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Krisengipfel in Hannover Enercon bleibt bei Abbau: „Die Messe ist gesungen“

Von Klaus Wieschemeyer | 13.11.2019, 16:49 Uhr

Die Politik will helfen, doch die 3000 gefährdeten Enercon-Jobs scheint sie wohl nicht mehr retten zu können. Der Windradhersteller will keine Rotorblätter mehr in Deutschland bauen.

Der Windanlagenbauer Enercon hält trotz Hilfsangeboten der Politik an dem angekündigten massiven Stellenabbau fest. „Letztendlich müssen wir jetzt für uns ganz klar festhalten, dass an dem Schritt, den wir am Freitag angekündigt haben, kein Weg vorbeigeht», sagte Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig am Mittwoch in der Staatskanzlei in Hannover. Zuvor hatte Kettwig mit Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, Energieminister Olaf Lies, Wirtschaftsminister Bernd Althusmann und Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann über Erleichterungen für den Windanlagenbau gesprochen. Neben dem Standort Aurich dürfte vor allem der Rotorblattbau in Magdeburg von dem Stellenabbau betroffen sein. Nach Ansicht von Kettwig ist die Fertigung von Rotorblättern in Deutschland nicht mehr konkurrenzfähig. Die Verlagerung der Produktion ins Ausland sei alternativlos. Die rot-schwarze Landesregierung in Niedersachsen sieht das anders.

Stecker gezogen, Akku leer

Mögliche neue Ausschreibungen oder vereinfachte Genehmigungen kämen für den aktuellen Jobabbau zu spät, sagte Kettwig. Auch für 2020 rechnet Enercon demnach nicht mit einem Ende der Ausbauflaute. „Die Messe ist gesungen“, erklärte er. Die geplanten Maßnahmen „kommen jetzt im Moment zu spät“, sagte der Manager. Nun gehe es darum, eine weitere Abwärtsspirale der Branche in den kommenden Jahren abzuwenden.

Anlass der Krise ist dem Geschäftsführer zufolge der Auftragseinbruch: Hatte Enercon 2017 noch knapp 2000 Megawatt an Windkraftleistung installiert, waren es in diesem nur 350 Megawatt. Zudem hat Deutschlands größter Windradhersteller offenbar Probleme mit der Wettbewerbsfähigkeit und nicht die Mittel, langjährige Flauten durchzustehen. „Man hat uns nicht nur den Stecker gezogen. Wir haben auch keinen Akku mehr, um das mittelfristig aufzufangen“, sagte Kettwig.

Die Landesregierungen von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt wollen sich beim Bund für einfachere Genehmigungen von Windrädern stark machen: So sollen die Sperrbereiche für die Flugsicherung verkleinert werden. Auch die Genehmigungen für das Repowering, den Austausch alter durch neue Anlagen, einfacher werden. Niedersachsen will zudem den vom Bund vorgeschlagenen Mindestabstand von 1000 Metern von Windrädern zur Wohnbebauung unterlaufen. Innerhalb der Landesregierung sei man sich einig, dass die Regelung zu einer drastischen Reduzierung verfügbarer Flächen führen würde, sagte Weil.

Enercon am Scheideweg

Noch am Nachmittag sollte der nächste Krisengipfel in Aurich stattfinden. Dort soll es unter anderem um die Perspektive für Mitarbeiter gehen. Als Möglichkeiten stehen Kurzarbeitergeld, Transfergesellschaften oder Umschulungen im Raum. In den kommenden Tagen sind weitere Gespräche geplant.

Kettwig sieht sein Unternehmen an einem Scheideweg: „Enercon befindet sich in einem Wandel, intern nennen wir es einen Turnaround“, sagte der Manager am Mittwoch in Hannover. Nach der Anlaufphase der ersten Jahre müsse man nun mehr Verantwortung übernehmen, weiter in die Industrialisierung investieren und die Wettbewerbsfähigkeit des Hauses steigern.

Weil warnte, dass die nun wegfallenden Arbeitsplätze bald dringend gebraucht werden könnten, da die Bundesregierung die Windkraft ja eigentlich radikal ausbauen will und auch immer mehr Industriebetriebe Erneuerbare Energien benötigten. Unter anderem setzen VW und Tesla in der Produktion auf Wind- und Sonnenstrom. „Das schönste Elektroauto bringt uns umweltpolitisch nicht weiter, wenn seine Batterie mit Kohlestrom hergestellt und aufgeladen wird“, sagte Weil. „Der Klimaschutz in Deutschland steht inmitten einer Bewährungsprobe: Ohne Windenergie werden die Ziele, die wir uns gesetzt haben, nicht erreichbar sein“, erklärte er.