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Besorgte Eltern Schnupfnase als Hinweis auf Covid-19? Kinderärzte befürchten Ansturm

Von dpa | 25.07.2020, 16:07 Uhr

Die Verunsicherung ist groß: Wann sollen Kinder mit einem Infekt zu Hause bleiben und wann nicht?

Eltern kleiner Kinder müssen da fast jeden Herbst und Winter durch: Der Nachwuchs hustet und schnieft, kann aber meist trotzdem weiter in die Kita. Nur wenn es zu schlimm wird, muss zu Hause auskuriert werden. Jetzt, wo nach monatelangem Notbetrieb in den Kitas auf Regelbetrieb umgeschaltet wird und irgendwann auch die Erkältungszeit wieder losgeht, fragen sich Eltern und Erzieher: Wie soll das mit der Schnupfnase eigentlich in Corona-Zeiten gehen?

Die Angst davor, dass ihre Kinder jetzt beim kleinsten Schnupfen zu Hause bleiben müssen, ist bei Alleinerziehenden besonders groß. "Wir befürchten, dass weitere Alleinerziehende in die Armut abrutschen, wenn sie ihrer Erwerbstätigkeit mangels zuverlässiger Kinderbetreuung nicht nachgehen können", sagt die stellvertretende Vorsitzende des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter, Helene Heine. Aktuell werde das in den Bundesländern ganz unterschiedlich gehandhabt. "Dieser Wildwuchs verunsichert Eltern, Arbeitgeber und Fachkräfte in Kitas."

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Kinderärzte befürchten Ansturm

Die Kinderärzte in Deutschland stellen sich wegen der Corona-Pandemie in der zweiten Jahreshälfte auf eine Belastungsprobe ein. "Wir befürchten in der Tat, dass es ab dem Herbst zu einem Ansturm auf unsere kinder- und jugendärztlichen Praxen kommen wird", sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, der Deutschen Presse-Agentur.

In der Infektzeit sei man auch so jedes Jahr gut beschäftigt, "und das bei einem allgemein zu konstatierenden Kinder- und Jugendarztmangel". "Wenn jetzt aber – oft ausgehend von den Kitas und Schulen selbst – zusätzlich noch Kinder geschickt werden, bei denen jede Schnupfnase als Hinweis auf Covid-19 gesehen wird, dann ein Test verlangt wird, dann werden wir dies nicht alleine bewältigen können."

Eltern sollen Kinder mehrere Tage ohne Attest Zuhause behalten

Fischbach forderte unter anderem, dass Eltern bei kleinen Infekten ihre Kinder mehrere Tage auch ohne Attest des Arztes zu Hause behalten und gesund pflegen können sollten. "Hierzu bedarf es aber endlich einer großzügigen Karenztagregelung für die betreuenden Eltern, die ohnehin teilweise bereits um ihre Jobs fürchten müssen."

Der Verband kritisierte auch die aktuellen Testkriterien des Robert Koch-Instituts, wonach Ärzten die Veranlassung eines Corona-Tests bei "akuten respiratorischen Symptomen jeder Schwere (...) bei allen Patienten unabhängig von Risikofaktoren" empfohlen wird. Gerade kleine Kinder wiesen diese Symptome im Rahmen von banalen Atemwegsinfekten sehr häufig auf. "Es ist also schlicht nicht leistbar – selbst beim besten Willen –, jedes Kind mit diesen Symptomen zu testen. Und es ist auch nicht sinnvoll." Wenn großflächige Tests gewollt seien, so sei das eine primäre Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes.

"Gewöhnlicher" Infekt oder Infektion mit dem neuartigen Coronavirus?

Klarheit, ob es sich um einen "gewöhnlichen" Infekt oder um eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus handelt, kann nach Angaben des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, Johannes Hübner, zwar nur ein Labortest bieten. "Ein banaler Schnupfen ohne Fieber oder eine milde Erkältung, die in weniger als 3 Tagen abklingt, muss aber nicht hinsichtlich Coronavirus abgeklärt werden", sagte er der dpa.

Zur Entlastung von Kinderärzten und Allgemeinmedizinern schlug Hübner außerdem "Teststraßen und Massen-Test-Einrichtungen" vor. "Es muss in diesem Winter einen raschen und unkomplizierten Zugang zu einer Diagnostik geben."

Kinder in Bayern bei laufender Nase von Betreuung ausgeschlossen

In Bayern gilt beispielsweise noch bis Ende August (dann sollen die strengen Regeln gelockert werden), dass Kinder schon bei kleinsten Erkältungssymptomen wie einer laufenden Nase von der Betreuung ausgeschlossen sind – außer sie können einen negativen Corona-Test vorweisen. In Berlin heißt es dagegen, "von den akuten Atemwegsinfektionen sind die einfachen Erkältungskrankheiten verbunden mit einem Schnupfen oder Husten ohne Fieber zu unterscheiden. In diesen Fällen gibt es keinen unmittelbaren Anlass, das Kind nicht aufzunehmen oder die Betreuung nicht fortzuführen".

Verunsicherung beim Kita-Personal

Der Alleinerziehendenverband fordert von der Politik "konkrete Konzepte für Kitas und Schulen, die einen angemessenen Umgang mit Erkältungen sicherstellen". Allein sind die Eltern mit dieser Forderung nicht. Auch beim Kitapersonal herrscht Verunsicherung, wann denn nun Kinder angenommen oder nach Hause geschickt werden sollen. Die Politik müsse "klare, praktikable und verhältnismäßige Handreichungen entwickeln, wie aufgrund welcher Symptomatik gehandelt werden muss", sagt die Bundesvorsitzende des Deutschen Kitaverbands, Waltraud Weegmann. Der Verband vertritt die freien Kita-Träger in Deutschland.

In diesen Handreichungen müssen ihrer Ansicht nach beispielsweise auch Kriterien festgelegt werden, wann ein Kind nach einer Erkrankung wieder in die Kita kommen darf und welche Nachweispflichten es dann geben soll. Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern hat eine solche Handreichung inzwischen für ihre Kitas veröffentlicht. Andere Länder dürften folgen. Einig sei man sich jedenfalls mit den meisten Ärzten und Virologen darin, dass der Ausschluss eines Kindes vom Kita-Besuch mit gewöhnlichem Kinderschnupfen – ohne zusätzliche Symptome – unverhältnismäßig sei, sagt Weegmann.