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Übersicht Ein Kampf ohne Waffen

Von Alexander Landsberg | 11.11.2008, 09:56 Uhr

Windräder so weit das Auge reicht – in einigen Teilen Westmecklenburgs bestimmen bereits gewaltige Anlagen das Landschaftsbild, und es werden immer mehr. Auch für den Landkreis Ludwigslust werden Pläne geschmiedet.Während für Pächter das große Geld winkt, bleibt Anwohnern oft nur der Ärger: Schattenwurf, Geräusche und blinkende Masten sind nicht die einzigen Probleme. In den Gemeinden steht der soziale Frieden auf dem Spiel. Wie in Brunow in Mecklenburg, das gegen die Windkraft kämpft, und Pirow in der Prignitz, das den Kampf verloren hat.

Brunow - Wenn der Wind ungünstig steht, können sie in Brunow manchmal nicht schlafen. Dann hören sie in regelmäßigen Abständen dieses dumpfe Geräusch. Auch Lutz Lenthe hört es, und weiß auch woher es kommt. Vor den Toren der Gemeinde mit ihren 385 Einwohnern, auf der anderen Seite im Bundesland Brandenburg, erheben sich gleich mehrere Windparks. Schon von weitem sieht man die gewaltigen Rotoren am Horizont, die sich behaglich drehen und jede Minute Strom und damit auch Gewinne produzieren. Mit dem Zählen der Windräder kommt Lutz Lenthe, stellvertretender Bürgermeister von Brunow, gar nicht mehr nach. Es werden immer wieder neue aufgestellt. Und auch vor seiner Haustür, in Brunow sollen welche gebaut werden. „Das würde den Ort ruinieren“, so sagt er.
Fünf Gebiete im Kreis für Windkraft in Planung
Die Emotionen kochen hoch beim Thema Windkraft. Besonders, seitdem bekannt wurde, dass im Landkreis Ludwigslust gleich fünf neue Eignungsräume für Windenergieanlagen geplant sind. Nur dort dürfen Windanlagen entstehen. Bis 2010 soll der Plan alle Instanzen durchlaufen haben und Rechtskraft besitzen. Bis dahin wird abgewogen und abgestimmt und wieder neu geplant. Der Landkreis Ludwigslust scheint besonders prädestiniert, hier sollen mehr Gebiete „windtechnisch“ erschlossen werden als in jedem anderen Landkreis in Westmecklenburg, insgesamt rund 819 Hektar. „Allerdings nur, weil wir im Landkreis einen Nachholbedarf an Windeignungsgebieten haben“, argumentiert Guido Wiese, Mitarbeiter im Landratsamt. Mecklenburg-Vorpommern zählt zu den besten, da windstärksten und dünn besiedelten Standorten für Windkraft. Bis 2050 könnte das Land nach dem ehemaligen Umweltminister Wolfgang Methling sogar seinen gesamten Strombedarf durch regenerative Energie decken. Ein großer Teil davon soll Windkraft sein.
Auch die 119 Hektar große Fläche bei Brunow soll dazu beitragen. Als die Pläne 2007 in dem Ort und im Landkreis bekannt wurden, brach ein Sturm der Entrüstung los. 1000 Einsprüche gingen gegen das neue Raumordnungsprogramm ein. Allein 800 von ihnen richteten sich gegen die fünf neuen Eignungsgebiete für Windanlagen.
Brunow schmiegt sich an Ackerflächen und Wälder. Auf den Feldern blühen die letzten blauen Phacelia-Pflanzen. Ein tiefes Blau bis zum Horizont. Ein Meer. Brunow scheint darin eine Insel. Eine Insel im Meer der Windparks. Windräder nur wenige Meter vom Ort entfernt aber wollen sie nicht akzeptieren. In Brunow sind sie eine Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft mit Rissen, denn nicht alle wollen die Windgiganten verhindern. „Es gibt immer auch Befürworter der Anlagen oder Leute, denen der Bau schlicht egal ist“, sagt Lenthe.
2002 wurde der Ort prämiert und sogar als ein besonders schönes Dorf bundesweit mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Die Plakette ist gleich unter dem Ortseingangsschild angebracht. Stolz waren sie damals. Eine freiwillige Feuerwehr haben sie, mit 60 Mitgliedern und 24 Aktiven. Auch einen Landfrauenverein und eine Kirchgemeinde hat Brunow. „Aber die Schließung des Kindergartens hat uns schwer getroffen“, sagt Lutz Lenthe. Die Kinder hätten den Ort immer mit Leben erfüllt. Doch es wurden am Ende immer weniger. „Und mit dem Windpark vor der Tür werden es noch weniger“, sagt der stellvertretende Bürgermeister. Regionen mit Windrädern müssten mit einem drastischen Wertverlust der Grundstücke leben, argumentiert er. „Wer möchte schon ständig die lauten Geräusche und das Blinken ertragen, gar in solch einer Region sein Eigenheim bauen?“
