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Video: Joachim Gauck in MV Der Präsident sagt Tschüss

Von Frank Pfaff | 15.03.2017, 20:45 Uhr

Joachim Gauck auf Abschiedstournee in Mecklenburg-Vorpommern

Auch zum Ende seiner Amtszeit gibt sich Joachim Gauck als Bürgerpräsident. Bereitwillig drückt er in einer Wismarer Ladenstraße die Hände von Passanten, gibt ein Autogramm „für den Schwiegersohn“, lächelt für ein Selfie in die Smartphone-Kamera und dirigiert Schulklassen zum gemeinsamen Gruppenfoto.

Die eintägige, randvoll mit Terminen gefüllte Visite gestern in seinem Heimatland Mecklenburg-Vorpommern ist Gaucks letzter offizieller Besuchstermin als Bundespräsident. „Morgen wird das Büro aufgeräumt. Am Freitag gibt es den Großen Zapfenstreich zur Verabschiedung. Und dann fällt der Hammer“, berichtet Gauck im Gespräch mit einer Passantin am Markt von Wismar.

 

Am Sonntag übernimmt in Berlin der frühere Außenminister Frank-Walter Steinmeier das höchste deutsche Staatsamt. Seinem in Konfliktbewältigung erfahrenen Nachfolger überlässt Gauck dann auch Antworten auf Fragen zu aktuellen Entwicklungen wie dem weltweit grassierenden Nationalismus.

Joachim Gaucks Beziehung zu MV

„Meine Seele ist mecklenburgisch geblieben“

Meinung – THVO
Beim ersten offiziellen Staatsbesuch des Bundespräsidenten Joachim Gauck in Mecklenburg-Vorpommern im Mai 2013 scheute die Schweriner Staatskanzlei weder Mühen noch Kosten. Ein roter Teppich war extra für das Staatsoberhaupt und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt angeschafft und ausgerollt worden. Eine Ehre, die selbst königlichen Staatsgästen bis dahin versagt geblieben war.

Gauck zeigte sich gerührt. „Meine Seele ist mecklenburgisch geblieben“, sagte der Bundespräsident damals im Landtag. Da lebte der einstige Rostocker Pfarrer bereits mehr als zwei Jahrzehnte in Berlin. Am 18. März 2012 war er zum elften Bundespräsidenten gewählt worden.

Joachim Gauck und Mecklenburg-Vorpommern – eine besondere Beziehung. Am 24. Januar 1940 wurde der Sohn eines Kapitäns in Rostock geboren. Die ersten fünf Jahre lebte er gemeinsam mit seiner Mutter Olga Gauck und den Geschwistern Marianne, Sabine und Eckart bei der Oma in Wustrow auf dem Fischland. Der Vater war während des Krieges bei der Marine.

In dem 1936 gebauten dreistöckigen Reetdachhaus der Oma gleich hinter dem Deich macht Joachim Gauck heute noch in jedem Sommer Urlaub. Das Haus hat drei Ferienwohnungen, die von Schwester Marianne verwaltet werden.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges zog Familie Gauck zu den Großeltern mütterlicherseits nach Rostock. In der Hansestadt machte Gauck seine Schulausbildung, unter anderem an der Goetheschule. Nach dem Theologiestudium in Rostock wurde er Pastor unter anderem in Rostock-Evershagen. In der Wende schloss er sich der Bürgerbewegung in Rostock an. Den Untergang der DDR und die Wiedervereinigung erlebte er in Rostock und in Berlin. Die Ereignisse prägten sein weiteres Leben. Am 2. Januar 1992 wurde er offiziell der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

Sieben Mal war der 77-Jährige als Bundespräsident in Mecklenburg-Vorpommern als Staatsgast. Noch vor seinem offiziellen Antrittsbesuch in Schwerin sprach Gauck im August 2012 auf der Gedenkveranstaltung zu den fremdenfeindlichen Ausschreitungen von 1992 in Rostock-Lichtenhagen. Eindringlich warb er dabei für eine wehrhafte Demokratie.

Auch seine letzte Reise als Bundespräsident führt ihn wieder nach Mecklenburg-Vorpommern. Am 17. März wird er aus dem Amt ausscheiden.
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Erinnerungen an Gauck

Herr Ebel harkt

Meinung – Sebastian Schramm
Dabei harkt Ebel gar nicht. Er sticht in den Boden, immer wieder. Als wolle er seinen Worten Nachdruck verleihen. Traurig sei er, dass Joachim Gauck in ein paar Tagen das Amt des Bundespräsidenten niederlegt. Gaucks Biografie, Gaucks Toleranz, das Gespür für Probleme in Deutschland: Vielleicht gab es seit Roman Herzog keinen so prägenden Präsidenten, sagt er.

Jeden Mittwochvormittag ist Ebel auf dem St. Marien-Kirchhof in Wismar. Zusammen mit anderen Rentnern kümmert er sich um die Grünanlagen rund um die Marienkirche. Zurzeit meist Unkraut beseitigen. Dass Gauck in ein paar Minuten mit großem Gefolge nur wenige Meter an ihm vorbeigehen wird, ja, davon habe er gehört. Sei ihm aber nicht wichtig. Zu ihm komme er sowieso nicht.

