriges Bestehen - mit einer Festveranstaltung und einem Symposium, bei dem es unter anderem um den Umgang mit Schülern geht, die trotz hoher Begabung nur mäßige Schulleistungen bringen. Kathrin Neumann fragte bei Prof. Christoph Per leth, dem Leiter der Beratungsstelle am Ins titut für pädagogische Psychologie, nach.
Was heißt hochbegabt?

Hochbegabung ist einfach eine besondere, eine weit überdurchschnittliche Ausprägung von Begabung. Die besten zwei bis drei Prozent einer Altersgruppe gelten als hochbegabt. Das beschränkt sich nicht nur auf die intellektuelle Leistungsfähigkeit, sondern kann genauso die Bereiche Sport, Musik oder andere betreffen.
Gibt es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen?

Studien zeigen, dass nicht mehr Mädchen oder mehr Jungen hochbegabt sind. Allerdings sind zwei Drittel der Kinder, die in den Beratungsstellen vorgestellt werden, Jungen. Bei leistungsschwächeren Kindern und Jugendlichen ist das übrigens genauso. Das hängt zum einen wohl damit zusammen, dass Eltern bei Jungen noch sensibler reagieren, zum anderen aber vor allem damit, dass Jungen bei Unterforderung oder anderen Problemen tendenziell mit auffälligerem Verhalten reagieren, während sich Mädchen eher zurückziehen.
Kritiker sehen Hochbegabung als Modeerscheinung, unken, dass plötzlich fast jedes Kind hochbegabt sein soll. Ist die Kritik berechtigt? 

Hochbegabte, also Kinder und Jugendliche, die das Potenzial für hervorragende Leistungen haben, gibt es unabhängig von aktuellen Moden. Zwar haben Beratungsstellen wie unsere nach Medienberichten zeitweise größeren Zulauf, insgesamt ist die Nachfrage nach begabungspsychologischer Beratung aber seit 20, 30 Jahren ziemlich konstant. Ein knappes Fünftel der bei uns getesteten Kinder und Jugendlichen erzielt im Intelligenztest tatsächlich einen IQ von 130 und höher und gilt damit als hochbegabt. Mehr als 60 Prozent verfügen über kognitive Fähigkeiten, die deutlich über dem Durchschnitt liegen, und gehören damit zu den begabtesten 15 Prozent ihrer Altersgruppe.
Nicht alle hochbegabten Kinder erreichen, wie man erwarten könnte, glänzende Schulnoten. Manche haben gar keine Lust auf Schule. Was tun? 

Tatsächlich erreichen Schüler mit gutem und sehr gutem Denkvermögen nicht zwangsläufig auch hohe Leistungen. Bei der Umsetzung von Begabung in Leistung kommt es auch auf Anstrengungsbereitschaft, Stressbewältigung oder auf Arbeitsstrategien an. Die familiäre Lernumwelt, die Qualität des Unterrichts und das Klassenklima können hohe Leistungen ebenfalls begünstigen oder verhindern. Allgemeingültige Ratschläge kann man für solche Fälle von Minderleistung aber nicht geben. Man muss für jeden Einzelfall prüfen, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Die Suche nach den Ursachen erweist sich oft als sehr komplex. So spielen manchmal Motivationsprobleme eine Rolle, die sich aus einer längerfristigen Unterforderung und einem Gefühl des "Nicht-Verstanden-Werdens" ergeben. In der Folge können emotionale Entwicklungsschwierigkeiten auftreten. Mädchen neigen eher dazu, ihre möglicherweise nicht alters- oder geschlechtstypischen Interessen zu verbergen, um einer sozialen Isolation zu entgehen. Langfristig entwickelt sich dann häufig ein negatives Selbstbild.
Zu welchen Problemen kann es kommen, wenn eine Hochbegabung nicht erkannt und die Kinder nicht entsprechend betreut werden?

