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Wilhelm Barow hat sich vor 20 Jahren ein eigenes Geschütz gebaut Der Kanonier von Wittenberge

Von Barbara Haak | 31.12.2010, 03:07 Uhr

Wilhelm Barow darf auch in den nächsten fünf Jahren böllern. Das ist jetzt amtlich bestätigt. Der Elbestädter gehört einer heute ganz seltenen Spezies an: Er ist Kanonier.

Und auch in Besitz der fürs Feuern benötigten Waffe. Barow hat eine eigene Kanone. Er hat das Geschütz Anfang der 90er Jahre sogar selbst gebaut. Ein Liebhaberstück ist die Kanone für Wilhelm Barow, aber das Spielzeug eines Hobbyisten ist es keinesfalls, sagt der Wittenberger. Als Kanonier muss er sich an strenge Regeln halten. Wenn er wie beim Schützenfest in diesem Jahr mit Böllerschüssen am Kulturhaus standesgemäß auf den Umzug einstimmt, dann bedarf es einer behördlichen Genehmigung. Um die Kanone überhaupt abfeuern zu können, muss das Geschütz einen aktuellen TÜV haben. Und der ist nicht so einfach zu erlangen. Im November fuhr Barow mit seiner Kanone Richtung Kiel. "Das Dreifache jener Pulvermenge, wie sie für Böllerschüsse benötigt wird, und Stahlschrott kamen ins Rohr. Die Kanone war Richtung Ostsee gerichtet, als das Gemisch gezündet wurde. "Alles ist in Ordnung", stellt der Kanonier fast lakonisch fest. Nein, aufgeregt war er bei dieser Überprüfung nicht, fährt er fort, schließlich war es nicht der erste Kanonen-TÜV. Das zumindest für den Laien Kuriose: Diese Art Kanonen-TÜV gilt nur für Böllerschüsse. "Die Genehmigung zum Scharfschießen habe ich schon nach Fertigstellung für meine Kanone erlangt. Sie ist zeitlich unbegrenzt."

Zwischen der Genehmigung zum Scharfschießen und der Möglichkeit, wirklich einmal eine Kugel abzufeuern, liegen Welten. Barow kann ein Lied davon singen und meint damit nicht den persönlichen Eignungsnachweis, den er als Kanonier auch erbringen musste. "Es gibt kaum Gelegenheit", sagt Barow bedauernd. "Der Aufwand ist einfach zu groß. Es muss ein entsprechender Platz da sein und es muss sich ein Verein finden, der das Schießen ausrichtet." Vor vier Jahren hatte Barow das letzte Mal die Gelegenheit, aus dem 70-Millimeter-Rohr seiner Kanone eine Kugel abzufeuern. "20 Kanonen mit ihren Kanonieren und Helfern waren zugelassen. Ich hatte das Glück, dabei zu sein", erinnert sich der Wittenberger Kanonier und erzählt, wie er und die anderen ihre Lafette in die richtige Position schoben, die Rohre ausrichteten. 100 Meter entfernt standen die Scheiben, die erstens getroffen und zweitens mit einer möglichst hohe Ringzahl durchschlagen werden sollten. Allein das Ausrichten der Kanonen sei eine Kunst, besonders bei jenen Geschützen, die durch den Rückstoß nach dem Feuern aus der Position geworfen werden. Barow feuert mit so genannten Dreipfündern, die in Wirklichkeit aber etwas über 1600 Gramm wiegen.

"Anfangs konnte ich die Kugeln noch selber gießen, habe dafür beispielsweise alte Bleirohre verwendet." Die Zeiten sind vorbei. Kanonenkugeln der Neuzeit stehen unter strenger Beobachtung der Umweltschützer, soll heißen, statt Blei werden die Dreipfünder aus einem Stahl-Aluminium-Gemisch gegossen. "Das kann man nicht mehr selber machen."

Wilhelm Barow ist Mitglied der Schützengilde, weiß mit Gewehren umzugehen, weiß eine Menge über Wieder- und Vorderlader. Als Kanonier ist er ein Einzelkämpfer - auch im Verein. Wieso ihn gerade das große Geschütz so fasziniert, könne er nicht genau sagen. Die Technik begeistere ihn. Kanonen seien eben etwas Besonderes. Das Rohr seines Geschützes und damit die eigentliche Seele der Kanone hat er gleich nach der Wende unter fast abenteuerlichen Umständen im Süden der alten DDR gekauft. Die Lafette hat er selbst konstruiert und gebaut. Barow hat allen Grund, darauf Stolz zu sein, die Kanone tut seit fast 20 Jahren ihren Dienst und ist mit Sicherheit zum nächsten großen Salutschießen wieder zu erleben.