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Greifswald: Kuwert erforscht Vergewaltigungen durch alliierte Truppen Der Ent-Tabuisierer

Von Anke Lübbert, epd | 28.10.2011, 11:10 Uhr

Kuwert startete seine Studie noch rechtzeitig. Zwei Millionen Frauen wurden 1945 beim Einmarsch der alliierten Truppen in Deutschland vergewaltigt. Auf seinen Aufruf meldeten sich nur noch wenige Betroffene.

Philipp Kuwert startete seine Studie gerade noch rechtzeitig. Knapp zwei Millionen Frauen wurden 1945 beim Einmarsch der alliierten Truppen und während der anschließenden Besatzungszeit in Deutschland vergewaltigt. Kuwert ist Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Greifswalder Universität und wollte herausfinden, wie sehr die Frauen 60 Jahre später noch unter dem Erlebten litten.

Auf seinen Aufruf meldeten sich nur noch wenige Betroffene. 27 Frauen, die meisten weit über 80 Jahre alt, nahmen schließlich an den Interviews teil. "Es war sicher die allerletzte Chance, eine empirische Studie über die Traumatisierungen der vergewaltigten Frauen des Zweiten Weltkriegs zu machen", so Kuwert, der die Ergebnisse nun der Öffentlichkeit vorstellt.

Die Studie des 42-jährigen Wissenschaftlers ist bisher die einzige, die Langzeitüberlebende von Vergewaltigungen in den Mittelpunkt stellt. Sie ist ein Nachweis für den verheerenden Schaden, den sexuelle Gewalt in der menschlichen Seele anrichtet.

Knapp die Hälfte der 27 Teilnehmerinnen leidet noch heute an Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung, bei 19 Prozent der Frauen konnten die Forscher das Vollbild der Störung ausmachen.

Die Frauen haben mit Flashbacks, Konzentrations-, Angst- und Schlafstörungen zu kämpfen. Viele von ihnen hatten nie ein normales Sexualleben, blieben unverheiratet und konnten keine Kinder bekommen.

Außer der erlittenen Vergewaltigung mussten fast alle noch die ganz "normalen" Schrecken des Krieges verarbeiten. Sie hungerten und hatten Durst, sahen tote und verstümmelte Körper, mussten miterleben wie andere Menschen starben, gefoltert oder vergewaltigt wurden, erlebten Bombenangriffe und flohen aus ihrer Heimat.

Die Erzählungen der Frauen füllen viele Tonbänder und sollen nun Geisteswissenschaftlern der Universität Greifswald für weitere Forschungen zur Verfügung stehen. Obwohl nur ein kleiner Teil der Betroffenen noch am Leben ist, sieht Kuwert die Studie auch als Chance, den Frauen etwas von der sozialen Anerkennung zu geben, die ihnen bisher verwehrt wurde. Ein großer Teil der Vergewaltigungen wurde von russischen Soldaten begangen, in der DDR wurde Kritik am "Großen Bruder" jedoch nicht geduldet. Auch in der Bundesrepublik galten die Besatzer als Befreier. Wer über die Vergehen der Soldaten sprechen wollte, rückte sich politisch schnell an den rechten Rand. Auch heute noch ist es schwierig, deutschen Opfern in der Öffentlichkeit Gewicht zu verleihen, ohne in der revanchistischen Ecke zu landen. Unter 200 Briefen und E-Mails, die Kuwert und seine Mitarbeiter als Rückmeldung bekamen, war neben Post von Betroffenen und deren Angehörigen auch das Aboangebot einer Tageszeitung aus dem rechten Spektrum. Auch die Betreiber von rechtsextremen Homepages verlinkten auf die Studie.

Kuwert erachtet das Gedenken an die massenhaften Vergewaltigungen als "wichtig für eine differenzierte Erinnerungskultur". "Warum gibt es eigentlich in Berlin noch kein Mahnmal für die Betroffenen", fragt er. Die Studienergebnisse will er jedoch vor allem als Handlungsaufforderung im medizinischen Bereich verstanden wissen.

Ende der Woche reist er zu einer internationalen Tagung des Osloer Friedensforschungsinstituts. "Eine bittere Lektion, aus der wir für die heutigen Konflikte lernen können", ist der Titel seines Konferenzbeitrags. Angesichts der psychischen Beeinträchtigung der Langzeitüberlebenden seiner Studie sucht Kuwert nach Partnern, um medizinische und psychiatrische Hilfsangebote zu entwickeln und das Leiden der Frauen in aktuellen Kriegsgebieten wie Sierra Leone, Liberia oder Libyen zu thematisieren.

Auf der Konferenz in Oslo geht es neben Kriegsvergewaltigungen auch um "children born of war", Kinder, die aus Vergewaltigungen oder Beziehungen zwischen einheimischen Frauen und fremden Soldaten hervorgegangen sind. "Ihre Herkunft ist für die meisten Betroffenen tabuisiert, sie brauchen dringend Hilfe", sagt Kuwert. Er widmet sich gern den Themen, die noch keinen Platz in der Öffentlichkeit gefunden haben. Im Anschluss an die traumatisierten Frauen will er nun das Schicksal der tabubesetzten Kriegs- oder auch "Russenkinder" an die Öffentlichkeit holen. Die neue Studie soll 2012 starten. Betroffene, die bereit sind, ein Interview zu geben, können sich ab sofort melden unter: kuwert@uni-greifswald.de