Wenn Kinder über besondere Begabungen verfügen, die ignoriert und nicht gefördert werden, kann es zu Schwierigkeiten in der Entwicklung und im Verhalten kommen. Muss aber nicht. Unterforderte Kinder, die sich in der Schule langweilen oder womöglich wegen ihrer vielen sprudelnden Ideen bei den Lehrkräften anecken oder gar abgelehnt werden, können ernsthafte psychische und Verhaltensprobleme entwickeln. Qualifizierte Beratungsstellen bieten da Hilfe. Wo sie sich befinden, kann man auch über die Karg-Stiftung (karg-stiftung.de) herausfinden. Andererseits ist nicht jedes Kind mit Prob lemen in der Schule oder in anderen Bereichen gleich hochbegabt. Eine Abklärung durch psychologische Fachkräfte empfiehlt sich aber auch dann.
Welche schulischen Angebote gibt es in Mecklenburg-Vorpommern für hochbegabte Schüler?

Es gibt in jedem Schulamtsbezirk ein staatliches Gymnasium, das im Sekundarbereich eine Hochbegabtenklasse führen kann. In Rostock ist dies das Europa-Gymnasium Reutershagen, in Schwerin das Fridericianum, in Neubrandenburg das Albert-Einstein-Gymnasium und in Greifswald das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium. Daneben haben einige private Schulen Hochbegabtenklassen. Und schließlich gibt es Musik- und Sportklassen für musikalisch und sportlich hochbegabte Kinder und Jugendliche. Ob man ein solches Angebot in Anspruch nimmt, vielleicht sogar an eine Unterbringung im Internat denkt, muss im Einzelfall geklärt werden. Für manche Mädchen und Jungen ist es eine Befreiung, mit Gleichgesinnten eine Schule oder Klasse zu besuchen. Andere, und dies trifft großen Studien zufolge sogar auf die Mehrheit der Hochbegabten zu, wollen ihre vertrauten sozialen Beziehungen gar nicht verlassen und sind mit ihren Klassen zufrieden. Für jüngere Kinder sind eine vorzeitige Einschulung oder das Überspringen einer Klassenstufe Optionen. Von den bei uns vorgestellten hochbegabten Kindern haben bislang 46 mindestens eine Klassenstufe übersprungen.
Was können Eltern zusätzlich zu diesen speziellen schulischen Angeboten oder stattdessen für ihre hochbegabten Kinder tun?

Wichtig ist es, dass die Kinder unterstützt werden, ihre Begabungen und Interessen zu entwickeln. Es geht darum, den hochbegabten und hochleistenden Jugendlichen im schulischen und außerschulischen Umfeld Aktivitäten zu ermöglichen, die ihren Interessen entsprechen. Das können naturwissenschaftliche Angebote genauso sein wie anspruchsvolle Jugendgruppen in den Theatern. Alle Schulen sollten darüber hinaus Begabungsförderung ernst nehmen und den Schulalltag so gestalten, dass auch Hochbegabte passende Lern- und Entwicklungsbedingungen finden. Eltern sollten aber nicht den Fehler machen, ihrem Kind mit allen möglichen, vielleicht sogar aufgedrängten Förderaktivitäten den Raum für eigene Aktivitäten und Interessen zu nehmen. Ich plädiere da auch für ein Stück Gelassenheit.
Ist das Engagement des Landes in Sachen Hochbegabung ausreichend?

Nachdem ursprünglich die Karg-Stiftung die Personal- und Sachkosten für die Beratungsstelle finanzierte und die Universität Rostock für Räume und Infrastruktur sorgte, hat inzwischen das Land die Finanzierung der Personalstelle übernommen. Allerdings ist diese noch nicht langfristig gesichert. Grundsätzlich sollten an jeder Kindertagesstätte und Schule auch Mitarbeiter tätig sein, die für die Arbeit mit besonders begabten Kindern qualifiziert sind. Davon sind wir allerdings in Deutschland und auch in Mecklenburg-Vorpommern noch ein gutes Stück weit entfernt. Immerhin lässt sich in MV aber so mancher individuelle Förderweg zwischen Hochbegabten, Lehrkräften und Eltern arrangieren, der anderswo an bürokratischen Hindernissen scheitern würde.