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Skrupellose Schlepper Geschäfte mit der Not der Ärmsten

Von Andreas Herholz | 28.08.2015, 21:00 Uhr

Flüchtlingstragödie im Herzen Europas mit 71 Toten: Kampfansage an Schleuser

Die internationale Flüchtlingstragödie ist endgültig im Herzen Europas angekommen. Nachdem seit Monaten tote Flüchtlinge im Mittelmeer Entsetzen und Diskussionen in der EU auslösten, hat das Drama in Österreich offenbart: Auch auf den Straßen Mitteleuropas sind skrupellosen Schleppern ausgelieferte Menschen in höchster Gefahr. Das Ausmaß des Grauens an einer Autobahn in Österreich übertraf alle Befürchtungen. 71 Leichen barg die Polizei aus einem auf dem Seitenstreifen abgestellten Lkw. „Es war ein Stapel lebloser Menschen“, zitierte die österreichische Tageszeitung „Kurier“ einen Polizisten. Ursprünglich waren die Behörden von 20 bis 50 Toten in dem 7,5-Tonner ausgegangen. Woher stammten die Menschen, wer waren sie? Wann kamen sie ums Leben? Und woran starben sie? Bislang sind noch viele Fragen offen.

Vermutlich seien die 59 Männer, 8 Frauen und 4 Kinder in dem Laderaum des Lasters erstickt, teilte die Polizei mit. Außerdem fanden sich in dem Wagen Dokumente, die darauf hindeuteten, dass zumindest einige der Flüchtlinge aus Syrien stammten.

Bei der Suche nach den Verantwortlichen hatten österreichische und ungarische Ermittler noch am Donnerstag eine Großfahndung eingeleitet. Nach bisherigen Erkenntnissen fuhr der Lkw am Mittwochmorgen südlich von Budapest los. Gestern nahmen die Ermittler den Fahrzeughalter sowie zwei mutmaßliche Fahrer in Ungarn fest. Sie gehörten zum Umfeld eines ungarisch-bulgarischen Schlepperrings. Sie seien jedoch nur die „untersten Ebenen“ organisierter Kriminalität.

Und nach der Betroffenheit kommt die Kampfansage: Die Bundesregierung will entschiedener gegen Schlepper und Schleuser vorgehen. Aber: Was tun gegen das skrupellose Geschäft der Schlepper? Wie kann man ihren kriminellen Menschenhandel stoppen? Bereits im ersten Halbjahr 2015 waren in Deutschland 1420 Tatverdächtige ermittelt worden, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Allein in Bayern sitzen 600 Schleuser in Haft.

Die Gewerkschaft der Polizei plädiert dafür, dass Flüchtlinge aus Bürgerkriegsgebieten die Möglichkeiten erhalten sollten, bereits in ihrer Heimat in Botschaft oder bestimmten Anlaufstellen Asylanträge zu stellen. „Dann müssten sie sich nicht in die Hände skrupelloser Schleuser begeben“, erklärte der Vizechef der GdP, Jörg Radek. „Schleuser sind Menschenhändler. Für sie ist der Mensch eine Ware. Mit dieser Ware kann er auf der Balkanroute mehr Geld verdienen als mit Drogen oder Waffen“, sagte er. „Es ist mittlerweile ein Geschäftsmodell.“

Die GdP beklagt einen akuten Personalmangel bei der Bundespolizei: Dort seien 700 Stellen gestrichen worden. „Die Bundespolizei ist an ihrer Belastungsgrenze angelangt. Das geht nicht mehr lange gut und geht an die Gesundheit der Kollegen“, so Radek. „Wir brauchen allein an der deutsch-österreichischen Grenze 800 Stellen mehr“, erklärte der Vizechef der GdP. Bundesweit würden rund 3600 zusätzliche Stellen benötigt.