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Wilder Osten Der Herr der Mythen

Von Holger Kankel; | 30.03.2012, 12:15 Uhr

Wenn Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, wenn Hadschi Halef Omar und Winnetou nicht wollen, dass man sie findet, dann findet man sie auch nicht.

Das weiß jeder, der mit ihnen durch die Wüste, durchs wilde Kurdistan, an den Silbersee und in den dark and bloody grounds geritten ist. Darauf würde ich meine Silberbüchse verwetten - wenn ich eine hätte.

Erst recht wird ein Mann, der im wahren Leben schlicht Karl May hieß, aber schon als junger Volksschullehrer im unfreiwilligen Ruhestand als Augenarzt Doktor Heilig oder Polizeileutnant von Wolframsdorf kleinkriminelle Gestalten schuf, die ihm verdammt ähnlich sahen, genug Fantasie aufbringen können, um seine Spuren im wilden deutschen Osten zu verwischen.

Aber wir haben ihn gut gelesen, wir kennen alle seine Tricks, und so haben wir ihn schließlich doch noch gefunden, den kleinen, genialen Erzähler, fern seiner sächsischen Heimat - in einem alten vorpommerschen Gutshaus und in der lieblichen Prignitz am Elbestrom.

Popstar der Abenteuerliteratur

Doch schleichen wir uns langsam heran. Fragen wir jemanden, der Karl May in Leidenschaft zugetan ist - als Leser und Forscher. Der Berliner Literaturwissenschaftler Dr. Thomas Kramer, Sachse wie der große Spinner aus Ernstthal, überlegt einmal und dann noch einmal: Nein, Karl May durchstreifte nie die Mecklenburgische Prärie, auch die Kapitäne in seinen Geschichten kamen wohl immer aus Bremen oder Hamburg.

Kramer hat gerade eine Karl-May-Biografie herausgebracht. Obwohl sein Landsmann bereits vor 100 Jahren in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist und eigentlich alles über diesen Autor gesagt zu sein scheint, der sich schon damals als eine Art Popstar der Abenteuerliteratur selbst zur Marke stilisierte, zeichnet Kramer in seinem Buch das Porträt eines Schriftstellers, der viel mehr war als ein Verfasser simpler Jungsgeschichten. "Seine Bilder über den Nahen Osten sind aktueller denn je. Kurdistan, Darfur, Irak. Das finden wir alles schon in Büchern wie ,Der Mahdi. Die Qualität der Waffen ist eine andere, aber die Kriege und Konflikte gleichen sich. Nur die Ignoranz des Westens ist unverändert." Kramer erinnert auch an die toleranten, humanistischen Tendenzen in Mays Werk. Würde sich heute jemand einen gemeinsamen Gottesdienst von Moslems, Christen, Schiiten und Sunniten ausdenken, wie ihn May alias Kara Ben Nemsi in dem Roman "Durchs wilde Kurdistan" abgehalten hat, er müsste Personenschutz beantragen.

Ob Karl May in 50 oder 100 Jahren noch gelesen wird, darüber will Thomas Kramer nicht spekulieren. Zumindest dem Spätwerk rechnet er einige Chancen aus. Da erweist sich May als "großer Mythenschöpfer", dessen Werke sich mit Epen wie "Der Herr der Ringe" oder den "Star Wars"-Geschichten messen können, so Kramer. "Da wimmelt es von Hobbitfiguren und weißen Orakelfrauen, und es gibt fantastische Welten, die an das Auenland erinnern." Allerdings dürfte man diese späten Bücher nicht weiter in den so langweilig einheitsgrünen Bänden herausgeben, die keinen Unterschied machen zwischen den frühen Kolportageschichten à la "Waldröschen" und den späten Werken wie "Im Reiche des silbernen Löwen" oder "Ardistan und Dschinnistan".

Da uns nun die Wissenschaft alleingelassen hat, müssen wir weitersuchen. Und werden fündig in Erich Loests Karl-May-Roman "Swallow, mein wackerer Mustang" aus dem Jahr 1980. Ein spannendes Buch, das uns in den Alltag Karl Mays mit seinen "Dämonen" eintauchen lässt. Erst als Karl May im fortgeschrittenen Alter dem Freiburger Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld begegnet, der Mays bis dahin im Akkord geschriebenen Geschichten als Bücher herausgibt, wendet sich sein Lebensglück. Er wird reich, berühmt und geachtet. Dieser Verleger verstand sein Handwerk, in der Familie Fehsenfeld verkehrten immerhin Autoren wie Gustav Freytag - und Fritz Reuter. Womit wir eine, wenn auch vorerst flüchtige Verbindungslinie Karl Mays in den Norden ziehen können.

"Sieg, großer Sieg!"

Unübersehbar wird diese Spur dann in der Prignitz, die Karl May im Mai 1898 besuchte, als er für ein Theaterstück über den Fürsten von Anhalt-Dessau, den "Alten Dessauer", recherchierte, wie die Prignitzer Historikerin Kerstin Beck in einem soeben erschienenen Buch schreibt. Er kam mit dem Zug aus Dessau, stieg in Lanz und Lenzen aus, wo er auf den Spuren von Turnvater Jahn wandelte und speiste wohl in Lenzen in einem Gasthof, bevor er dann über die Elbe nach Gartow reiste. Auf dieser Reise prahlte er in Stammtischrunden mit seinen Abenteuern und zeigte, als man zweifelte, sogar einem Arzt die Narben eines Kampfes mit einem amerikanischen Puma. Denn er hatte ja alle seine Abenteuer angeblich selbst erlebt. Er war ja Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi… Auch war er auf dieser Reise sehr freigebig, mal schenkte er einem Krankenhaus 1000 Mark, mal gab er einem armen Mädchen Geld für den Einkauf. Daraufhin wurde er kurz verhaftet, weil den Polizisten so viel Spendierlaune nicht geheuer war. Aber nach einer Depesche aus Dresden konnte dieses Missverständnis schnell aus der Welt geschafft werden.

Einen großen Film über Karl May hat Hans-Jürgen Syberberg 1975 gedreht. Der Regisseur lebt heute wieder im Gutshaus seiner Eltern in Nossendorf bei Demmin, womit wir unsere Spurensuche für heute beenden wollen. Das zerfallene Haus wieder aufzubauen, auch gegen den Willen der misstrauischen Ureinwohner, sagt Syberberg, hatte fast die Dimension eines Old Shatterhand-Kampfes.

Im Zentrum seines Films stehen Mays letzte Jahre, die von endlosen Gerichtsprozessen um Urheberrechte und Betrugsvorwürfe verdüstert waren. Syberberg malt nicht das Porträt des eitlen Bestsellerproduzenten, der auf Autogrammkarten als Kara Ben Nemsi posierte, sondern das eines Kindes, das für Kinder schrieb. Eines sensiblen Märchenerzählers, der in Tränen ausbrach, als er den Tod Hadschis niederschrieb. Einer gefangenen Seele, die sich freigeschrieben hatte. Karl May war, lässt Syberberg einen Richter in einem Schlusswort sagen, der letzte Großmystiker seiner Zeit. Karl Mays letzte Worte auf dem Sterbebett: "Sieg, großer Sieg!"