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Betreuungsgeld Eine Zeit lang einfach nur Mutter sein

Von KLIK | 18.02.2014, 11:45 Uhr

Gegen den Trend: Nicole Kruse ist eine von wenigen Betreuungsgeld-Bezieherinnen im Nordosten – wenn ihr Sohn zwei ist, will aber auch sie wieder arbeiten gehen

Lukas hat offenbar vorgesorgt. Vorhin, als er mit Mama am Kaffeetisch saß, muss er einen der leckeren Schokokekse unter den Tisch fallen lassen haben. Jetzt jedenfalls lugt der Knirps vorsichtig unter der Tischplatte hervor. Alles, was vom Keks nicht in den Mund passte, hat er im Gesicht verschmiert – und strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Bei so viel guter Laune muss auch seine Mutter Nicole Kruse lachen. Dann greift sie zu den Feuchttüchern, um zu verhindern, dass ihr Spatz den schokoladigen Brei auch noch auf ihrer oder seiner Kleidung verteilt.

Nicole Kruse hätte diesen und viele andere einmalige Momente wahrscheinlich nicht miterlebt, wenn sie – wie es die meisten Eltern hier im Nordosten tun – wieder arbeiten gegangen wäre, als ihr Sohn zu Jahresbeginn ein Jahr alt wurde. Doch die 33-Jährige aus Lübbendorf bei Lübtheen hat sich bewusst dafür entschieden, mit ihrem zweiten Kind länger zu Hause zu bleiben. Und sie hat für diese Zeit Betreuungsgeld beantragt.

„Ich weiß nicht, warum diese Leistung so angefeindet wird“, sagt Nicole Kruse. Dass Politiker von Fernhalte- oder sogar Herdprämie sprechen würden, sei doch völlig daneben – allein wegen der 100 Euro im Monat würde kein Mensch sich entscheiden, zu Hause zu bleiben. „Das hat man dann sowieso schon geplant, und man hat sich auch in der Familie Gedanken darüber gemacht, wie man das finanziell hinbekommt“, ist sie überzeugt. Mehr als eine kleine Hilfe seien die 100 Euro Betreuungsgeld einfach nicht.

Trotzdem tobt um diese wie um keine andere Familienleistung zuvor ein regelrechter Glaubenskrieg in Deutschland. Während die SPD junge Eltern in erster Linie über den Ausbau von Ganztagsbetreuungsplätzen für ihre Kinder fördern will, setzt die Union und hier vor allem die bayerische CSU auf eine Leistung, die auch die Erziehungsarbeit daheim anerkennt. Ein Ergebnis der schon viele Monate währenden und auch öffentlich ausgefochtenen Debatte um das Betreuungsgeld ist, dass es zumindest in Norddeutschland kaum beworben wird. Und das hat Folgen: In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel haben ab August bis zum Ende des Jahres 2013 gerade einmal 681 Eltern Betreuungsgeld beantragt. Bewilligt wurde es sogar nur in 493 Fällen – bei den meisten abgelehnten Antragstellern waren die Kinder bereits vor dem Stichtag 1. August 2012 geboren worden. Bis Ende Januar stieg die Zahl der Anträge im Nordosten auf 860.

Bundesweit dagegen lagen Ende Januar zirka 155 000 Anträge auf Betreuungsgeld vor. Spitzenreiter war zu diesem Zeitpunkt Nordrhein-Westfalen mit 38 327 Anträgen. Dahinter folgen Bayern mit knapp 35 000 und Baden-Württemberg mit 33 447 Anträgen. In Schleswig-Holstein waren es 5506 Anträge, in Hamburg 2408. Für Brandenburg liegen bislang nur Zahlen bis Ende Oktober vor, damals waren es 624.

Auch Nicole Kruse hatte nur durch Zufall von einer Hamburger Kollegin vom Betreuungsgeld gehört. Seit Jahren arbeitet die Mecklenburgerin als Versicherungskauffrau in der Hansestadt. Zeitweise hatten ihr Mann und sie auch ihren Wohnsitz dorthin verlegt. „Aber wir kommen beide aus dem Osten – und wir wollten, dass unsere Kinder hier aufwachsen.“ Deshalb zogen sie zurück, bauten sich in Lübbendorf ihr Traumhaus aus.

Schon als 2009 ihre Tochter geboren wurde, blieb Nicole Kruse länger als ein Jahr zu Hause – allerdings nur drei Monate. „Alina war so ein Kind, das früh wegwollte von mir“, erinnert sich die Mutter. „Und mir selbst fiel, ehrlich gesagt, nach dem guten Jahr zu Hause auch die Decke auf den Kopf – obwohl damals auch in unserem Freundeskreis gerade mehrere Frauen Kinder bekommen hatten.“

Dennoch sei es hart gewesen, als sie die Kleine dann in die Kita im Ort gab – für Mutter und Tochter. „Alina hat sich aber recht schnell richtig gut eingelebt“, erinnert sich Nicole Kruse, die wieder mit dem Zug nach Hamburg pendelte, jetzt allerdings nur noch Teilzeit arbeitete.

„Schon damals hab ich mir vorgenommen, dass ich es beim zweiten Kind anders machen und länger zu Hause bleiben würde“, erzählt Nicole Kruse, während sie Lukas die restliche Keksmasse aus dem Gesicht wischt. Dabei hätte sie auch den Gedanken im Hinterkopf gehabt, dass das zweite zugleich das letzte Kind des Ehepaares sein sollte. „Das wollte ich noch mal richtig genießen.“

Jetzt kann sie sich täglich an den vielen kleinen Entwicklungsschritten erfreuen, die ihr Jüngster macht – wie seine Schritte immer fester werden, sein Brabbeln immer verständlicher. Doch die beiden igeln sich nicht ein: Regelmäßig besucht die junge Mutter mit Lukas eine Krabbelgruppe. Und da noch eine andere Frau im Dorf ein etwa gleichaltriges Kind hat, ist auch sonst für Gesellschaft und Gedankenaustausch gesorgt.

Alina, Lukas große Schwester, geht dennoch bis zum nachmittäglichen Kaffeetrinken in den Kindergarten. „Sie ist schon in der Vorschulförderung – das könnte ich ihr hier zu Hause gar nicht alles bieten“, begründet die Mutter das. Überhaupt bräuchten Kinder ab einem bestimmten Alter Gleichaltrige, ist Nicole Kruse überzeugt. Deshalb wird sie auch mit Lukas nicht auf Dauer zu Hause bleiben. „Jch habe in der Firma beantragt, zwei Jahre als Auszeit zu nehmen.“ Danach kann sie sechseinhalb Jahre lang Teilzeit arbeiten – das sei in ihrer Firma so geregelt, und das sei eine ganz tolle Sache. „Da Nico, mein Mann, in Schichten arbeitet, würden wir sonst überhaupt nicht zurecht kommen“, erklärt Nicole Kruse. Deshalb hätte sie es auch gut gefunden, wenn der Vorschlag von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig umgesetzt worden wäre, jungen Eltern einen Rechtsanspruch auf Teilzeitbeschäftigung einzuräumen.

„Der Wunsch, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, rührt doch auch daher, dass heute viele Wege weiter sind als früher. Da arbeitete man im Ort, hatte die Kita um die Ecke – heute dagegen frisst allein der Weg zur Arbeit so viel Zeit“, sinniert die junge Mutter. Außerdem gebe es viel mehr Angebote für Familien – „und die möchte man mit seinen Kindern natürlich auch nutzen“. Sie selbst wird das in diesem Jahr zusammen mit Alina, Lukas und so oft es geht auch mit ihrem Mann jedenfalls tun.