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Führungspersonal in MV Eine Ossi-Quote für den Chefsessel?

Von Iris Leithold | 28.02.2019, 20:00 Uhr

Im Jahr 30 nach dem Mauerfall kommt noch immer ein großer Teil des Führungspersonals in Politik und Verwaltung von MV aus dem Westen. Ist das schlimm?

Das Führungspersonal in der Landesregierung, der Justiz und den Hochschulen Mecklenburg-Vorpommerns kommt nach wie vor mehrheitlich aus Westdeutschland. Das geht aus einer Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken im Landtag hervor. Danach stammen zwei Drittel aller Abteilungsleiter in den Ministerien aus den alten Bundesländern, ein Drittel ist ostdeutsch.

Dieses Verhältnis treffe auch auf die Rektoren der Universitäten und Hochschulen zu. Bei den Staatsanwaltschaften seien vier von fünf Leitern aus dem Westen. Unter den Gerichtspräsidenten des Landes findet sich den Angaben zufolge kein einziger Ostdeutscher, von den Gerichtsdirektoren ist es knapp ein Viertel. Am Kabinettstisch sitzen dagegen mehrheitlich "Ossis": Von den neun Regierungsmitgliedern sind sieben in der DDR geboren und aufgewachsen.

Alarmierende Zahlen

Die Linken-Fraktionsvorsitzende Simone Oldenburg sprach von alarmierenden Zahlen. "Alte Netzwerke" seien offenbar der Grund für die Entwicklung. Ernüchternd sei, dass sich die Unterrepräsentanz der Ostdeutschen beispielsweise in den Abteilungsleitungen der Ministerien verfestigt habe. Oldenburg schlug bei NDR 1 Radio MV ein Umsteuern vor: Künftig sollten bei Bewerbern mit gleicher Eignung Landeskinder oder Ostdeutsche den Vorzug bekommen.

Der CDU-Politiker Eckhardt Rehberg hält die Diskussion für unsinnig und warf Oldenburg eine Spaltung der Gesellschaft vor: "30 Jahre nach der Friedlichen Revolution sind die Denkschablonen der Linken völlig überholt und rückwärtsgewandt." Die Einteilung in West- und Ostdeutsche und das "populistische Beklagen" über ostdeutsche Führungskräfte führe zu einer Spaltung der Gesellschaft. Er kritisierte auch, dass die Linke in ihrer Anfrage nur Menschen als Ostdeutsche klassifizierte, die vor 1976 in der DDR geboren wurden und dort aufwuchsen.

"Nach wie vor ein trauriges Bild"

Allerdings stellen auch Soziologen eine anhaltende Unterrepräsentanz Ostdeutscher in Führungspositionen fest. Laut einer Studie der Universität Leipzig aus dem Jahre 2016 besetzen Menschen mit Ost-Hintergrund nur 1,7 Prozent aller betrachteten Führungspositionen in Deutschland. Ihr Bevölkerungsanteil beträgt jedoch 17 Prozent.

Der Soziologe an der Hochschule Zittau/Görlitz in Sachsen, Raj Kollmorgen, schätzte, dass sich die verschwindend geringe Zahl Ostdeutscher an den Schaltstellen der Macht seit der Leipziger Studie kaum verändert hat. "Es ist es nach wie vor ein trauriges Bild." Die Gründe seien vielschichtig. Es gebe bei Ostdeutschen wie auch bei Menschen mit Migrationshintergrund kulturelle Benachteiligungen beim Aufstieg. Viele Ostdeutsche hätten nicht den Habitus der Oberschicht, verfügten nicht über deren Geschmacksurteile und selbstbewusstes Auftreten. Und über Karriereschritte entschieden eben oft Westdeutsche, weil sie an den Schaltstellen säßen.