Weit weg ist Ludwigslust. Im Landratsamt der Kreisstadt wurden alle Einsprüche gegen das Windkraftgebiet aufgenommen. Der Fachdienstleiter für Kreisentwicklung und Bildung, Dietmar Giersberg, kann nur mit den Schultern zucken. „Wir können noch keine Ergebnisse bekannt geben. Es ist ein laufendes Verfahren“, sagt er. „Aber wir werden uns die Argumente und Einsprüche ganz genau anschauen“, verspricht er.
Die Brunower haben kaum Geduld, bleiben dran, fragen auf jeder Sitzung der Gemeindevertretung, ob es Neuigkeiten gibt. „Wir müssen die Einwohner immer wieder vertrösten“, sagt Lutz Lenthe. Als Gemeinde hätten sie ohnehin kaum Einfluss auf die Entscheidung. „Das müssen Sie den Leuten erst einmal erklären“, sagt er. Hilflos, auch ein bisschen verzweifelt scheinen alle. „Wir sind gewählt von den Bürgern des Ortes und können ihnen dennoch nicht helfen.“ Der Kampf, den die Brunower kämpfen, ist einer ohne Waffen.
Eine Bürgerinitiative wie die der Redefiner mit dem treffenden Namen „Gegenwind“ zu gründen, haben sie überlegt. In Redefin ist ebenfalls ein Eignungsgebiet geplant, das mit mehr als 400 Hektar größte neue Eignungsgebiet im Landkreis. Die Initiative kämpft dagegen vehement, auch mit zahlreichen Protestaktion. Doch den Gedanken, es den Redefinern gleich zu tun, haben die Brunower schnell wieder verworfen. „Die klagen doch nur und jeder erzählt wie sehr die Windräder stören, doch für uns relevante Argumente haben sie nicht gebracht“, erzählt Lenthe. Pragmatisch ist er, der Landwirt. „Wir brauchen Fakten.“ Deshalb schrieben sie einen Brief. Bürgermeisterin Heike Bartczak argumentiert darin unter anderem auch mit der ökologischen Bedeutung der Region. Im Jahr 2000 wurde fast die gesamte Region als EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Außer einem kleinen Streifen. Jenem Streifen, auf dem jetzt die neuen Windanlagen geplant sind. Mehr können sie nicht machen.
Der Antrag, das Vogelschutzgebiet auf den Streifen auszuweiten, wurde mittlerweile abgelehnt. Ein großer Rückschlag. Sie hätten noch nicht einmal eine Antwort bekommen, sagt die Bürgermeisterin.
Bis zu 20 000 Euro pro Windrad im Jahr
Helge Dieckmann ist Geschäftsführer der Agrargenossenschaft, des größten Betriebes, und jemand, dessen Wort Gewicht hat. Sein Betrieb bewirtschaftet rund 80 der 118 Hektar des möglichen Windeignungsgebietes. Seit 2007, seit dem der erste Entwurf des Raumordnungsplanes bekannt wurde, rennen ihm die Windkraftunternehmen die Türen ein. „Aus ganz Deutschland sind die Interessenten“, sagt er und hat mittlerweile aufgehört zu zählen. Die Agrargenossenschaft hat weit über 2010 hinaus Pachtverträge mit den Eigentümern. An einer Zustimmung der Genossenschaft zum Bau von Windrädern kommen die Unternehmen deshalb kaum vorbei. Genauso wenig an einer Zustimmung der Eigentümer. Und diese Zustimmung wird im Notfall erkauft. Mit tausenden Euros. Bis zur 20 000 Euro seien im Gespräch, pro Anlage und Jahr, erzählt Dieckmann. „Dabei sind wir Bauern und wollen nur unsere Felder bestellen“, sagt er. Er würde lediglich ein Ausfallentgelt für die Flächen bekommen, auf denen die Windräder stünden, auf denen er keine Feldfrüchte mehr anbauen kann. „Verhindern können wir die Räder wohl nicht mehr“, glaubt er, der Landwirt, der in Brunows Ortsteil Klüß lebt. Der Druck der Unternehmen ist gewaltig. Vorverträge und Rechte zu sichern gilt es. Goldgräberstimmung in Brunow und Redefin.
Zwei Millionen garantierte Einnahmen pro Rad und Jahr
Das Geschäft mit der Windenergie boomt seit Jahren. Im nächsten Jahr erhalten Betreiber noch mehr garantiertes Geld. 9,2 Cent sind das je Kilowattstunde. Ein durchschnittliches Windrad kann so im Jahr Einnahmen von mehr als zwei Millionen Euro erwirtschaften. Und die Windanlagen werden immer größer, produzieren immer mehr Strom, immer mehr Gewinne. Bis zu 180 Meter reichen die Riesen mit der Rotorspitze mittlerweile in den Himmel. Diese Dimensionen sind es, die auch die Brunower fürchten, die ihren Ort endgültig zum Spielball der Windkraftindustrie und einer traumhaften Rendite machen. Lukrativ für die glücklichen Eigentümer der Flächen, gut für eine nachhaltige Energiepolitik, doch ein Graus für die Anwohner.
Wenn Lutz Lenthe im Sommer an einem Teich angeln geht, ist die Welt in Ordnung. Bis spät abends sitzt er dann und wartet. Geduld hat er, Zeit zum Nachdenken. Aber selbst dort lassen ihn die Windräder nicht los. Von weitem sieht er die rot blinkenden Signallichter der vielen Windräder in Brandenburg. Wie es ausgeht? – „Das kann ich nicht sagen“. Er hofft, doch die Zweifel, den Kampf zu verlieren