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Der Neubrandenburger Mario Tumm fotografiert Wassertropfen Eingefrorene Augenblicke

Von Holger Kankel | 30.09.2011, 06:30 Uhr

Jeder fotografiert. Jeder denkt, er kann fotografieren, weil er fotografieren kann. Immer und überall. Das ist im Fall von Mario Tumm ein wenig anders. Der Neubrandenburger fotografiert, was nicht zu fotografieren ist.

Fotografiert wird heutzutage fast alles. Dank Digital- und Handykamera schießen wir aus allen Rohren. Fotografieren, speichern, senden, löschen. Porträts, Partys, Pflanzen. Mein Haus, meine Frau, meine Yacht. Jeder fotografiert. Jeder denkt, er kann fotografieren, weil er fotografieren kann. Immer und überall. So sehen dann auch die Fotos aus.

Das ist im Fall von Mario Tumm ein wenig anders. Der Neubrandenburger fotografiert, was nicht zu fotografieren ist. Eigentlich. Wassertropfen, die in tausendstel Sekunden auf andere Wassertropfen prallen und so für das menschliche Auge unsichtbare Tropfenskulpturen bilden. So schnell, wie diese unglaublich schönen Formen entstanden sind, verschwinden sie auch wieder. Ein Spiel zwischen Erschaffen, Zerstören und neuerlichem Erschaffen.

Und wären für immer verloren, wenn dieser Mann nicht vernarrt wäre in jene wässrigen Zufallsspiele der Natur. Tumm fotografiert schon seit 30 Jahren in der Natur. Mit Vorliebe in weiten, ruhigen Landschaften. In Norwegen, an der Ostsee, an den Mecklenburger Seen. So war auch das Spiel des Wassers auf Steinen und Blättern, waren tropfende Gletscher oder Stromschnellen bevorzugte Motive des 47-Jährigen.

Doch Fotografen, die Natur als bevorzugtes Motiv wählen, gibt es viele. Außerdem, so Tumm, müssen auch die langen, dunklen Winter des Nordens überstanden werden. So kam er vor zwei, drei Jahren auf den Tropfen.

Experimentierte mit Flüssigkeiten, mit Schärfentiefe, Licht und Farben. Was mit einer Pipette über einer Waschschüssel und der Kamera im Dauerfeuer begann, entwickelte sich nach und nach zu einer stabilen Versuchsanordnung, die es dem Fotokünstler erlaubt, Tropfen in millisekundengenauen Abständen in eine Flüssigkeit fallen zu lassen und den Zusammenprall zu fotografieren, weil auch der Kamerablitz in diesem entscheidenen Moment auslöst.

In vier Stunden können so bis zu 2000 Bilder entstehen. Dabei gleicht kein Foto dem anderen. Das ist es, was den Tropfenkünstler vor allem fasziniert. Im immer neuen Zusammenspiel von phantastischen Formen und Farben erweist sich die Natur einmal mehr als unnachahmlicher Künstler. Der Rest, sagt Tumm, ist Physik, sind Wasserspannung, Temperatur und Licht. Genau damit beginnt der Neubrandenburger jetzt auch wieder zu spielen. Setzt statt klarem Wasser, Textil- oder Druckertintenfarbe ein oder Milch, Zucker und Öl. Verändert Lichtstimmungen und will nun sogar zweifarbige Tropfen aufeinanderprallen lassen.

Auch diese "eingefrorenen Augenblicke", wie Tumm seine Tropfenbilder nennt, werden wir staunend betrachten, wohl wissend, dass wir der undurchschaubaren, geheimnisvollen Natur mit diesen einmaligen, so nie wieder entstehenden Bildern doch einmal sehr sehr nahe gekommen sind.