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Biestow: Kompetenztraining - Berufliche Schule Wirtschaft Ein Gespür für Pferde und sich selbst

Von Jenny Pfeifer | 12.09.2011, 12:06 Uhr

Ohne Strick und ohne Zügel - nur mit ihrem Körper und Geist soll Gesine Schlag Pony Prydi dazu bringen, ihr bedingungslos zu folgen.

Ohne Strick und ohne Zügel - nur mit ihrem Körper und Geist soll Gesine Schlag Pony Prydi dazu bringen, ihr bedingungslos zu folgen. Für die 17-Jährige hört sich das recht einfach an. Doch im direkten Kontakt mit dem Pferd muss sie feststellen, dass die Islandstute ihren ganz eigenen Kopf hat. Mit liebevollen Streicheleinheiten und säuselnden Worten kommt Gesine bei der eigensinnigen Prydi nicht weit. Da muss sich die Auszubildende zur Gesundheitskauffrau schon etwas einfallen lassen. Obwohl bei der Übung mit Pony Prydi eine Menge Spaß dabei ist, hat sie doch eine ganz ernste Bewandtnis für die junge Auszubildende.

Die Aufgabe mit dem Pferd gehört zu einem so genannten Kompetenztraining. Das bietet die Berufliche Schule Wirtschaft zum ersten Mal für einige Lehrlinge an. Die Jugendlichen erfahren im Kontakt mit den Tieren, über welche Charaktereigenschaften sie verfügen und was sie verbessern könnten. "Die Schüler sollen herausfinden, was sie für eine Persönlichkeit haben", sagt Sozialpädagogin Bettina Marquardt. Sie sollen sich über ihren Führungsstil bewusst werden. "Und das geht am besten mit dem Training im Freien. Im Vergleich zum Unterricht im Klassenraum bleibt für die Schüler so einfach mehr hängen", sagt sie. Ob Gesine Schlag den Mut hat, Prydi zu leiten oder ob sie ihr die Führung überlässt, wird die Auszubildende gleich wissen.

Unter Aufsicht und Anleitung von Sozialpädagogin Bettina Marquardt sowie Coach für Personalvermittlung Karolin Giese und Kompetenztrainerin Katja Wöltje trauen sich die elf Schüler an die Islandponys heran. Für das Training hat Pferdehalterin Wöltje ihre drei Ponys mit den typisch isländischen Namen Prydi, Frodi und Trollcon zur Verfügung gestellt. Gesine wagt den Versuch als Erste. Vorsichtigen Schrittes nähert sie sich der dunkelbraunen Stute. Sie fasst den am Halfter befestigten Strick und führt die Ponydame durch einen Hindernisparcours. "Pferde fühlen es, wenn man Angst hat", sagt Gesine. Und so merkt auch Prydi, dass die 17-Jährige noch etwas schüchtern in der Führung ist. Mit zaghaften Bewegungen und nur leichtem Ziehen will Gesine die Stute in Bewegung bringen. Erst nach einigem Zögern schafft sie es, Prydi zu bewegen und sie im Zickzack, an den Kegeln vorbei und über die am Boden liegenden Hindernisse zu leiten.

"Richtig schwierig wird der Parcours für die Schüler aber erst ohne Führstrick", sagt Sozialpädagogin Marquardt. Dann begleiten die Schüler das Pferd fast völlig ohne Berührungen. Nur mit ihrer Körperhaltung und Gestik bestimmen die Lehrlinge, ob das Pony mit ihnen geht oder seinen eigenen Willen durchsetzt. Gesine versucht es zuerst auf die freundschaftliche Art. Ein paar Streicheleinheiten am Hals und ein zaghaftes "Na komm". Prydi fühlt sich davon gar nicht beeindruckt und konzentriert sich lieber auf das frische Gras. Erst nach mehrmaligem Packen am Halfter reagiert der dunkle Schecke und folgt der angehenden Kauffrau. "Das ist gar nicht so einfach. Erst wenn ich mir Respekt verschaffe, kommt Prydi mit mir mit", sagt Gesine. Überrascht von ihrem Erfolg ist auch die ängstliche Auszubildende Anastasia Berberich. Erst wollte sie Pony Trollcon nicht zu nahe kommen und dann folgt ihr der Dickkopf doch auf Schritt und Tritt. Ihr Geheimnis: Einfach mit etwas Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen geradeaus gehen und sich nicht nach dem Pony umdrehen. So merkt Trollcon, dass er Anastasia zu gehorchen hat.

Bei Tommy Baaske klappt es hingegen nicht so gut. Viel zu lieb und zu rücksichtsvoll ist er mit Frodi und lässt ihn machen, was er will. Obwohl der erste Versuch im Umgang mit dem Pferd nicht bei jedem gelingt, hat das Training für die Lehrlinge viel Aufschluss über ihre eigene Persönlichkeit gegeben. "Ich habe gelernt, dass ich erst Kontakt zu jemanden aufnehmen muss, ohne vorschnell zu reagieren", so Gesine Schlag. Auch die Pferde handeln erst, nachdem sie einen Menschen kennengelernt haben. Bei ihrer praktischen Arbeit am Universitätsklinikum in Gehlsdorf darf Gesine auch keine voreiligen Schlüsse ziehen.