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Schwerin Fenster in eine andere Zeit

Von Welf Grombacher | 26.02.2010, 05:36 Uhr

Die Tasse sieht auf den ersten Blick ganz normal aus.

Nur die beiden Henkel verwundern ein wenig. Wie Segelohren stehen sie links und rechts an der Seite ab. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich dem Betrachter der eigentliche Sinn des Plakates. Steht auf dem Fähnchen des Teebeutels, das da an einer Schnur aus der Tasse hängt, doch "Prince Of Wales Tea" geschrieben.

Plakate haben es in einer Welt der bewegten Bilder und des Internets eher schwer. Als Medium des Bekanntmachens, als das sie im 16. Jahrhundert erfunden wurden, haben sie ausgedient. Holländer haben sie anfangs an ihre Häuser "geplackt" und wollten damit die eigene Bevölkerung gegen die spanischen Besatzer mobilisieren. Daher auch der Name "Plakat". Schon im antiken Rom allerdings wurden Gesetzestafeln aus Holz in Straßen und auf Plätzen ausgehängt, um die Menschen zu informieren. Was heute im Medienzeitalter zu langsam und viel zu umständlich wäre. Nur in der Werbung machen Plakate noch Sinn.

Heute wirken Plakate irgendwie altmodisch. Vielleicht sind sie gerade deswegen so etwas wie ein Fenster in eine andere Zeit. Der Kunstverein Wiligrad widmet sich mit der Schau "Humor - 160 Plakate aus aller Welt" erneut dem Thema Plakat und eröffnete mit einer sehenswerten Schau sein Ausstellungsjahr 2010. Wolfgang Mattheuer und Ursula Mattheuer-Neustädt (7. August bis 19. September) sowie Keramik aus Römhild (24. April bis 13. Juni) werden später u. a. zu sehen sein.

Jetzt aber erst einmal Plakate aus der Sammlung des Museums Dieselkraftwerk in Cottbus, das vor zwei Jahren im neuen Haus eröffnet hat und unbedingt eine Reise wert ist. Aus 20 Ländern versammelt die Ausstellung Exponate. Der Kunstverein setzt damit die gute Tradition seiner Plakat-Ausstellungen fort. Nach "Historischen Bierplakaten" und "Erotik in der Plakatkunst" nun also Humor. Die wirklich essentiellen Dinge des Lebens.

Die Ironie der Postmoderne ist das Zauberwort, auf das Macher von Plakaten gerne zurückgreifen. In einer Welt, in der es alles irgendwann schon einmal gegeben hat, lässt sich nichts mehr geradeaus sagen, will man nicht langweilen. Und was wäre schlimmer als zu langweilen? Also der Haken über die Ironie. So wirbt Erika Vogl-Kis mit einem Augenzwinkern für die Aufführung von Molières Theaterstück "Der eingebildete Kranke" in Augsburg mit einem Plakat, das geradezu aussieht wie ein Krankenschein. Für Schillers "Wilhelm Tell" steht ein in Folie eingeschweister Sechserpack mit Äpfeln, aus dem einer entwendet wurde. "Kölns beliebteste Kreditkarte" zeigt sich auf einem anderen Plakat als Bierdeckel einer großen Kölsch-Brauerei voller Kugelschreiber-Striche. Wenn Anschreiben doch nur so einfach wäre .

Der Hersteller eines Anti-Schuppenshampoos zeigt ein Fischlein, das gar keine Schuppen mehr hat. Dafür üppig Haare. Gleich daneben wirbt ein Korsetthersteller mit einem "vorher - nachher" der etwas anderen Art: Eine dicke Hummel und daneben eine schlanke Biene.

Aber nicht nur für Produkte wird geworben. Auch für geistige Güter. Wenn Goethes Satz "Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein" gemeinsam mit seinem Schattenriss, welchem einmal eine Indianerfeder angeheftet, ein anderes mal ein Chinesenhut aufgesetzt oder eine "Negerlippe" angeschminkt wurde, für Toleranz wirbt, ist dem ernsten Thema doch gleich ein bisschen seiner irdischen Schwere genommen.

Auch Arbeiten einiger populärer Künstler sind im Schloss Wiligrad vertreten. Tomi Ungerer und Klaus Staeck sind nur zwei bekannte Namen. Letzterer ist mit seinem 1977 entstandenen Plakat präsent. Es zeigt den "Armen Poeten" des Biedermeierkünstlers Carl Spitzweg, der mit Nachtmütze und Regenschirm im Bett sitzt und liest. Mit großen Lettern prangt darüber die alte Verlegerweisheit: "Nur die Armut gebiert Großes". Auch das eine Form der bitteren Ironie. Steht kleiner unten auf dem Plakat doch profan geschrieben: "Autoren fordern Tarifverträge".

"Humor - 160 Plakate aus aller Welt",

Schloss Wiligrad,

Di-Sa 10-17 Uhr, So 11-17 Uhr, Bis 7. März