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Mecklenburg-Vorpommern Depressiv in die Frührente?

Von chrs | 17.10.2011, 07:19 Uhr

Immer häufiger sind psychische Leiden der Grund für den unfreiwilligen vorzeitigen Ausstieg aus dem Berufsleben.

Von 180 752 Frührentnern waren im vergangenen Jahr 70 946 wegen psychischer Störungen in den Ruhestand gegangen. Depressionen, Angststörungen - der Anteil von Arbeitnehmern mit solchen und verwandten Diagnosen lag mit 39,3 Prozent an den vorzeitig Ausgeschiedenen so hoch wie nie. „Alarmierend“ findet die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher die Zahlen der Rentenversicherung. Zwar liegt die Zahl der Frührentner insgesamt weit unter dem Niveau noch der achtziger und neunziger Jahre. Doch die Betroffenen gehen immer früher in Rente. 1980 waren die berufsunfähigen Neurentner im Schnitt 56 Jahre alt, 2010 waren sie etwas über 50 Jahre. Wer mit psychischen Störungen in den vorzeitigen Ruhestand geht, ist noch jünger: 48,3 Jahre im Schnitt. Waren früher Probleme mit Skelett und Muskeln Grund Nummer Eins für die Frührente, so sind es längst die psychischen Erkrankungen. Bei der Rentenversicherung geht man davon aus, dass psychische Störungen nicht in dem Maße zugenommen haben, wie der Zahlenanstieg vermuten lässt, sondern dass sie auch häufiger diagnostiziert werden als früher. Es werde über das Thema „offener geredet und deshalb diagnostizieren Ärzte jetzt eher psychische Ursachen von Leiden“, vermutet Axel Reimann, Direktoriumsmitglied der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV). Allerdings sei auch festzustellen, dass körperliche Belastung im Job tendenziell abnehme, die psychische Belastung hingegen zu. Jede zweite Frau, die vorzeitig in Rente geht und jeder dritte männliche Frührentner sind betroffen, gehen wegen psychischer Störungen in Rente. Die Krankenkassen machen schon lange darauf aufmerksam, dass „psychische Erkrankungen die neue, aber auch versteckte Volkskrankheit bei uns sind“, wie es Rolf-Ulrich Schlenker, Vize-Chef der größten deutschen Krankenkasse Barmer GEK unlängst ausdrückte. Das Wissenschaftliche Institut der AOK sieht „Burnout auf dem Vormarsch“. Um das Neunfache seien die Krankheitstage aufgrund dieser Diagnose zwischen 2004 und 2010 angestiegen. VdK-Präsidentin Mascher nimmt die Zahlen der Rentenversicherung zum Anlass, mehr berufliche Rehabilitation statt Frührente zu fordern. Im Jahr 2010 wurden 177 000 Reha-Maßnahmen - von insgesamt einer Million - wegen psychischer Leiden durchgeführt. 84 Prozent der Erkrankten schafften es mit Hilfe der Reha, anschließend ins Berufsleben zurückzukehren. Die Psychotherapeuten warnen vor Stress im Berufsleben: „Wenn der Erfolgs- und Zeitdruck zunehmen und der einzelne Beschäftigte immer weniger das Ergebnis seiner Arbeit bestimmen kann, werden psychische Erkrankungen immer häufiger werden“, so Professor Rainer Richtert, der Präsident der Psychotherapeutenkammer. Erschöpfung und Burnout seien „nur die Spitze des Eisberges, häufig sind sie erste Anzeichen für eine beginnende Depression oder Angsterkrankung“. Ganze drei Monate müssten Patienten mit Depression oder Angststörung auf ein Erstgespräch bei einem Therapeuten warten – was dazu führe, dass Krankheiten sich in der Zwischenzeit verschlimmerten und chronisch würden. Die Psychotherapeuten fürchten zudem, dass ausgerechnet durch das derzeit in der Beratung befindliche Versorgungsgesetz gegen Ärztemangel die Situation sich noch verschlechtern könne: Bis zu 2000 Praxen seien prinzipiell bedroht, weil die veraltete Bedarfsplanung Deutschland als überversorgt mit Psychotherapeuten ausweise.