Ebel fängt wieder an zu harken und packt Gestrüpp in einen Metalleimer. Dann hört er auf. Ebel sticht wieder in den Boden. „Auch der Steinmeier wird das schon machen. Aber wir leben in unruhigen Zeiten. Diese Populisten...“, sagt er. Ebel will weiter erzählen, aber dann wischt er mit der rechten Hand durch die Luft. Zu denen will er sich dann lieber nicht äußern. Es sei ein Glück, findet Ebel, dass die in Deutschland nichts zu sagen haben. Amerika sei das warnende Beispiel. „Trump, der müsste einen Tag nach dem anderen zurücktreten.“

Groß geworden ist Ebel in der DDR. Er studierte in Wismar, Schiffsmaschinenbau. Später fuhr er als Ingenieur zur See. Einmal war er in Liverpool, noch zu Ost-Zeiten, auf dem Schiff „Frieden“ zusammen mit seiner Frau. Irgendwie schaffte es der Kapitän, sie an Land zu bringen. Dabei hatten sie keine Visa. Der Kapitän organisierte sogar ordentlichen Schnaps. Aber das ist lange her. Ebel ist 81 Jahre alt. „Damals freute man sich noch anders über die Dinge. Heute ist so etwas selbstverständlich. Ich habe den Krieg noch in Teilen erlebt. Europa darf nicht auseinanderbrechen! Uns geht es so gut!“ Er stößt mit der Harke auf den mittlerweile vom Unkraut befreiten Boden.

Ein Foto von sich will Günter Ebel lieber nicht in der Zeitung sehen. Bei so einem Thema muss es nicht sein. Aber die Frage nach Joachim Gauck habe er ja beantwortet, auch zum Abschluss gerne nochmal. „Schade, dass er weg ist.“ Ebel nimmt den Mülleimer, geht zum nächsten Beet und harkt. Das Unkraut muss weg. Er merkt nicht, dass Gauck schon auf dem St. Marien-Kirchhof ist.
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Dabei böte der Besuch in Wismar, Greifswald und Stralsund, drei alten Hansestädten, eine schöne Brücke zu den Vorzügen von freiem Handel und Wandel. Und auch in den Niederlanden, wo gestern unter anderem der Rechtspopulist Geert Wilders zur Wahl antrat, war der hansische Bund der Kaufleute im Mittelalter schon recht aktiv. Das sei nicht das Thema der Reise durch Mecklenburg-Vorpommern, gibt es als Antwort.Das Thema ist bürgerschaftliches Engagement. Dafür hatte Gauck nach seinem Amtsantritt eine eigene Besuchsreihe initiiert: „Verantwortung vor Ort - Engagement in den Kommunen“. Quer durchs Bundesgebiet besuchte er kleinere und größere Orte, um sich über die Herausforderungen dort zu informieren und gleichzeitig das Engagement von Bürgern und Kommunalpolitikern zu würdigen.

Das tut er auch in Wismar, wo Bürgermeister Thomas Beyer (SPD) stolz auf die Erfolge bei der Altstadtsanierung verweist. Seit 2002 steht die Stadt zusammen mit Stralsund auf der Welterbeliste der Unesco.

Die jährliche Besucherzahl habe sich seither verfünffacht, hört Gauck und erfährt gleich darauf selbst, wie sich das wachsende Interesse an der Stadt zeigt. In kurzer Folge wird er von Touristen aus Baden-Württemberg und Hamburg angesprochen, die sich nur lobend über ihr Urlaubsziel äußern. Für Gauck Beleg, dass sich zielgerichtete Kommunalpolitik und bürgerschaftliches Engagement stets auszahlen. „Ich freue mich immer wieder, wenn ich auf eine aktive Bürgerschaft treffe. Und das ist hier besonders großartig vertreten“, bescheinigt der 77-Jährige den Wismarern. Bei vielen solcher Begegnungen sei ihm im Laufe seiner fünfjährigen Amtszeit bewusst geworden: „Dieses Land ist durchzogen von einem Netzwerk der Guten“, sagt Gauck.Dies werde allerdings häufig von Berichten darüber überlagert, wo es nicht klappt, wo es Ärger gibt, Verdruss, Verbrechen und Versagen.„Das Schöne an diesem Bundespräsidentenamt ist, dass man dieses andere, dieses funktionierende, dieses gute, engagierte Deutschland kennenlernen kann“, hebt Gauck hervor. Er habe auch Königinnen getroffen. „Ja gut, das ist auch interessant.“ Aber für seine Lebenspartnerin Daniela Schadt und ihn seien Begegnungen mit engagierten Bürgern das Schönste gewesen an der Präsidentschaft. „Das, denke ich, werde ich am ehesten vermissen“, sagt Gauck und erinnert daran, dass ihm als gebürtigem Rostocker der Weg in das Staatsamt alles andere als vorgezeichnet war. So manches „Ossigewächs“ habe sich nach dem Herbst 1989 neu orientieren müssen. „Und manchmal ging die Entwicklung in erstaunliche Richtungen“, sagt Gauck, ohne weitere Namen zu nennen.Vor dem nun folgenden Ruhestand sei ihm nicht bang. „Ich bleibe in Berlin, weil ich wahrscheinlich noch an diesen oder jenen Stellen in Deutschland gefragt sein werde. Und da ist es logistisch einfacher, von Berlin aus zu reisen“, gibt Gauck Einblick in seine Pläne. Nach Mecklenburg-Vorpommern wolle er auch wieder häufiger kommen. In der Nähe seiner Heimatstadt Rostock, auf dem Fischland, hat die Familie ein altes, reetgedecktes Ferienhaus: „Dort wird man mich dann öfter treffen.“